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GEDENKen
Judith Poppe
Der Tag, an dem Israel innehält

Israel begeht seit 1951 den Yom HaShoah. In diesem Jahr wird das Erinnern überschattet von Berichten über wachsenden Antisemismus weltweit

Als erste hochrangige Repräsentantin Deutschlands hat Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) an der offiziellen Zeremonie des israelischen Parlaments zum Yom HaShoah, dem israelischen Gedenktag an die im Holocaust ermordeten Jüdinnen und Juden, teilgenommen - als Ehrengast ihres israelischen Amtskollegen, Knesset-Sprecher Micky Levy. Die beiden hatten sich bereits am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, in Deutschland getroffen; Levy hielt damals eine emotionale Rede vor dem deutschen Parlament.

Den Gedenktag Yom HaShoah hat die israelische Regierung im Jahr 1951 eingerichtet. Seitdem wird dieser jährlich begangen. An diesem Tag ist die Shoah in den Medien allgegenwärtig: Im Radio läuft Trauermusik, im Fernsehen werden Dokumentationen zum Holocaust gesendet. Am Vormittag des Yom HaShoah ertönt über dem ganzen Land eine Sirene, die das Leben für zwei Minuten lahmlegt: Autos halten auf der Autobahn an, öffentliche Übertragungen werden unterbrochen, die Menschen auf den Straßen stehen still. In zahlreichen offiziellen Gedenkveranstaltungen wird der jüdischen Opfer gedacht - die prominenteste von ihnen findet in der weltweit bedeutendsten Gedenkstätte an die Shoah statt, Yad Vashem.

Alternativ zu den offiziellen Gedenkveranstaltungen erzählen Holocaustüberlebende in Wohnzimmern von ihren Erfahrungen und diskutieren in privaterer Atmosphäre mit jüngeren Generationen. Die Initiative Zikaron BaSalon - Erinnerungen im Wohnzimmer - organisiert diese Zusammenkünfte seit 2011.

Der Gedenktag reiht sich ein in eine Kette von aufeinanderfolgenden Feiertagen, die das israelische Narrativ der jüdischen Geschichte abbilden. Die Reihe von Feiertagen beginnt mit dem Pessachfest, das den Auszug aus Ägypten feiert. Etwa zwei Wochen später folgen erst der Yom HaShoah und eine Woche später der Gedenktag Yom HaZikaron, an dem der gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus gedacht wird. Der Yom HaAtzmaut, der Unabhängigkeitstag, beendet die Trauerwoche und wird mit Partys und Barbecue begangen.

Neue Ängste Parlamentspräsidentin Bas sagte in der Gedenkstätte Yad Vashem, dass viele junge Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Angst vor einem Holocaust hätten. Dies seien "Alarmzeichen, die uns sehr, sehr wachsam machen müssen, und wo wir auch mit allen Mitteln, die wir als Rechtsstaat haben, entgegenlenken müssen." Am selben Tag war eine Studie der Universität Tel Aviv erschienen: Sie vermerkte für das Jahr 2021 einen starken Anstieg von antisemitischen Vorfällen in fast allen Ländern mit jüdischer Bevölkerung. Für Deutschland, wo rund 118.000 Juden leben, wurden 3.030 antisemitische Vorfälle gemeldet - ein Anstieg um 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2020.

Die Autoren und Autorinnen führen die Zunahme auf eine Reihe von Gründen zurück, etwa auf die internationale Reaktion auf den elftägigen Krieg zwischen Israel und militanten Gruppen im Gaza-Streifen im vergangenen Mai.

Hilfen für Überlebende In Israel leben derzeit noch rund 161.400 Überlebende des Holocaust. Ein Viertel von ihnen lebt laut der Nichtregierungsorganisation Stiftung für die Wohlfahrt von Holocaustüberlebenden unterhalb der Armutsgrenze. Für ebenjene beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestags vergangene Woche einen Wohnungszuschuss in Höhe von insgesamt 200.000 Euro. Damit soll der Bau neuer Wohnungen speziell für sozial benachteiligte Seniorinnen und Senioren unterstützt werden.

Knesset-Sprecher Micky Levy bedankte sich bei seiner Amtskollegin für ihren Besuch zum Anlass des Yom HaShoah: "Wir erkennen diese Geste und schätzen sie. Ihr Besuch symbolisiert die besonderen Beziehungen zwischen unseren Völkern, die auf der historischen Verantwortung fußen, die Deutschland für die Shoah übernommen hat, und ihrer Verpflichtung zur Sicherheit Israels."

Auch der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett würdigte Bas' Antrittsbesuch: "Sie sind zu einem bedeutungsvollen Tag gekommen, und das ist kein Zufall. In den vergangenen Jahren wurden sehr wichtige Schritte zum Gedenken an den Holocaust in Deutschland und für eine tiefere Verbindung zwischen den Ländern unternommen."

Diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland bestehen seit dem Jahr 1965. Seit den 1950er Jahren arbeiten die Länder bereits in Rüstungsfragen zusammen.

Der Besuch von Willy Brandt im Jahr 1973 in Israel als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik war ein weiterer Meilenstein für das deutsch-israelische Verhältnis - auch wenn er Proteste hervorrief und einige Demonstranten den deutschen Vertreter in Jerusalem mit Bannern empfingen, auf denen zu lesen war: "Ihr Deutschen habt sechs Millionen unserer Brüder und Schwestern ermordet - geh nach Hause!" Seitdem hat das deutsch-israelische Verhältnis einige Veränderungen durchgemacht. Mittlerweile herrscht jedoch ein reger Austausch in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.

Die Autorin ist Korrespondentin der taz in Israel.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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