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GLEICHBERECHTIGUNG
Elena Müller
»Pralinen reichen nicht«

Autorin Alexandra Zykunov über unbezahlte Care-Arbeit und neue alte Rollenbilder

Frau Zykunov, aus Ihrem Buch ist deutlich herauszulesen: Sie sind wütend. Auf wen und warum?

Ich bin wütend darauf, dass wir noch nicht so weit sind mit der Gleichberechtigung, wie wir dachten. Ich bin wütend darauf, dass mir immer wieder gesagt wird, ich solle doch Lösungsvorschläge anbieten, statt zu meckern. Ich bin aber als Mutter und Frau Opfer eines Systems, das durch und durch patriarchal ist. Es kann nicht sein, dass von Frauen erwartet wird, auf ihre Opferrolle aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu sagen, was sich ändern muss. Doch genau das wird immer wieder gefordert. Anstatt zu überlegen, wo diese Lösungen eigentlich herkommen müssten, nämlich aus dem System: der Politik und der Wirtschaft.

Woran liegt es denn, dass wir im Jahr 2022 immer noch nicht so gleichberechtigt sind, wie wir sein müssten?

Es gibt so viele Zahlen, die das deutlich machen. Der Klassiker ist der Gender Pay Gap, also der Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen. Der liegt noch bei 19 Prozent, der bereinigte Wert immerhin noch bei sechs Prozent. 98 Prozent aller Frauen, die Mütter werden, gehen in Elternzeit, aber nur 42 Prozent aller Männer, die Väter werden. Von diesen 42 Prozent gehen mehr als drei Viertel nur die obligatorischen zwei Monate, bei den Frauen sind es über 90 Prozent, die zwölf Monate und länger in Elternzeit gehen. Eine Frau wird, wenn sie Mutter geworden ist, am Ende ihres Erwerbslebens fast eine Million Euro weniger an Vermögen angehäuft haben als ein Mann. 91 Prozent aller Bürgermeister und Bürgermeisterinnen sind männlich, an Unis werden die Professuren und Lehrstühle zu 75 Prozent von Männern besetzt. Das ist der Stand im Jahr 2022.

Um das zu ändern, müssten auch Männer Platz machen. Glauben Sie, Männer werden Ihr Buch lesen?

Es gilt erst einmal, noch sehr viele Frauen wachzurütteln und ihnen klarzumachen: Du denkst vielleicht, du hättest dir das freiwillig ausgesucht mit den zwölf Monaten Elternzeit. Und dass du danach in Teilzeit gehst. Dass du mit Geld nichts am Hut hast und du dich nicht in den Vordergrund drängen willst. Doch die Chance ist relativ hoch, dass du extrem beeinflusst worden bist seit deiner Geburt als Mädchen. Dass du so sozialisiert wurdest, durch Bücher, Filme und Mütter, Freundinnen und andere, die dich erzogen und es dir vorgelebt haben. Es wird noch eine Weile dauern, bis genug Frauen verstanden haben, um was es geht. Erst dann sind die Männer dran.

Aber sollten es die Frauen heute nicht einfach alles schon wissen? Warum lassen sich auch gut ausgebildete Frauen immer wieder in die Rolle drängen?

Diese Übermutterrolle, die von uns erwartet wird, ist sehr lange und stark gewachsen. Wir reden hier nicht von ein paar Jahrzehnten, am Ende sind es Jahrhunderte, in denen Frauen eingebläut wurde: Ein Kind gehört zur Mutter. Frauen haben mit Geld nichts am Hut. Frauen durften lange nicht studieren, ihre Debatten durften nicht im öffentlichen Raum stattfinden. Natürlich, wir leben jetzt im 21. Jahrhundert, aber wenn dieses Frauenbild so weitergelebt wird, woher sollst du dann im Jahr 2022 in der Lage sein, das alleine abzustreifen?

Und wenn es doch gelingt?

Wenn du aus dieser Frauenrolle heraustreten willst, wirst du auch wieder abgestraft. Denn wenn du "verhandelst wie ein Mann", verhältst du dich auch wieder nicht deinem Geschlecht entsprechend. Und das hat Folgen. Die Theorien des "unconscious gender bias" und der "role congruity" sagen: Man findet Menschen intuitiv unsympathisch, wenn sie anders auftreten, als es ihrer Geschlechterrolle normalerweise zugeschrieben wird. . Heißt: Will ich verhandeln "wie ein Mann", wirke ich unsympathisch und werde das Gehalt, die Stelle oder die Beförderung wahrscheinlich genau deswegen auch nicht bekommen. Man kann als Frau im Jahr 2022 fast nur verlieren, wenn man sich verhält wie eine Frau, aber man kann auch fast nur verlieren, wenn man sich verhält wie ein Mann.

Ein Satz, mit dem Sie Ihren Standpunkt deutlich machen, lautet: "Das Private ist politisch. Folglich ist Strandtasche-Packen politisch. Ja, es ist so lächerlich und gleichzeitig so wahr, wie es hier steht." Was ist daran lächerlich?

Naja, natürlich klingt die Aussage "Strandtasche-Packen ist politisch" lächerlich, eben weil sie so banal ist. Aber: Strandtasche-Packen ist politisch, wer das Kind bei Krankheit aus der Kita abholt ist politisch, wie man seine Elternzeit aufteilt ist politisch. Wer weiß, wann welche Schuhgröße zu klein werden wird, ist politisch. Am Ende ist einfach die ganze Arbeit, die hinter Care-Arbeit steckt, unsichtbar und wird von denjenigen, die sich nicht dafür verantwortlich fühlen, nicht gesehen. Und das ist ja nicht nur im Urlaub so, das passiert jeden Tag. Das ist eine wahnsinnige Anstrengung, die irgendwann zur Überlastung führt. Und nicht nur das: Frauen verlieren dadurch buchstäblich Geld. Nicht nur die vorhin genannten Million an Einkommen und Rente. Care-Arbeit hat ja auch einen monetären Wert. Würde man die unbezahlten Care-Arbeitsstunden den Frauen in Deutschland bezahlen, wären das knapp 980 Milliarden Euro jährlich!

Jetzt also die Frage nach Lösungen: Wie können Menschen, die Care-Arbeit leisten, entlastet werden?

Wir müssen darüber reden, wie Care-Arbeit entlohnt werden kann. Zum Beispiel in Form eines Care-Arbeitsgeldes. Oder einer Care-Arbeitsversicherung, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen einzahlen. Oder indem man Rentenzuschüsse gibt, und zwar mehr als die drei Rentenpunkte, die es aktuell pro Kind gibt. Oder es den Menschen, eben vorwiegend den Frauen, ermöglicht, bei voller Bezahlung in Teilzeit zu arbeiten. Es muss monetär honoriert werden, dass Care-Arbeit ein Job ist und zwar ein richtig harter, mit sehr, sehr hohen Ansprüchen. Es kann nicht sein, dass es mit einer Pralinenschachtel zu Muttertag getan sein soll.

Was erwarten Sie von der Politik?

Care-Arbeit muss refinanziert werden und zwar mit mehr als Eltern- oder Kindergeld. Es muss refinanziert werden, dass Frauen im Job Stunden reduzieren und Karrierechancen verpassen. Das ginge mit Steuerentlastung oder eben mit einer Teilzeitanstellung zu Vollzeitentgelt. Damit sie nicht finanziell dafür abgestraft werden, dass sie kleine Kinder oder kranke Familienangehörige versorgen. Außerdem gehört das Ehegattensplitting abgeschafft. Es kann doch nicht sein, dass dieses Thema auch von der aktuellen Regierung nicht angefasst wird! Dieses Ein-Ernährer-Modell setzt völlig falsche Anreize. Jede zweite Ehe wird geschieden und meistens haben dann die Frauen Pech gehabt. Da muss sich radikal etwas ändern.

Sie befassen sich im Buch auch mit der Pandemie und ihren Folgen. In Sachen Care-Arbeit scheint sich wenig zum Guten entwickelt zu haben. Sie zitieren Studien, die zeigen, dass sich Männer noch weniger an Hausarbeit und Kinderbetreuung beteiligen wollen, weil sie im Homeoffice mitbekommen haben, wie anstrengend das ist.

Ja, und ich zitiere auch viele Studien der Soziologin Jutta Allmendinger. Sie zerschmettert immer wieder die Annahme, dass sich Männer plötzlich mehr beteiligten, weil sie gesehen hätten, wie viel die Frauen zu Hause leisten. Es stimmt, Corona war ein Brennglas und hat öffentlich gemacht, wie viel Care-Arbeit Frauen leisten. Die Pandemie hat diese Themen auf jeden Fall nach oben gespült. Die Aufmerksamkeit gab es allerdings nur für ein paar Monate in der ersten Welle. In der zweiten, dritten und vierten Welle waren wir sehr schnell wieder zurück beim "Mutti macht das schon".

Was macht Mutti denn?

Den gleichen Job wie vorher - und noch mehr. Denn als es wieder möglich war, sind die Männer meist im gleichen Rahmen wie vorher wieder in ihre Büros zurückgegangen. Im Zweifelsfall haben die Mütter wegen der schlechten Betreuungssituation ihre ohnehin schon reduzierten Stunden weiter reduziert. Es gab Studien, auch schon vor Corona, die gezeigt haben, dass Männer die Zeit, die sie im Homeoffice durch das Wegfallen des Arbeitsweges sparen, in Überstunden investieren. Frauen hingegen investieren diese Zeit in Care-Arbeit. Weil man das von ihnen erwartet. Sie haben noch mehr gepflegt, gekocht, geputzt und beschult - Mutti macht es eben.

Alexandra Zykunov, Jahrgang 1985, ist Journalistin und arbeitet als Co-Redaktionsleiterin des Magazins "Brigitte Be Green". Sie lebt mit Partner und zwei Kindern in Hamburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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