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psychologie
Susanne Kailitz
Angst und Stress

Die Coronakrise bringt viele Familien und Kinder an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit

An manchen Tagen dauert es lange, bis Felix Schmidt (Name geändert) zur Ruhe kommt. Dann muss er sich immer wieder vergewissern, dass seine Kuscheltiere in der richtigen Reihenfolge im Bett liegen. Für das Gute-Nacht-Ritual mit seiner Mutter muss er mehrfach hintereinander die gleichen Sätze sagen; stimmt ein Wort nicht, fängt der Elfjährige von vorn an. "Eine Zeitlang habe ich das für eine harmlose Marotte gehalten", sagt die Mutter Julia, "aber irgendwann hat er selbst gesagt, dass das für ihn ein Zwang sei, der ihn stört. Und dass er manchmal ewig für den Weg nach Hause braucht, weil er die Gehwegplatten nur in einer bestimmten Weise betreten kann und sich immer überlegen muss, wie er die Treppe hochgeht. Das hat mich dann schon beunruhigt." Schmidt wandte sich an eine Kinder- und Jugendpsychologin, seither geht Felix alle zwei Wochen zur Therapie und hat einiges über seinen Zustand gelernt. "Sie hat gesagt, dass das Zwangshandlungen sind, mit denen mein Gehirn mich austrickst, wenn ich Angst habe", sagt der Schüler. "Jetzt üben wir, wie ich es hinkriege, dass ich das nicht machen muss. Und wir reden, warum ich manchmal Angst habe."

Kontakt mit Freunden Für Felix Mutter ist die Ursache für die Verunsicherung ihres Sohnes relativ klar: die Corona-Pandemie und all die Dinge, die mit ihr einhergehen. "Er hat im Frühjahr massiv darunter gelitten, dass auf einmal die Schule zu war und er von heute auf morgen niemanden mehr außer den Familienmitgliedern gesehen hat. Felix sei ein Einzelkind, der Kontakt zu seinen Freunden besonders wichtig. Und wahrscheinlich habe er auch zu viel von den Nachrichten mitbekommen. "Eine Weile wollte er seine Großeltern nicht sehen, weil er Angst hatte, dass sie krank werden könnten."

Die Psychologin habe gesagt, Felix sei kein Einzelfall, berichtet die Mutter. In ihrer Praxis seien im Moment viele Kinder mit Angst- und Zwangsstörungen. Tatsächlich gebe es auch in ihrem eigenen Freundes- und Bekanntenkreis viele Familien, die etwas Ähnliches berichteten. Dass die Kinder traurig und unruhig seien; Angst und Bauchschmerzen hätten, schlecht schliefen. "Man muss da schon sehr aufpassen, dass wir als Erwachsene unsere Sorgen um die Situation nicht auch noch auf die Kinder übertragen. Wir müssen ihnen Mut machen, dass alles wieder gut wird", meint die Mutter von Felix. Die Therapeutin sei zuversichtlich, die psychische Störung des Jungen in den nächsten Monate in den Griff zu bekommen.

Depressive Symptome Familie Schmidt ist mit ihrem Problem tatsächlich ganz und gar nicht allein. So belegen aktuelle Studien, dass sich das Virus und die Auflagen, die zu dessen Eindämmung ergriffen werden, auf die psychische Gesundheit der Bevölkerung auswirken. Forscher der bundesweiten Langzeitstudie zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung (Nako-Gesundheitsstudie) haben sich in einer Sonderbefragung im Frühjahr bei fast 160.000 Menschen nach deren Befinden erkundigt. Demnach haben bei Teilnehmern unter 60 Jahren, insbesondere bei Frauen, depressive Symptome, Angstsymptome und Stress deutlich zugenommen.

Alleinerziehende unter Druck Zu dem gleichen Befund kommt die Studie "Psychische Gesundheit in der Krise" der pronova BKK, für die 154 Psychiater und Psychotherapeuten in Praxen und Kliniken befragt wurden. Die Experten stellten fest, dass bei 86 Prozent ihrer weiblichen und bei 70 Prozent der männlichen Patienten psychische Beschwerden in der Krise zugenommen haben.

Bei Familien mit Kindern sprechen 84 Prozent der Psychiater und Psychotherapeuten von vermehrten psychischen Problemen. Bei Familien ohne Kinder sind es nur 49 Prozent, bei Alleinerziehenden hingegen 92 Prozent.

Insgesamt verzeichnet nach einer Befragung des Versicherungskonzerns Axa ein Drittel der befragten Ärzte einen vermehrten Zulauf an Patienten, niedergelassene Psychiater registrierten 46 Prozent mehr Patienten. Ein Viertel der Mediziner verschreibt nach eigenen Angaben mehr Medikamente als vor der Krise.

Robuste Seelen Droht eine seelisch erkrankte Gesellschaft? Gespräche mit Experten belegen das nicht. Sie lassen den Schluss zu, dass es zwar Grund zur Sorge gibt, aber keinen Anlass für Panik. Denn bei aller Beunruhigung über die hohe psychische Belastung vieler Bevölkerungsteile in der Coronakrise gebe es einen beruhigenden Fakt, sagt Fredi Lang, Psychologe und Referatsleiter Fach- und Bildungspolitik beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen: "Menschen sind robust." Zwar seien im Frühjahr die Fälle von Depression und Angst bei Menschen stark gestiegen, das zeige sich auch im kurzfristigen Anstieg der entsprechenden Krankmeldungen. "Aber wir wissen auch, dass nicht aus jeder Belastung zwangsläufig eine Chronifizierung wird."

Die Erfahrung aus anderen Krisen und Katastrophen zeige, dass mit einer Verbesserung der Lage in aller Regel auch eine Verbesserung des Befindens einhergehe. Grundsätzlich hätten die meisten Menschen gute Ressourcen, um sich veränderten Bedingungen anzupassen und auch mit Bedrohungen und Ängsten umzugehen. "Wir sind schon recht gut in der Lage, uns nach Krisen wieder aufzurichten und neu zu sortieren", meint Lang. Schwieriger sei es allerdings für jene, die schon vorher unter psychischen Erkrankungen wie Angststörungen litten - und Menschen, die etwa aufgrund ihrer ökonomischen Lage nicht ausreichend Ressourcen hätten. "Als vierköpfige Familie kommen Sie in einer großen Wohnung mit ausreichend Platz und Rückzugsräumen besser durch den Lockdown, als auf 55 Quadratmetern ohne Balkon." Er sehe deutliche Unterschiede beim soziodemografischen Faktor, sagt Lang: "Corona ist definitiv ein Brennglas für gesellschaftliche Ungerechtigkeiten."

Trauma für Kinder Viele Erwachsene verfügen also über das Rüstzeug, um einigermaßen unbeschadet durch die Krise zu kommen. Was aber ist mit den Jüngeren? Für ihr Erleben sind die Monate ohne Schule oder sozialen Kontakt teilweise viel gravierender, weil sie einen größeren Teil des Lebens prägen - acht Monate werden von einem Elfjährigen anders und länger empfunden als von einem Erwachsenen in der Mitte des Lebens.

Der Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten, Michael Schroiff, sagt, er erlebe derzeit viele Kinder und Jugendliche, für die Corona durchaus ein "traumatisches Erlebnis" sei. Sie fühlten sich der Pandemie hilflos ausgeliefert. Während kleinere Kinder eher mit Ängsten und Verunsicherung reagierten, entstünden bei Jugendlichen depressive Verstimmungen. Es sei davon auszugehen, "dass im Moment Störungen entstehen, die wir in den nächsten zwei Jahren in den Praxen abarbeiten werden". Es müsse schnell auf die psychischen Beeinträchtigungen reagiert werden, bevor sie sich zu Krankheiten verfestigen könnten. "Wir wissen, dass Stress und innerer Druck bei Menschen auch körperliche Beeinträchtigungen auslösen können, etwa eine Schwächung des Immunsystems".

Strukturen festigen Der Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Schwerin, Jochen Buhrmann, sagt, insbesondere die Pubertät sei eine "wichtige Schwellensituation" im Leben: "Das ist eine entscheidende Phase, in der der Austausch mit der Peer-Group existentiell ist." Deshalb werde ein Abbruch der Kontakte zu Freunden und Altersgenossen von Jugendlichen als viel einschneidender empfunden als von Erwachsenen. Es sei wichtig, Kindern und Jugendlichen in dieser Phase eine feste Struktur und Sicherheit im Alltag zu geben.

Renate Schepker, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, rät dazu, Kinder zu stärken, indem ihnen ihre Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. "Empowerment" sei wichtig. "Sie müssen wissen, dass sie mit der Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln und durch das Tragen der Maske aktiv etwas tun können, um sich und andere zu schützen."

Druck verringert Grundsätzlich sehen Schepker und ihre Berufskollegen durchaus auch Positives, das die vergangenen Monate mit sich gebracht haben. "Nicht alle leiden unter den Schulschließungen, für manche Kinder mit psychischen Problemen, wie etwa sozialen Ängsten, hat sich damit der Druck deutlich verringert", sagt Schepker. Auch Michael Schroiff findet, dass der Blick etwa auf Beschulung und Betreuung deutlich differenzierter geworden sei. "Es gibt autistische Kinder, denen das Homeschooling sehr entgegen kommt, weil sie damit ohne sozialen Druck besser lernen können. Vielleicht gelingt es, da grundsätzlich etwas zu verändern."

Verändert hat sich auch die Betreuung von psychisch kranken Patienten, wie Gebhard Hentschel, Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, berichtet. Während die Behandlung per Videokonferenz früher nicht denkbar gewesen sei, hätten schon im April rund 75 Prozent seiner Kollegen diese Möglichkeit angeboten. Er fügt hinzu: "Natürlich ist der persönliche Kontakt immer noch der Goldstandard, weil Gestik und Mimik in einem Gespräch wichtig sind. Aber die Technik erlaubt es uns, schwierige Zeiten zu überbrücken, ohne dass wir Patienten verlieren."

Auch Schepker betont, dass mit dem Wegfall der Betreuung in Kitas und Schulen zwar wichtige Partner entfallen, wenn es darum geht, durch Missbrauch oder Gewalt gefährdete Kinder zu sehen. "Aber unsere Ambulanzen, Praxen und die Jugendämter konnten die ganze Zeit arbeiten. Das Hilfesystem für Familien in Not funktioniert meiner Ansicht nach weiter."

Krebstherapie Alles gut also in der psychischen Gesundheitsversorgung? Das wäre nur die halbe Wahrheit. Denn Gefahren lauern auch da, wo man sie nicht auf den ersten Blick vermuten würde. So hat die Deutsche Krebshilfe beklagt, dass bis Mitte 2020 rund 50.000 Krebsoperationen ausgefallen seien - und auch unterstützende Leistungen für Krebspatienten, von der psychosozialen Betreuung bis zur Palliativmedizin, seien in Kliniken "teilweise extrem nach unten gefahren" worden. Bei der Krebshilfe hätten sich etwa Patientinnen gemeldet, bei denen Brustkrebs-Nachsorgeuntersuchungen verschoben worden seien, das könne "fatale Folgen" haben.

Positiv werten Experten dagegen, dass im Zuge der Diskussion über die Folgen der Corona-Pandemie nun mehr Menschen auch über Fragen der psychischen Gesundheit sprechen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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