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Ortstermin: Der Plenarsaal im Reichstagsgebäude
Irina Steinhauer
Zwischen Alt und Neu

Es war ein historischer Moment, damals am 19. April 1999. Als Wolfgang Thierse (SPD) auf den Stufen des Reichstagsgebäudes triumphierend einen übergroßen symbolischen Schlüssel in die Höhe streckte. "Berlin ist von nun an die politische Metropole Deutschlands", so die Worte des damaligen Bundestagspräsidenten. Das Herz der Demokratie war nach Berlin zurückgekehrt. Unter einer riesigen Kuppel aus Stahl und Glas sollten seine Mitglieder neuneinhalb Jahre nach dem Mauerfall eine neue, alte Wirkungsstätte finden. Zweimal war das Gebäude da schon Sitz deutscher Parlamente gewesen, erst im Kaiserreich, dann in der Weimarer Republik.

Mehr als zwei Jahrzehnte sind seit dem letzten Einzug vergangen. Und doch ist vieles gleich geblieben, in dem von Star-Architekt Sir Norman Foster entworfenen Plenarsaal: etwa der zweieinhalb Tonnen schwere Adler, der bis heute die Wand hinter dem Rednerpult ziert, der blaue Halbkreis, zu dem die im Boden verankerten Sitze angeordnet sind, oder das zweigestaffelte Podest des Präsidiums. Von dem aus leitete Thierse die erste Sitzung im wiedereröffneten Reichstagsgebäude. Rund 1.400 Sitzungen später hielt die frisch gewählte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas dort vergangene Woche ihre Antrittsrede.

Anderes wiederum hat sich gewandelt, sieht der Plenarsaal doch nach jeder Bundestagswahl ein bisschen anders aus: Verschiebt sich das politische Kräfteverhältnis, muss sich das schließlich auch in der Sitzverteilung widerspiegeln. Noch bevor der Startschuss für eine neue Wahlperiode gefallen ist, wird also schon fleißig angepackt unter der Kuppel. Während Bundestagsneulinge ihre Büros beziehen und Abgewählte Umzugskisten packen, machen Handwerker und IT-Techniker den Plenarsaal startklar für die erste Sitzung. Sie schrauben Stühle ab und an anderer Stelle wieder fest, montieren Tische und verkabeln Telefone, testen Mikros und justieren die Akustik neu. Ein aufwendiges Unterfangen, zumal bei einem Parlament, das erneut größer wird. 736 Sitzplätze mussten die Handwerker dieses Mal unterkriegen - rund 70 mehr als noch Ende der 1990er Jahre. All das geschah unter mächtigem Zeitdruck. Zwar lagen zwischen Wahl und erster Sitzung rund vier Wochen, direkt starten konnten die Arbeiten aber nicht. Erst musste sich der Vorältestenrat auf eine (vorläufige) Sitzordnung einigen: Zum Auftakt am Dienstag blieb dabei erstmal alles beim Alten. Allerdings kann jedes Parlament, sobald es seine Arbeit aufgenommen hat, selbst entscheiden, welche Fraktion wo sitzen soll. Gut möglich also, dass die Handwerker bald erneut anrücken müssen.Irina Steinhauer

Aus Politik und Zeitgeschichte

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