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Aufgekehrt
Johanna Metz
Schnauzen fürs Seelenheil

Auffallend viele unserer Freunde haben neuerdings einen Hund. Vom Mischling bis zum Rassewelpen ist alles dabei, einige der kleinen Vierbeiner haben sogar schon einen eigenen Instagram-Account. "Cookiethedog" etwa hat bereits sechs Follower, auf den Fotos blickt ein wuscheliges Knäuel mit braunen Knopfaugen noch etwas unsicher in die Kamera. Sind Hunde das neue Klopapier? Hygieneartikel waren im ersten Lockdown wochenlang vergriffen, im zweiten ist Hamstern scheinbar nicht mehr angesagt - die Deutschen kommen auf den Hund. Laut Verband für das deutsche Hundewesen (VDH) sind im Jahr 2020 rund 20 Prozent mehr Hunde gekauft worden als in den Jahren davor.

Der Zeitpunkt ist günstig, die meisten sind ja jetzt eh viel zu Hause. Ob die Friseure bald auf Hundecoiffeur umschulen? Immerhin dürfen Hundesalons vielerorts geöffnet bleiben, während Herrchen und Frauchen mit immer wüsteren Frisuren beim Gassigehen gesichtet werden. Da ist es gut zu wissen, dass wenigstens die Schönheitskliniken weiter offen sind. Endlich den Zinken richten lassen oder das Fett absaugen, das man sich im Home Office angefuttert hat? Das ist "Schöner Wohnen" im Lockdown! Zum Glück sieht die Spuren des Gemetzels ja gerade keiner, und unter der Maske verschwindet jede Schlauchbootlippe. Allerdings sind Termine fürs Facelifting derzeit mindestens so heiß begehrt wie Hundewelpen. Das lässt nur einen Schluss zu. Schönheitschirurgen und Hundezüchter gehören endlich auf die Liste der systemrelevanten Berufe. Wer braucht schon vierlagiges Klopapier, wenn Schnuffi und Skalpell fürs Seelenheil sorgen?Johanna Metz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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