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EDITORIAL
Alexander Heinrich
Jede Stimme zählt

Die Kandidaten für das Kanzleramt liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen - nach einer wochenlangen Umfragen-Aufholjagd von Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) auf seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU). Am Ende liegen am Abend dieser Bundestagswahl 2002 die Volksparteien gerade einmal rund 6.000 Zweitstimmen auseinander. Die Balken zeigen für beide ein Ergebnis von 38,5 Prozent.

Die Zeiten haben sich geändert. Union und SPD dürften im Wahljahr 2021 von Zustimmungswerten wie damals nur träumen. Kleinere Parteien, die damals einstellige Ergebnisse einfuhren, können heute mit zweistelligen rechnen. Auch von einer klaren Lagerbildung wie damals kann heute keine Rede sein. Zu erwarten ist eher eine Konstellation, in der sich drei Koalitionspartner zusammenfinden werden. Eine Erkenntnis von 2002 aber bleibt: Wahlen können zuweilen sehr knapp ausgehen. Deshalb ist es keine Binse, immer wieder einmal daran zu erinnern, dass jede Stimme zählt.

Für die anstehende Bundestagswahl beziffern Umfrageinstitute die Zahl der Unentschlossenen und der Nichtwähler auf ein Viertel. Das entspräche etwa einer Wahlbeteiligung von 76 Prozent vor vier Jahren - nach dem Tiefststand von 71 Prozent im Jahr 2009 und 71,5 Prozent im Jahr 2013. Damals verzichteten knapp 18 Millionen Wahlberechtigte auf den Gebrauch eines Rechts, das jedem deutschen Staatsbürger ab seinem 18. Geburtstag zusteht: Das Recht, mitzubestimmen, welche Parteien und welche direkt gewählten Vertreter im Bundestag sitzen. Es geht um nichts anderes als die Möglichkeit, alle vier Jahre Einfluss darauf zu nehmen, wer das Land regiert.

Wahlen zum Bundestag sind allgemein, unmittelbar, gleich und geheim, und sie sind frei - so gibt es das Grundgesetz vor. Das heißt auch: Niemand darf zu einer Wahlentscheidung gezwungen werden. Nichtwählern Vorwürfe zu machen, erübrigt sich, es ist ihr Recht, sich gegen ein Kreuz in der Wahlkabine zu entscheiden. Doch was man mit einer solchen Entscheidung womöglich vergibt, hat der Korrespondent der ARD in Afghanistan dieser Tage auf den Punkt gebracht: In Kabul bekomme man eine neue Perspektive auf den deutschen Wahlkampf, schrieb Markus Spieker auf seinem Twitter- Account. "Was für ein Geschenk, in einer freien Demokratie zu leben. Und was für eine Tragik für die Afghanen, deren Zukunftsträume von den Taliban gerade ausradiert werden...".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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