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Parlamentarisches Profil
Sebastian Borger
Die Republikanerin: Caroline Lucas

Es gibt nur wenige Abgeordnete, denen im britischen Unterhaus genau zugehört wird, egal bei welchem Thema. Der Premierminister gehört dazu, das bringt das Amt mit sich. Zu den wenigen herausragenden Figuren auf den Oppositionsbänken zählt Caroline Lucas. Wenn die 61-Jährige Abgeordnete für die südenglische Universitätsstadt Brighton ihre Stimme erhebt, wird es still im Plenarsaal. Dabei wendet die einzige Grüne unter 650 Mandatsträgern keine besonderen rhetorischen Tricks an. Doch verfüge sie über unaufdringliche Überredungskunst, hat die erfahrene Medienberaterin Scarlett MccGwire beobachtet: "Sie klingt immer vernünftig, wenn sie ihre Anliegen vorträgt."

Die britische Monarchie oder gar Elisabeths II. Handlungsweise als Staatsoberhaupt spielt in den Debattenbeiträgen von Lucas kaum eine Rolle, dazu ist die Zeit für Abgeordnete kleiner Parteien viel zu knapp bemessen. Sie könne sich nicht einmal daran erinnern, "dass wir jemals etwas zu dem Thema geschrieben hätten", berichtet Lucas' Sprecherin - die Abgeordnete selbst ist für ausländische Medien nicht zu sprechen.

Öffentlich über republikanische Überzeugungen zu reden, lohnt sich nicht - dieser Maxime folgen nicht nur die Grünen, deren Wahlprogramm für die jüngste Unterhauswahl 2019 die Forderung nach Abschaffung der Monarchie enthielt. In der größten Oppositionspartei Labour finden sich gewiss mehrere Dutzend Prominente, die lieber heute als morgen die 95-jährige Monarchin und den zunehmend als Prinzregenten agierenden Thronfolger Charles (73) durch ein auf Zeit gewähltes Staatsoberhaupt ersetzen würden. Weil die Briten aber überwiegend königstreu bleiben, schweigen die Republikaner ganz. Oder sie machen lustige rhetorische Verrenkungen - so geschehen im April, als im Unterhaus des im Alter von 99 Jahren verstorbenen Prinzgemahls Philip gedacht wurde. Sie wolle, teilte Lucas damals dem Hohen Haus mit, die Rolle des Herzogs von Edinburgh als Aktivist für die Natur und bedrohte Arten und Präsident des World Wildlife Fund WWF hervorheben. Philip habe die frühe Öko-Bewegung gefördert, lange bevor der Umweltschutz populär wurde. Doch wolle sie Philip durchaus nicht posthum für die grüne Bewegung vereinnahmen, beeilte sie sich zu versichern.

Das bei weitem bekannteste Gesicht der grünen Partei auf der Insel entstammt eher der Friedens- als der Ökobewegung. Während ihrer Studienzeit an der Universität Exeter und der Arbeit an einer Promotion über Renaissance-Literatur verbrachte Lucas in den 1980er Jahren viel Zeit im Protestcamp Greenham Common gegen die Stationierung von US-Atomwaffen. Von Machtbeteiligung hält sie nichts, "solange wir nicht erheblich stärker sind. Sonst werden wir für Entscheidungen mitverantwortlich gemacht, die wir nicht beeinflussen können". Lucas diente als Stadträtin in der Universitätsstadt Oxford und war elf Jahre lang Abgeordnete im EU-Parlament, ehe sie 2010 erstmals das Unterhaus-Mandat in Brighton gewann.

Seither hat die verheiratete Mutter zweier erwachsener Söhne drei Mal ihre Mehrheit im Wahlkreis ausgebaut. Das hat sicher auch damit zu tun, dass sie zu vielen Themen eloquent sprechen kann. Zudem war sie der Öffentlichkeit schon jahrelang vertraut als Sprecherin, später auch Parteichefin der Grünen.

Die Einsamkeit als einzige Vertreterin ihrer Partei im Unterhaus ist geblieben. Im Brüsseler Parlament waren vor dem Brexit sieben britische Grüne aktiv, im Oberhaus vertreten zwei Frauen das Banner der Öko-Partei. In Schottland regieren die (organisatorisch selbstständigen) Grünen seit diesem Jahr sogar mit. In englischen Kommunalparlamenten tummeln sich mittlerweile immerhin einige Dutzend Grüne. Gehört aber wird von allen aber beinahe ausschließlich Lucas.


Der Autor berichtet als freier Korrespondent aus London.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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