Inhalt

BILDUNG
Susann Kreutzmann
Schulen in Not

Deutschlands Schulen fehlen Lehrkräfte. Es ist ein bekanntes Problem, das sich zu verschärfen droht

Not macht kreativ. Weil bundesweit händeringend Grundschullehrer und -lehrerinnen gesucht werden, gehen viele Bundesländer ungewöhnlichen Wege, um Personal zu gewinnen: Sie locken mit höheren Gehältern, setzen auf Headhunter, stellen Quereinsteiger ein oder kehren wie zuletzt Berlin zur Verbeamtung zurück. Doch die Versäumnisse der vergangenen 20 Jahre lassen sich so nicht aufholen, sind sich Experten einig. Laut einer Bertelsmann-Studie klafft bis 2025 eine Lücke von mindestens 26.300 Lehrkräften an Grundschulen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) ging bislang nur von etwas mehr als 15.000 fehlenden Pädagogen für Schulanfänger aus.

Der Krieg in der Ukraine dürfte die Situation zusätzlich verschärfen: Wenn 250.000 geflüchtete Kinder nach Deutschland kämen, würden zusätzlich 10.000 bis 15.000 Lehrer gebraucht, rechnet der Lehrerverband vor. "Die Kultusminister müssen schnell handeln, sonst droht großes Chaos", warnt Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. Unbedingt sollten pensionierte Lehrkräfte aktiviert werden, fordert er.

Doch das haben einige Bundesländer bereits in den vergangenen Jahren getan, um die Lehrerlücke zu schließen. Auch die Zahl der Seiten- und Quereinsteiger ist bundesweit so hoch wie nie. In Berlin etwa hat in diesem Schuljahr fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrer keine vollständige Ausbildung. In Brandenburg sind es 34 Prozent - und ähnlich sieht es auch in anderen Teilen Deutschlands aus.

Zu wenig Ausbildung Experten machen der Politik heftige Vorwürfe: Sie habe das Problem lange ignoriert und zu vertuschen versucht, kritisiert etwa der Bildungsforscher Jörg Ramseger von der FU Berlin. Zu wenig Lehrer seien ausgebildet worden, trotz der absehbaren Pensionierungswelle 2010 und des Geburtenanstiegs ab 2011. Ohne Seiteneinsteiger, die in der Regel aber keine fachpädagogische Ausbildung haben, lässt sich der Unterricht - besonders an Grundschulen - heute schon vielerorts gar nicht mehr aufrechterhalten. Das habe gravierende Auswirkungen: "Wenn nicht sichergestellt ist, dass wenigstens in der Schulanfangsphase nur qualifizierte Grundschulkräfte beschäftigt werden, hat das fatale Folgen für den gesamten Bildungsverlauf der Kinder", warnt Ramseger. "In Unkenntnis der aktuellen pädagogischen und fachdidaktischen Entwicklungen rekonstruieren Quereinsteiger den Unterricht, den sie selbst von 20 oder 30 Jahren genossen haben." Die ersten Schuljahre seien aber besonders wichtig, der Grundstein für das gesamte weitere Lernen werde gelegt. Deshalb müssten Quereinsteiger nachqualifiziert werden, fordert er - und nicht in Schnellkursen, sondern mindestens ein halbes Jahr lang.

Quereinsteiger Ähnlich skeptisch sieht das Anke Kühn. Die Direktorin einer Grundschule in der vorpommerschen Kleinstadt Loitz hat zwar Glück: Aufgrund der Nähe zur Ostsee und zur Universitätsstadt Greifswald konnte sie bislang immerhin genug Lehrkräfte für die 158 Kinder an ihrer Schule gewinnen. Jedoch: Nur die Hälfte der zehn Lehrkräfte ist voll ausgebildet, die andere Hälfte hat folglich nie die Methodik in der Grundschule richtig gelernt. Ein echtes Manko, das Seiteneinsteiger auch in dreimonatigen Vorbereitungskursen nicht beheben können, weiß Kühn aus Erfahrung. Als Beispiel nennt sie das Erlernen des Alphabets, das in der ersten Klasse nicht mit Buchstaben, sondern mit Lauten vermittelt werde. "Wie sollen die Kinder denn Lesen lernen, wenn das unterschiedlich ausgesprochen wird", fragt sie. Auch die richtige Sitz- und Stifthaltung müsste Kindern beigebracht werden.

Der ehemalige Berliner Bildungsstaatssekretär Mark Rackles (SPD) hat in einer 2020 veröffentlichten Studie vorgerechnet, warum die Planung der KMK zum Lehrerbedarf hinten und vorne nicht stimmen kann. Zwar beginnen heute mehr junge Menschen als vor zehn Jahren ein Lehramtsstudium, beenden es aber oft nicht. So kommt es, dass trotz einer Steigerung der Studienplätze um 17 Prozent in den Jahren 2011 bis 2019 die Zahl der Hochschulabsolventen mit der ersten Lehramtsprüfung um 25 Prozent gesunken ist. Die Anstrengungen verpuffen, die Lehrerlücke wächst weiter.

Föderale Sackgasse Am größten ist sie Rackles' zufolge im Grund- und Sekundarschulbereich. Nur Baden-Württemberg und Bremen bilden ausreichend aus, alle anderen Bundesländer liegen unter ihrem Bedarf - Berlin und Sachsen sogar mit Minus 150 Prozent. Doch: Mehr Studienplätze aufzubauen, bringe nur längerfristig etwas, so die Studie, da es im Moment auch den Universitäten an Lehrenden mangele. Rackles grundsätzliche Kritik: Die Kleinteiligkeit der Lehramtsausbildung mache ein gemeinsames Handeln in Deutschland fast unmöglich. "Raus aus der föderalen Sackgasse" komme man nur mit einem länderübergreifenden Handlungsrahmen als verbindlicher Grundlage sowie einer länderübergreifenden Instanz als qualitätssicherndem Akteur, so der ehemalige Bildungsstaatssekretär: Er plädiert für einen Staatsvertrag der Länder zur Deckung des Lehrkräftebedarfs sowie einen wissenschaftlichen Beirat zum Lehrkräftebedarf, der die Planung der KMK jährlich prüft.

Headhunter im Einsatz Doch wie die Löcher stopfen, vor allem kurzfristig? Sachsen-Anhalt hat als erstes Bundesland Headhunter eingeschaltet. Die Personaldienstleister Randstad und Hays sollen im In- und Ausland geeignete Kandidaten anwerben, 750.000 Euro stehen dafür 2021 und 2022 zur Verfügung. "Der Konkurrenzdruck ist groß", sagt Stefanie Middendorf vom Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt. Ausgebildete Lehrkräfte könnten sich ihre Stellen aussuchen, und natürlich schauten sie genau, wo sich ihnen die besten Chancen böten.

Die Bilanz des Headhunter-Einsatzes fällt bislang dürftig aus: Nur 46 neue Lehrer wurden gefunden. Der Großteil von ihnen lebt in Deutschland, hat aber ausländische Wurzeln - und einen ausländischen Studienabschluss. Diese neuen Lehrkräfte aus Indien, der Türkei oder Osteuropa lässt sich Sachsen-Anhalt einiges kosten: Die Ausgaben beziffert das Ministerium auf rund 10.000 Euro pro eingestellte Lehrkraft. "Wir sehen das als Investition in die Zukunft", sagt Middendorf. Wie schwierig die Lage in Sachsen-Anhalt ist, belegen folgende Zahlen: Auf die Ausschreibung von 916 Stellen im Januar meldeten sich 414 Bewerber, 283 waren Seiteneinsteiger.

Brandenburg wiederum hat, um der Notlage gerade in ländlichen Regionen Herr zu werden, ein Programm für Landlehrer aufgelegt - ein bundesweites Novum. Im Oktober wurden die ersten 25 Stipendien in Höhe von 600 Euro monatlich vergeben, 23 davon an Lehramtsstudierende für die Grundschule. Im Gegenzug verpflichten sie sich, nach dem Studium einige Jahre in ländlichen Regionen Brandenburgs zu unterrichten. Überlegen sie es sich anders, müssen sie das Geld zurückzahlen.

Geflüchtete als Lehrer Ein weiterer Ansatz ist, Geflüchtete, die in ihrer Heimat schon gelehrt haben, für das deutsche Schulsystem fit zu machen. 2016 startete das "Refugee Teachers Programm" mit großen Erwartungen an der Universität Potsdam: Plätze gibt es für 20 Studierende, die in einem zweijährigen Studium in Pädagogik, Deutsch und einem Lehrfach ausgebildet werden. Die Mehrheit der Studierenden kam bisher immer aus Syrien, in diesem Jahr aber aus der Türkei, erläutert die wissenschaftliche Leiterin Miriam Vock.

Einer Umfrage des Fachbereichs zufolge kommen jedoch nur die wenigsten Absolventen als Fachlehrer im Brandenburger Schuldienst an. Viele arbeiten stattdessen als Vertretungkraft oder als Erzieher. Die Gründe dafür sieht Vock vor allem in den langen Anerkennungsverfahren von ausländischen Abschlüssen, aber auch im fehlenden zweiten Fach, das oftmals nachstudiert werden müsse. Trotz kreativer Lösungen - die Not in Deutschlands Schulen dürfte so schnell nicht vorbei sein.

Susann Kreutzmann

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag