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Parlamentarisches Profil
Claudia Heine
Der Dienstälteste: Wolfgang Schäuble

Ich will Spaß, ich brauch Spaß", lautete ein deutsches One-Hit-Wonder aus den Hoch-Zeiten der neuen deutschen Welle von 1982. Gemeint war das damals als lustige Provokation: "Mein Maserati fährt 210. Schwups, die Polizei hat's nicht gesehen. Das macht Spaß." Die Spaßkultur ist mittlerweile erwachsen und zu einer Smiley-Kultur geworden. Ob einer Person etwas Spaß macht, so die verbreitete Meinung, erkennt man am besten am Lachen dieser Person.

Aber die "verbreitete" Meinung war noch nie eine, der sich Wolfgang Schäuble nur deshalb verpflichtet fühlte, weil sie verbreitet war. Weder 1982 noch heute. Deshalb sollte man aus seinem meist ernst-nachdenklichen Gesichtsausdruck auch keinesfalls schließen, Politik mache ihm keinen Spaß. Das Gegenteil muss der Fall sein, anders lässt sich nicht erklären, warum der 79-jährige CDU-Politiker auch nach 49 Jahren im Bundestag noch nicht genug hat. Seit 1972 ist Schäuble Direktkandidat seiner Partei im Wahlkreis Offenburg. Seitdem lässt er die Konkurrenz dort um Längen hinter sich. Diesmal jedoch musste er mit 34 Prozent (2017: 48 Prozent) einen Dämpfer wegstecken - wie fast alle CDU-Direktkandidaten in Baden-Württemberg.

"Politik ist eine Leidenschaft", sagte Schäuble einmal. Und die erkennt man bei ihm eben nicht an großen Gesten, sondern schlicht, wenn man sich seine Karriere anschaut, in der nicht alles rund lief, es aber dann doch immer wieder bergauf ging.

Wolfgang Schäuble hat in seinem politischen Leben so ziemlich alle wichtigen Ämter innegehabt. Er war Kanzleramtschef, Parlamentarischer Geschäftsführer und Fraktions- und Parteivorsitzender seiner Partei, zwei Mal Bundesinnenminister, Finanzminister und schließlich, gewissermaßen als logische Konsequenz seines langen Parlamentarierdaseins, Präsident des 19. Deutsches Bundestages. Bundeskanzler konnte er nicht mehr werden, nachdem die CDU-Führung sich vor mehr als 20 Jahren in eine unrühmliche Spendenaffäre und auch Schäuble sich in Widersprüche verstrickt hatten. Und dann kam Angela Merkel.

In all seinen Rollen war Schäuble nie bequem aber stets loyal, so wie er es Bundeskanzlerin Merkel (CDU) auch ankündigte zu sein, wenn sie ihn zum Bundesfinanzminister machen würde. Sie tat es 2009 trotzdem und bewies ihrerseits Loyalität zu ihrem Minister, als dieser mitten in der Euro-Finanzkrise und den schwierigen Verhandlungen über einen Rettungsschirm für Griechenland wochenlang im Krankenhaus lag. Nicht zum ersten Mal spekulierte die Öffentlichkeit da über Schäubles Abschied aus der Politik, aber Merkel stand zu ihm. Und bot ihm so die Chance, sich als "der" Vertreter einer rigorosen Sparpolitik zu profilieren. Als Politik mit ruinösen Folgen für die strauchelnden Krisenländer bezeichneten Kritiker Schäubles harte Gangart. Aber er ließ sich nicht beirren, die Politik der "schwarzen Null" für den deutschen Haushalt wurde schließlich zu seinem Markenzeichen als Finanzminister.

In die Geschichtsbücher ist er dabei schon längst wegen eines anderen Ereignisses eingegangen: der Deutschen Einheit. Schäuble verhandelte 1990 als Innenminister unter Helmut Kohl (CDU) mit dem Staatssekretär der DDR, Günther Krause, den Einigungsvertrag, der den Grundstein für die Struktur der Wiedervereinigung beider Länder legte. Ein politischer Triumph, dem die persönliche Tragödie folgte. Denn nur wenige Tage nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 schoss ihm ein psychisch kranker Mann in Kiefer und Rücken. Seitdem ist Schäuble auf den Rollstuhl angewiesen, seitdem beweist er allen: Politik kann eine Leidenschaft bleiben.

Seit einer Woche ist die CDU und mit ihr Schäuble als eine wichtige Instanz der Partei wieder mal in einer Phase, in der vieles nicht rund läuft. Wegen des schlechten Wahlergebnisses rumort es in der Union. Auch Schäuble selbst muss sich für die kommenden vier Jahr neu orientieren, denn das Amt des Bundestagspräsidenten fällt stets der größten Fraktion zu. Und die stellt in der neuen Wahlperiode die SPD.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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