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Corona-schutz
Marc Engelhardt
Im Alleingang

Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor gravierenden Folgen des Impfnationalismus: Neue Mutationen drohen ebenso wie volkswirtschaftliche Schäden in Billionenhöhe. Ein Umsteuern ist dennoch nicht in Sicht.

Vor den Folgen eines Impfnationalismus warnte Tedros Adhanom Ghebreyesus bereits, als es noch keinen Impfstoff gegen Covid-19 gab. Doch seit die Impfungen begonnen haben, werden die Warnungen des Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer eindringlicher. Am 18. Januar wandte sich Tedros nach einer Sitzung des WHO-Exekutivrats an die Öffentlichkeit und erklärte: "Die Welt steht vor einem moralischen Versagen katastrophalen Ausmaßes, und der Preis dafür werden Menschenleben und Existenzen in den ärmsten Ländern der Welt sein." Nach WHO-Zahlen waren bis zu diesem Tag rund 39 Millionen Impfdosen gegen Covid-19 verabreicht worden - in 49 Ländern, die fast alle zu den reichsten der Welt gehören. In Afrika, erklärte Tedros dem Exekutivrat, liege die Zahl der Geimpften im gleichen Zeitraum bei 25 - nicht Millionen oder tausend, sondern 25. Und wenn es nach den Prognosen der Economist Intelligence Unit geht, wird sich daran nichts ändern. Der britische Thinktank sagt voraus, dass Impfungen für die breite Bevölkerung in den meisten Ländern Afrikas, aber auch in armen Staaten Zentral- und Südostasiens, frühestens im April 2022 beginnen werden. Für viele Staaten werde es sogar erst 2023 so weit sein.

Ambitionierte Pläne Gibt es den Covid-Impfstoff also nur für Reiche? Eigentlich sollte das ein Mechanismus namens Covax (siehe Stichwort) verhindern, den die Globale Impfallianz Gavi und die WHO bereits im Sommer 2020 vorstellten. Die Idee war so einfach wie genial: Alle Staaten der Welt sollten in einen Fonds einzahlen. Damit werde dann Impfstoff gekauft, der global verteilt zunächst Hochrisikogruppen und dem Gesundheitspersonal verabreicht werde. In 92 Ländern, gerade den ärmsten, würden die Kosten für Impfstoff und Kampagnen übernommen. Auch reiche Länder profitierten aber, unter anderem indem die Preise und der Markt für die damals noch nicht entwickelten Impfstoffe einheitlich und transparent gestaltet seien. Nach dem Covax-Modell wären zunächst drei Prozent der Bevölkerung in allen Ländern geimpft worden und dann sukzessive mehr, bis zumindest ein Fünftel der Weltbevölkerung abgedeckt gewesen wäre.

Heute muss Gavi-Chef Seth Berkley einräumen: "Wir sind nicht glücklich; wir hätten uns gewünscht, dass die Impfungen auf der Nord- und der Südhalbkugel gleichzeitig beginnen, aber das ist uns nicht gelungen." Zum einen fehlen Gavi die nötigen Mittel, um Impfstoffe zu kaufen und mit den Impfungen im globalen Süden nachzuziehen. "Unsere größte Herausforderung aber ist, überhaupt genügend Impfstoff zu bekommen, um dazu in der Lage zu sein." Angesichts des Verteilungskampfes, den sich aktuell die Industrieländer liefern, scheint das wenig wahrscheinlich. Zwar hat der Impfstoffhersteller AstraZeneca Covax 150 Millionen und Pfizer-BioNTech seinerseits 40 Millionen Dosen Impfstoff zugesichert. "Aber 40 Millionen Dosen entsprechen zwei Prozent der Produktion, die die Firma in diesem und im kommenden Jahr leisten kann", kritisiert Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen (MSF). "Das heißt, der Großteil der Weltbevölkerung kriegt den kleinsten Teil von dem, was eigentlich produziert werden könnte."

MSF unterstützt einen Vorstoß Südafrikas und Indiens, die die geistigen Eigentumsrechte für Covid 19-Impfstoffe, aber auch Medikamente, Masken oder Beatmungsgeräte für die Dauer der Pandemie aussetzen wollen. Außerdem müssten Industriestaaten Teile ihres reservierten Impfkontingents zugunsten ärmerer Länder abtreten. Mit Enteignung habe das nichts zu tun, urteilt Massute: "Eine neue Studie besagt, dass allein in die Impfstoffentwicklung 86,5 Milliarden Euro aus Steuergeldern investiert wurden." Dass die öffentliche Hand in der Folge Bedingungen stelle, sei da nur folgerichtig.

»Brauchen Kontrolle« Für die WHO ist zudem klar: Nur eine global gerechte Impfstoffverteilung kann verhindern, dass Mutationen den Impferfolg zunichte machen. "Die Tatsache, dass wir eine Impfung besitzen, bedeutet noch lange nicht, dass wir das Virus erfolgreich ausrotten werden", erklärt WHO-Experte Mike Ryan und verweist darauf, dass trotz Impfstoff weder Polio noch Masern besiegt seien. "Der Erfolg misst sich daran, ob wir es schaffen, die Kontrolle über das Virus zu erlangen, so dass es weniger Menschen tötet, ins Krankenhaus zwingt und unser wirtschaftliches und soziales Leben zerstört."

Ungeachtet aller Warnungen spricht derzeit wenig für einen Kurswechsel der Industrieländer. Eine Untersuchung der Entwicklungshilfeorganisation ONE hat ergeben, dass aktuell kein einziges Land und kein Impfstoffhersteller eine global gerechte Verteilung von Impfstoffen priorisiert. So könnte die EU mit dem bestellten Impfstoff alle ihre Bürger zweimal impfen, während arme Staaten noch Jahre warten müssen, bis sie an die Reihe kommen.

Das wäre nicht nur ungerecht, sondern auch teuer, sagt Stephan Exo-Kreischer, der Direktor von ONE. "Berechnungen ergeben, dass eine unkoordinierte Vorgehensweise bei der Verteilung der Corona-Impfstoffe die Weltwirtschaft allein in diesem Jahr neun Billionen US-Dollar kosten wird." Die Studie der Universität von Maryland besagt auch, wer die Kosten tragen muss: die Industriestaaten, mindestens zur Hälfte. Denn ihre global vernetzte Wirtschaft ist für die Auswirkungen der Pandemie in anderen Ländern besonders anfällig.

Der Autor berichtet seit 2010 aus Genf über die Vereinten Nationen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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