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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Die Aufräumerin: Kristina Nordt

D ie meisten Abgeordneten kommen in den Bundestag nach einem langen Wahlkampf. Kristina Nordt aber nahm überrascht den Fahrstuhl. Es ist später Nachmittag, sie ist zuhause und hütet das Kind, plant Auftritte - und gibt ein Interview. Als die Erfurterin, 39, im Frühjahr 2021 erfuhr, dass sie in den Bundestag nachrücken möge, "war ich völlig platt", hatte sie doch gerade beim Kolping-Bildungswerk Thüringen eine neue Stelle als Assistentin der Geschäftsführung angetreten.

Doch ihr Vorgänger, Mark Hauptmann, war für CDU und Fraktion untragbar geworden, nach einem mutmaßlichen Lobbying für autokratische Regime und der Vermittlung von Masken. Nordt hatte 2017 auf Platz sechs der Landesliste kandidiert und war nun die nächste. Als sie von den Vorwürfen gegenüber Hauptmann hörte, gab es einen Moment "völliger Sprachlosigkeit". Sie habe sich das persönlich von ihm nicht vorstellen können, "ich war enttäuscht". Sie habe kurz gezögert und dann die Bitte ums Nachrücken angenommen. "Ich werde mein Möglichstes tun, um dem Eindruck, den die Politik in den vergangenen Tagen manchmal vermittelt hat, mit Fleiß und Aufrichtigkeit entgegenzuwirken", erklärte sie damals laut einer der thüringischen CDU verbreiteten Mitteilung. Also zog sie nach Berlin, "die Möglichkeit des Gestaltens reizte mich".

Schließlich stammt Nordt aus einer politischen Familie. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater ehemaliger Richter, Abgeordneter und Innenminister in Thüringen. Nordt war zwölf, als die Familie aus Kaiserslautern nach Erfurt zog. "Klar war ich von der Idee anfangs nicht begeistert", erinnert sie sich, "aber ich fand Erfurt von Beginn an schön, und es winkte ein Abenteuer." Als Jugendliche habe sie dann die Frage fasziniert, wie Staatsstrukturen funktionieren. Die CDU sei schon damals ihr "Heimathafen" gewesen, das sei durchaus auch elterlich geprägt gewesen, "aber natürlich auch durch die Werte: Der Staat soll nicht alles regeln, sondern das Individuum im Zentrum stehen".

Nach dem Abi studierte Nordt Staatswissenschaften und trat danach zwischen 2005 und 2007 eine Stelle als Referentin im Sozialministerium an. Sie habe damals die Exekutive gut kennengelernt, "dann zog es mich zur Legislative, zum Mitbestimmen und Mitlösen"; sie arbeitete bis 2020 als Referentin in der Landtagsfraktion.

Und schließlich das Abenteuer Bundestag. Der wirkte auf sie im ersten Moment größer und unübersichtlicher, wie sie sagt. "Der Apparat ist viel weitläufiger." Umso herzlicher sei die Aufnahme in der Fraktion und bei der Gruppe der Frauen gewesen - "die Vorsitzende hat ihr Büro nur wenige Zimmer entfernt, das half sehr". Die Ausschüsse übernahm Nordt von Hauptmann: Sie ist Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Gesundheit und im Auswärtigen Ausschuss. "Bildung wäre mein Lieblingsausschuss gewesen", sagt sie, aber sie stand in der Verantwortung. Nur wenige Wochen später die erste Rede im Plenum, "danach verspürte ich Erleichterung und Zufriedenheit".

Wie es weitergeht, ist ungewiss. Nordt kandidiert wieder auf Platz sechs der Landesliste für den nächsten Bundestag, doch "die Chancen sind eher bescheiden", konstatiert sie. Im Wahlkreis, den Hauptmann innehatte, kandidiert Hans-Georg Maaßen, der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsschutzes. Einige parteiinterne Kritik gibt es an der Kandidatur, wegen Maaßens rechtspopulistischen Tendenzen, so der Vorwurf; zuletzt rief ein Mitglied des "Kompetenzteam" von Kanzlerkandidat Armin Laschet indirekt zur Wahl von Maaßens SPD-Kontrahenten im Wahlkreis auf. Ärgert es sie, dass sie im Wahlkreis nicht antritt? "Nein, das war die Entscheidung der Kreisverbände. Und ich wünsche mir, dass der Wahlkreis weiterhin von der CDU vertreten wird. Das braucht er."

Das heißt: Womöglich wird das Bundestagsmandat für Nordt vorerst ein Ausflug gewesen sein. Einer, den sie aus Verantwortung antrat und der ihr durchaus gefiel. Reicht es nicht, würde sie wieder zurück wechseln ins Kolping-Bildungswerk. "Diese Bildungsarbeit ist auch sehr spannend."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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