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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Morgensonne am Hindukusch

Mit Sorgen ist es wie mit Nudeln - man macht sich immer zu viele. Beispiel: Die Taliban. Der Schrecken des Hindukusch entpuppt sich als freundlicher Herr mit Bart in Schlappen. Wir haben den Krieg in Afghanistan verloren? Interpretationssache! Wir haben neue Freunde gewonnen, und nicht nur Kölner singen jetzt begeistert mit: "Echte Fründe ston zesamme". Haben wir uns nicht auch vor der CSU immer gefürchtet? Raketen-Strauß, Fallbeil-Stoiber, Ego-Söder. Völlig zu Unrecht, denn die CSU ist, wie der aktuelle Wahlkampf zeigt, doch mehr Zwerghamster als Löwe, die darf man sogar streicheln, vorsichtig. Die Taliban sind auch nicht mehr wie früher. Gut, streicheln ist vielleicht verfrüht, aber die Wirtschaft!

Die FDP hat schon vor Jahren die Chancen des Teppichhandels in Afghanistan erkundet. Dort liegt auch der Lapis rum wie bei uns die Kippen, was gleich noch den Absatzmarkt für Lastenräder der Grünen enorm erweitert. Die herrlichen Mohnfelder bieten unendlichen Nachschub für unsere Apotheken, die demnächst den staatlichen Drogenhandel organisieren. Die Schreihälse von Zalando könnten mit einem Mudschahidin-Look ganz neue Käuferschichten in Berlin-Neukölln ansprechen. Und warum den Chinesen die Seidenstraße überlassen? Siemens ist schon scharf auf die Elektrifizierung des Pandschirtals. Projektname: Tali-Bahn. Die religiösen Gräben sind auch weniger tief als befürchtet. Über ein kirchliches Kontaktprogramm könnten wir unsere prähistorischen Priester endlich an zeitgemäße Formen der Missionierung heranführen. Die Umwertung aller Werte ist kein Manko, sondern Beleg für eine situationselastische Politik.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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