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BUNDESWEHR
Alexander Weinlein
Frust der Krieger

Afghanistan hat das Selbstverständnis der Truppe verändert

Wir sind von der eigenen Regierung moralisch verletzt, und das ist beschämend." Es sind offene und harte Worte, die Marcus Grotian am 24. August dieses Jahres vor der Bundespressekonferenz in Berlin wählt. Der Vorsitzende des "Patenschaftsnetzwerkes Afghanische Ortskräfte" macht keinen Hehl aus der tiefsitzenden Frustration angesichts der chaotischen Situation in Afghanistan. Und er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung: Sie habe wochenlang verhindert, dass afghanische Ortskräfte schnell und unbürokratisch gerettet werden können.

Wäre Marcus Grotian Zivilist, dann würden seine scharfe Kritik niemanden verwundern. Aber Grotian ist Offizier, Hauptmann der Bundeswehr. Auch wenn er vor der Bundespressekonferenz keine Uniform trägt. Politische Statements von Soldaten der Bundeswehr sind streng reglementiert. Aber die Journalisten wissen um seinen Hintergrund. Und solch harte Kritik eines Bundeswehrsoldaten an der politischen Führung hat eine besondere Qualität.

Soldatisches Ethos Grotian war 2011 selbst im afghanischen Kundus stationiert und kennt die Lebenssituation jener Menschen, die "unter Einsatz ihres eigenen Lebens an unserer Seite versucht haben, die Sicherheit in Afghanistan zu erhöhen". Dass diese Menschen nun zurückgelassen werden, trifft Veteranen des Afghanistan-Einsatzes nicht nur menschlich, sondern trifft auch ihr soldatisches Selbstverständnis. "Keiner wird zurückgelassen" ist für Soldaten keine leere Floskel oder ein markiger Spruch aus einem Hollywood-Kriegsfilm, sondern Teil ihrer militärischen Ausbildung. Jeder Soldat der Bundeswehr bekommt ab Tag Eins seiner Grundausbildung dieses Kameradschafts-Ethos beigebogen. Es mag sich in erster Linie auf die Kameraden in Uniform beziehen, aber dass die Soldaten der Bundeswehr ihre Helfer in Afghanistan ebenfalls unter diesem Aspekt betrachten, sollte nicht verwundern.

In diesem Sinne äußerte sich auch der Vorsitzende des Bundes Deutscher Einsatzveteranen, Bernhard Drescher. Die Stimmung unter den Veteranen des Afghanistan-Einsatzes sei "grottenschlecht". Angesichts der Bilder aus Kabul entstehe bei ihnen der Eindruck, dass ihre Arbeit zunichte gemacht werde. Schließlich ziehe man Schutzkräfte nicht ab, bevor nicht alles Schützenswerte in Sicherheit gebracht worden sei. Auch André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, weist auf die "enorme Wut" bei vielen Afghanistan-Veteranen und auch bei den Angehörigen gefallener und verwundeter Soldaten hin, die sich nun fragten, ob die erbrachten Opfer "umsonst" seien. Es sei Vertrauen in die Politik verloren gegangen und dies sei für Streitkräfte in einer Demokratie nicht gut. Wüstner ist Oberstleutnant, war ebenfalls in Afghanistan im Einsatz, und kann seine Kritik an der politischen Führung als Vorsitzender der Interessenvertretung der Bundeswehrsoldaten auch in Uniform vortragen.

Die kritischen und frustrierten Stimmen aus der Truppe sollten im Verteidigungsministerium und im Bundestag ernst genommen werden. Soldaten, die das Vertrauen in die politische Führung verlieren oder gar am Sinn ihres Auftrages zweifeln, kann sich eine moderne Demokratie nicht leisten. Es waren und sind Mitglieder der Bundesregierung und Parlamentarier selbst, die darauf stets hinwiesen und hinweisen.

Einsatzarmee Der 20-jährige Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan hat wie die Auslandseinsätze insgesamt das Selbstbild der Truppe und der Soldaten nachhaltig geändert. Seit der Aufstellung neuer deutscher Streitkräfte Mitte der 1950er Jahre galt die Erhaltung des Friedens in Europa für rund 50 Jahre als ihr Auftrag. Die Bundeswehr sollte nicht kämpfen, sondern Teil einer "glaubwürdigen konventionellen Abschreckung" innerhalb der Nato gegenüber dem Warschauer Pakt sein. Begriffe wie Krieg, Tod, Verwundung, Traumatisierung, Gefallene und Veteranen waren in der Bundeswehr eher akademischer Natur, weil sie im soldatischen Alltag nicht vorkamen. Dies hat sich seit Ende des Kalten Krieges und der Beteiligung an den Einsätzen der Bundeswehr weltweit dramatisch geändert. Im Kosovo-Krieg 1999 waren deutsche Soldaten dann erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs in einen Kampfeinsatz involviert. 14 Tornado-Jets wurden während der Luftangriffe der Nato gegen Serbien für die Luftaufklärung und die Bekämpfung der serbischen Flugabwehr eingesetzt. Für die Bundeswehr stellt der 24. März 1999, an dem die Luftangriffe begannen, einen Wendepunkt in ihrer Geschichte dar. Aus den rein auf Abschreckung und Verteidigung ausgelegten Streitkräften wurde eine "Einsatzarmee". Schon drei Monate später rollten deutsche Kampfpanzer über die Straßen des Kosovo im Rahmen des internationalen KFOR-Einsatzes.

Kein Einsatz der Bundeswehr im Ausland sollte die neue Wirklichkeit in der Bundeswehr so nachhaltig verändern wie der in Afghanistan ab 2001 im Rahmen der "Operation Enduring Freedom" (OEF), der "International Security Assistance Force" (ISAF) und der "Resolute Support"-Mission (RS). "Die Bundeswehr ist am Hindukusch erwachsen geworden", resümiert der Militärhistoriker Sönke Neitzel in seinem aktuellen Buch "Deutsche Krieger", in dem er die Geschichte des deutschen Militärs vom Kaiserreich bis heute nachzeichnet. Erstmals in ihrer Geschichte sei die Bundeswehr damit konfrontiert worden, "den Krieg nicht nur zu spielen, sondern auch zu führen". In den ersten "Friedensmissionen" nach Ende des Kalten Krieges "schienen die Streitkräfte eine Aufgabe gefunden zu haben, die außenpolitisch nützlich und zugleich gesellschaftlich vermittelbar war", schreibt Neitzel. "Doch dann lief Afghani-stan aus dem Ruder, und man musste lernen, mit Tod und Verwundung umzugehen, auch die psychischen Langzeitfolgen zu bewältigen." Doch die Bundeswehr habe sich diesem Einsatz gewachsen gezeigt. "Sie bewies, dass sie zu kämpfen verstand und die Taliban zwischen 2009 und 2011 in den wichtigsten Regionen Nordafghanistans zurückzudrängen vermochte." Obwohl nur eine Minderheit der deutschen Soldaten in Gefechte verwickelt gewesen sei, habe das "Kriegshandwerk" in den "tribal cultures" der Bundeswehr offenbar überlebt, befindet Neitzel.

Krieg und Krieger Solche Befunde werden in der mehrheitlich pazifistisch gesinnten Gesellschaft der Bundesrepublik nicht so gerne gehört. Soldatische Tugenden, zu denen das Kämpfen qua Job-Beschreibung dazugehört, sind nach den katastrophalen Folgen des deutschen Militarismus im Kaiserreich und im Nationalsozialismus verpönt. Als Oberstleutnant Hans-Otto Budde noch vor seiner Beförderung zum Inspekteurs des Heeres im Frühjahr 2004 davon sprach, die Bundeswehr brauche "den archaischen Kämpfer, und den, der den High-Tech-Krieg führen kann", rief dies viel Kritik und heftige Diskussionen hervor. Ob die Bundeswehr "archaische" Krieger braucht, sei dahingestellt, zumindest war Buddes Aussage ein ganzes Stück ehrlicher und realistischer, als all die Euphemismen, hinter denen sich führende deutsche Politiker lange verschanzten.

Trotz des offenkundigen Gefahrenpotenzials, das die Bundeswehr in Afghanistan erwartete, versuchte die unterschiedlichen Bundesregierungen seit 2001 das militärische Engagement am Hindukusch in der Bevölkerung lange als "Stabilisierungsmission" zu verkaufen. Bezeichnungen wie "Kampfeinsatz" wurden möglichst vermieden oder mit der Bezeichnung "robustes Mandat" umschrieben. Das Erwachen für die deutsche Öffentlichkeit über den wahren Charakter des Einsatzes am Hindukusch war dann um so schmerzlicher. Als im "Karfreitagsgefecht" des Jahres 2010 drei deutsche Soldaten während eines neunstündigen Kampfes mit den radikalislamistischen Taliban getötet wurden, ließ sich die Realität auch im politischen Berlin nicht länger ausblenden. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sprach Klartext: "Auch wenn es nicht jedem gefällt, so kann man angesichts dessen, was sich in Teilen Afghanistans abspielt, umgangssprachlich von Krieg reden." Die Soldaten wussten das längst.

Verantwortung der Politik Das 20-jährige militärische Engagement in Afghanistan hat sich tief in das Bewusstsein der Bundeswehr eingegraben. Im Verteidigungsministerium im Bendlerblock in Berlin erinnert das Ehrenmal an die rund 3.200 militärischen und zivilen Bundeswehrangehörigen, die seit der Gründung der Bundeswehr in Ausübung ihres Dienstes gestorben sind. Unter ihnen finden sich auch die Namen der 59 Soldaten, die nicht lebend vom Hindukusch zurückgekehrt sind, 35 starben in Gefechten oder wurden Opfer von Minen und Bombenattentaten. Insgesamt waren rund 150.000 Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Viele von ihnen werden in den kommenden Wochen genau hinschauen, wie die Politik den Afghanistan-Einsatz aufarbeiten wird und welche Konsequenzen aus Fehlern gezogen werden. Darauf haben sie einen berechtigten Anspruch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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