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Familienbande
Michael Schaich
Gnade der rechten Konfession

1714 bestieg erstmals ein Kurfürst aus Hannover den britischen Thron - aus Mangel an Alternativen

So berühmt wie John F. Kennedys Liebeserklärung an Berlin wurde das Bekenntnis Elisabeths II. zu ihren deutschen Wurzeln beim Staatsbankett zu Ehren von Bundespräsident Theodor Heuss im Jahr 1958 in London nicht. Politisch bedeutsam war die historisch eigentlich unstrittige Feststellung, das britische Königshaus habe einen deutschen Vorfahren, den Welfen Georg I., aber allemal. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die von Deutschen verübten Gräueltaten war noch frisch, das Misstrauen gegenüber dem wirtschaftlich erstarkenden und politisch nach einer Rolle in Europa suchenden Nachbarn groß.

Die Protokollabteilungen beider Regierungen hatten wochenlang am Text der Rede gefeilt. Eine versöhnliche Passage in der Ansprache, die aus der deutschen Familienherkunft der Königin die Hoffnung auf eine Aussöhnung in den deutsch-britischen Beziehungen ableitete, war in letzter Minute gestrichen worden. Die deutsche Presse wertete die Auslassung umgehend als Beweis für den Misserfolg des ersten Besuchs eines deutschen Staatsoberhaupts in Großbritannien nach dem Krieg.

Heute fällt das Urteil wohl milder aus. Im Rückblick treten die Anfänge einer Wiederannäherung beider Länder deutlicher hervor, als dies den Zeitgenossen bewusst wurde. Gleichwohl sind die damaligen Ereignisse beispielhaft für die Schwierigkeiten und Missverständnisse im deutsch-britischen Verhältnis, vor allem in dem Unterkapitel der zweihundertjährigen Geschichte deutscher Herrscher und ihrer Nachkommen auf dem britischen Thron.

Ihren Anfang nahm sie im Jahr 1714, als der Kurfürst von Hannover, Georg Ludwig, nach dem kinderlosen Tod von Queen Anne, der letzten Herrscherin aus dem Hause Stuart, als Georg I. den britischen Thron bestieg. Der Wechsel in der Dynastie war freilich von Anfang an umstritten. Geblütsrechtlich stand der Thronanspruch des Welfen auf tönernen Füßen. Die Verbindung zu den Stuarts verlief über eine Seitenlinie und lag fast ein Jahrhundert zurück. Es war lediglich die Gnade der rechten Konfession, die dem bereits 54-Jährigen den späten Aufstieg in den Kreis der gekrönten Häupter Europas ermöglichte. Als Protestant erhielt er in einem von Panikattacken vor "papistischen" Herrschern mit vermeintlich absolutistischen Neigungen geschüttelten Land den Vorzug vor mehr als 50 Kronprätendenten, die wegen ihres katholischen Glaubens das Erbrecht verwirkt hatten. Bereits ein Jahr nach der Krönung brach sogar eine Rebellion der Jakobiten, der Anhänger des verbliebenen katholischen Zweigs der Stuarts, aus.

Weitere Verschwörungen, darunter die berühmte Aufstandsbewegung der schottischen Highlands unter Bonnie Prince Charlie (eigentlich: Charles Edward Louis Philip Casimir Stuart) in den Jahren 1744 und 1745, folgten. Dennoch konnte sich das neue Königshaus etablieren, weil es sich an die vom Parlament diktierten konstitutionellen Spielregeln hielt und seinen Protestantismus demonstrativ zur Schau stellte.

Aufstieg zur Führungsmacht Unter den fünf Herrschern, die bis 1837 aus dem Haus Hannover stammten, stieg Großbritannien zur führenden Macht Europas auf, mit einem Weltreich, das sich von der Karibik und Nordamerika bis nach Indien und Australien erstreckte. Auch wirtschaftlich und kulturell erlebte das Land einen ungeahnten Aufschwung, der in den Anfängen der Industriellen Revolution kulminierte. Gleichzeitig waren die britischen Inseln in eine beinahe ununterbrochene Folge von Kriegen, vor allem mit Frankreich, verwickelt. Gewaltige Staatsschulden und ein hoher Blutzoll waren die Folge. Zudem ging 1776 mit der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten eine der wichtigsten Kolonien verloren.

Welchen Anteil die Welfen an diesen Ereignissen hatten, ist umstritten. Denn die Macht des Monarchen wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Parlament und einer sich von königlicher Bevormundung emanzipierenden Administration beschnitten. Die Oberaufsicht über die Außenpolitik und das Recht zur Ernennung von Ministern sicherten dem Herrscher jedoch weiterhin Einfluss auf die Geschicke des Landes.

Für die Beziehungen Großbritanniens zur deutschen Staatenwelt stellte sich die Frage nach der Bedeutung des Monarchen ohnehin nicht. Die Welfen blieben auch nach dem Umzug nach London Landesherrn in Hannover und regierten ihre alten Territorien in Personalunion mit dem neuen Königreich. Regelmäßige Sommeraufenthalte in der Heimat, um nach dem Rechten zu sehen, gehörten unter Georg I. und Georg II. zum Alltag in der Monarchie. Erst als im Jahr 1760 mit Georg III. der erste in London geborene Hannoveraner an die Regierung kam, riss die Tradition ab. Die Bindung des Kurfürstentums an Großbritannien und sein Weltreich blieb jedoch - im Guten wie im Schlechten - bestehen.

Professoren an der Universität Göttingen erhielten etwa Zugang zu den Netzwerken des Wissens, die britische Gelehrte knüpften. Die Bibliothek der Universität trug im 18. Jahrhundert die bedeutendste Sammlung englischsprachiger Bücher in Deutschland zusammen, ein Grundstock, der bis heute im Sammelprofil nachwirkt. Objekte von kolonialen Forschungsreisen, etwa von den Weltumsegelungen eines James Cook, fanden ebenfalls ihren Weg nach Göttingen, was wiederum Fragen nach dem Umgang mit diesem Erbe aufwirft.

Tumbe Toren Auch außenpolitisch hatte die Personalunion Rückwirkungen auf die ungleichen Partner. Das Kurfürstentum rückte mit einem Schlag in den Fokus französischer Kriegsplanungen, während Großbritannien mit dem neuen Standbein auf dem Kontinent den Vorteil relativer Unverwundbarkeit dank Insellage und starker Flotte verlor. Britische Interessen, oder zumindest jene des Monarchen, mussten nun, sehr zum Missfallen von Teilen der Londoner Politik, auf dem Kontinent verteidigt werden.

Die Kritik an der fremden Dynastie ging jedoch weit über die Kreise der politischen Elite hinaus. Geschürt von jakobitischer Propaganda erschienen viele Pamphlete gegen die neuen Herrscher und ihr Umfeld. Georg I. und Georg II. wurden als tumbe Toren mit fetten Körpern und abnormen sexuellen Vorlieben karikiert, ihren mitgereisten deutschen Höflingen Bereicherung und Günstlingswirtschaft unterstellt. In den Jahrzehnten um 1800 machten dann die Mitglieder der königlichen Familie selbst durch Skandale von sich reden. Verschwendungssucht, Affären und in aller Öffentlichkeit ausgetragener Familienzwist beschädigten das Ansehen des Herrscherhauses.

Auch wenn einzelne Vertreter wie die 1817 im Kindbett verstorbene Prinzessin Charlotte, die oft als Vorläuferin Diana Spencers gilt, die Herzen der Bevölkerung zurückgewannen, stand die Monarchie doch in schlechtem Ruf, als die Epoche der Hannoveraner mit dem kinderlosen Tod Wilhelms IV. 1837 zu Ende ging.

Keine Frauen aus Hannover Die Krönung seiner Nachfolgerin Queen Viktoria bedeutete freilich nicht das Ende deutscher Dynastien in Großbritannien. Die Personalunion mit Hannover zerbrach, da die welfischen Hausgesetze eine weibliche Thronfolge in den Stammlanden nicht zuließen. Die Heirat Viktorias mit Albert, einem Prinzen aus dem Haus Coburg im Jahr 1840, erneuerte aber die Verbindung nach Deutschland. Viktoria nahm den Familiennamen Alberts an, das Königshaus hieß fortan Sachsen-Coburg-Gotha.

Im Selbstverständnis der Monarchie blieb der deutsche Einfluss ebenfalls erhalten. Die königliche Familie sprach ebenso selbstverständlich deutsch wie englisch, Heiratsverbindungen mit Prinzen und Prinzessinnen aus deutschen Adelsgeschlechtern waren, wie bereits unter den Hannoveranern, an der Tagesordnung.

Auch in anderer Hinsicht schien sich Geschichte zu wiederholen. Prinz Albert war unpopulär und galt als "sehr deutsch, pedantisch und humorlos" (Edgar Feuchtwanger). Erst sein Eintreten für Sozialreformen und die Verbesserung der Wissenschaften und Künste, das sich unter anderen in der Weltausstellung von 1851 und der Gründung des Museumsviertels in Kensington niederschlug und Teil eines breiteren Wissenstransfers, diesmal von Deutschland nach Großbritannien, war, verschaffte ihm etwas Anerkennung.

Die Anteilnahme des Herrscherpaares an den Entwicklungen im Deutschen Bund und nach 1871 im Kaiserreich knüpfte ebenfalls an ältere Vorbilder an. Allerdings war die Entmachtung der britischen Monarchie so weit fortgeschritten, dass Viktoria und Albert nur noch begrenzten Handlungsspielraum besaßen.

Albert konnte etwa die liberale Einigungsbewegung in Deutschland ideell unterstützen und Viktoria sich mehrfach zugunsten des nach der Annexion Hannovers durch Preußen 1866 ins Exil gegangenen Welfenhauses einsetzen. Dauerhaften Einfluss auf die britische Außenpolitik erlangten sie jedoch nicht. Dass eine eng mit Deutschland verbundene Dynastie den britischen Thron besetzte, spiegelte sich in den deutsch-britischen Beziehungen während des 19. Jahrhunderts kaum wider und konnte auch den Antagonismus zwischen beiden Ländern im Vorfeld des Ersten Weltkriegs nicht verhindern.

Der Schlussstrich Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts machte schließlich aus dem sich als supranational verstehenden Herrscherhaus endgültig eine nationale Monarchie. Am 18. Juli 1917 gab Viktorias Enkel, Georg V., der seit Ausbruch des Krieges weit verbreiteten anti-deutschen Stimmung in der britischen Gesellschaft nach und anglisierte den Namen seines Hauses von Sachsen-Coburg-Gotha zu Windsor. Gleichzeitig verzichtete er für sich und seine Familie auf alle deutschen Titel. Mit diesem Schritt zog er einen Schlussstrich unter eine fast genau zweihundert Jahre währende Phase deutsch-britischer Monarchiegeschichte, die fortan nur noch den Stoff für historische Werke und Festreden abgab.

Der Autor ist Historiker mit dem Schwerpunkt deutsche und britische Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts. Er ist stellvertretender Direktor des Deutschen Historischen Instituts London.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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