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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Unternehmer: Reinhard Houben

Über den Jahreswirtschaftsbericht, den er heute auf den Tisch gekriegt hat, kann Reinhard Houben nicht viel sagen. Es ist Mittwoch vergangener Woche. "Wenn Sie zu Beginn einer Sitzung 150 Seiten erhalten, ist die Vorbereitung auf Fragen an den Bundeswirtschaftsminister etwas schwierig", sagt der FDP-Abgeordnete und lächelt leicht grimmig. Die Regierungsfraktionen, vermutet er, hätten den Bericht sicher schon in seiner Entstehung gesehen. "Das ist ein übliches Geschäft", beschreibt er den Umgang mit der Opposition, "das muss man sportlich sehen". Er überlegt einen Moment. "Sauer aufstoßen tut es aber schon."

Seit 2017 sitzt der Kölner Houben, 60, im Bundestag, ist wirtschaftspolitischer Sprecher seiner Fraktion. Dass Peter Altmaier, der CDU-Minister im Wirtschaftsressort, die Herbst-Prognose des Wirtschaftswachstums von 4,4 Prozent für 2021 nun auf drei Prozent senkt, ist für Houben keine Überraschung, "aber eine ehrliche Vorhersage kann man sowieso nicht machen, jede weitere Woche Lockdown bedeutet einen Rückgang".

Houbens Aufgabe besteht darin, der Regierung kritisch auf die Finger zu schauen. Altmaiers Wirtschaftspolitik im Schatten der Pandemie bescheinigt er, es fehle nicht an Geld, "wohl aber an einer klaren, nachvollziehbaren Strategie". Steuerberater würden angesichts sich ändernder Rahmenbedingungen und der Vielzahl an Hilfen von ungenauen Formulierungen berichten, von Widersprüchen. "Wir brauchen mehr Empathie für die Betroffenen."

Houben ist Oppositionspolitiker, und er weiß, wovon er spricht. Der Betriebswirtschaftler hat ein Jahr nach Studienabschluss die Geschäftsführung des mittelständischen Handelsunternehmens seines Vaters übernommen. Damals war er 23 gewesen. "Mit 16 Jahren war mir klar, dass ich es machen wollte", erinnert er sich. "Mich reizte die Möglichkeit, relativ früh eigenverantwortlich und selbst entscheidend ein Unternehmen zu führen." Sein Vater hatte nach dem Zweiten Weltkrieg auf die Übernahme in den öffentlichen Schuldienst gewartet und als Handelsvertreter für Schweißgeräte am Niederrhein gearbeitet. Er vergrößerte den Aufgabenbereich und gründete dann seine eigene Firma für Werkzeuge und Lichttechnik. Der Gedanke an die Verbeamtung als Lehrer war da längst verworfen.

Als jüngstes von vier Kindern habe er oft die Ohren gespitzt, wenn am Esstisch über Politik diskutiert wurde, und das wurde es reichlich. "Meine Eltern wählten auch ab und zu FDP", sagt er, "gleichwohl mein Vater mehr zur CDU tendierte und meine Mutter mehr zur SPD". Houben Junior begann sein politisches Engagement als Klassensprecher und erinnert sich genau, wie er, da war er zwölf, vor der Bundestagswahl 1972, für 50 Pfennig seines Taschengelds einen Button mit "Willy wählen" kaufte - ein Statement für Kanzler Willy Brandt von der SPD; "ich hatte das Gefühl, wir brauchen einen Ausgleich mit den östlichen Nachbarn".

In die FDP trat er nach seinem Studium ein, saß für sie sechs Jahre später im Rat der Stadt Köln, bis 1994. Damals war die FDP mit 3,5 Prozent abgestraft worden. 1999 zog sie wieder ein - ohne Houben, der ein Jahr später Vorsitzender des Kreisverbands wurde. Ein Mandat strebte er nicht an, sah sein politisches Engagement ehrenamtlich. "Damals hatten wir zwei kleine Kinder, es gab die Firma zu leiten, und ein Haus hatten wir auch gerade gekauft." 2009 erwischte es ihn dann doch, eher ungewollt: Immer hatte er in Köln auf wenig aussichtsreichen Listenplätzen kandidiert, und nun stand er auf Nummer 12. Die Liberalen kamen mit neun Mandaten in den Rat, doch ein Gewählter nahm die Wahl nicht an, ein zweiter wechselte nach Berlin und ein dritter nahm ein Mandat in der Landschaftsversammlung Rheinland an, "da musste ich ran". Seinen Sitz hatte er dann bis 2017 inne. "Meine Lebensplanung sah den Bundestag nicht vor", sagt er. "Aber die Partei wollte sich breit aufstellen - mit einem mittelständischen Unternehmer". Das war dann er. Seitdem pendelt er zwischen Köln und Berlin. Und die Firma hat seit 2020 einen neuen Prokuristen: Seinen Sohn Burkhard.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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