Inhalt

Wahl
Birgit Svensson
Schiiten gegen Schiiten

Der Einfluss des Iran im Zweistromland schwindet

Obwohl Ajatollah Ali al-Sistani die Iraker kurz vor der Parlamentswahl zum Urnengang aufgerufen hatte, blieben die meisten zu Hause. Die Wahlbeteiligung war so niedrig wie noch nie seit dem Einmarsch der Amerikaner und Briten und dem Sturz Saddam Husseins 2003. Dabei hatte der oberste Geistliche der Schiiten im Irak stets großen Einfluss auf die Mehrheit seiner Landsleute - 65 Prozent der 33 Millionen Einwohner zwischen Euphrat und Tigris sind Schiiten. Als die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) 2014 den Nordirak überrannte und ein sunnitisches Kalifat errichtete, rief der schiitische Ajatollah seine Landsleute auf, gegen die Dschihadisten zu kämpfen und vor allem die schiitischen Heiligtümer wie Moscheen, Tempel und Grabstätten zu schützen. So entstanden die Volksmobilisierungskräfte (PMF) - doch diese sind für den Irak inzwischen zum Problem geworden.

Heftige Machtkämpfe Die Geister, die Sistani rief, wird die Regierung in Bagdad nicht mehr los. Nach dem Sieg über den IS wollen die Milizen, von denen viele im Verbund des PMF vom Iran unterstützt werden, ein großes Stück des Machtkuchens abhaben, der nun verteilt wird. Doch die Haltung der Wähler ist eindeutig gegen sie. Die Fatah-Partei, die diverse Schiitenmilizen unter ihrem Dach vereint, hat seit der letzten Wahl mehr als die Hälfte der Stimmen eingebüßt. Und der Autoritätsverlust des Ajatollahs in Najaf ist offensichtlich, auch wenn dieser sich stets von Teheran distanzierte und für eine Trennung von Politik und Religion warb.

So werden in den kommenden Wochen und Monaten heiße Machtkämpfe zwischen den sogenannten irakischen Schiiten und den iranischen Schiiten erwartet, jenen, die von Teheran unterstützt werden und jenen, die sich "Irak zuerst" auf die Fahnen geschrieben haben. Ein Vorgeschmack dessen ist schon jetzt im Bagdader Viertel Dschadria zu beobachten. Seit der Bekanntgabe der offiziellen Wahlergebnisse gehen Mitglieder der "iranischen" Schiitenmilizen auf die Straße, errichten Zelte und sperren die Hängebrücke über den Tigris. Sie wehren sich dagegen, aufgelöst zu werden, wie es seitens der noch amtierenden Regierung beabsichtigt wird. Gerüchte besagen, dass sogar Teheran damit einverstanden sein soll, die Milizen zu entwaffnen und sie in die irakische Armee einzugliedern. Die Söldner Irans sträuben sich jedoch dagegen.

Alle Augen schauen nun auf Moktada al-Sadr, Gewinner der Wahl und selbst schiitischer Kleriker. Er ist weder der Mann der Amerikaner, noch der Iraner, obwohl er nach der letzten Wahl mit der Schiitenmiliz-Partei Fatah koaliert hat. Doch da der Iran der große Verlierer dieser Wahl ist, kann Sadr andere Koalitionen eingehen und den politischen Einfluss Irans zurückdrängen. Dhia al-Asadi, früherer Berater al-Sadrs, prophezeit, dass der Kleriker ein Bündnis ohne jeglichen iranischen Einfluss schließen werde. Damit wäre der ehemalige Premierminister Nouri al-Maliki, der an dritter Stelle bei den Wahlresultaten liegt und als eindeutig Iran-treu gilt, aus dem Rennen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag