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Spanien
Martin Dahms
Der Sieg des Königs

Diktator Franco gab den Spaniern einen König, und die Spanier beschlossen, dass er bleiben sollte. Die heutigen jungen Spanier verstehen das nicht mehr

Golo Mann schrieb am 11. März 1981 an einen Freund: "Mein altes Royalistenherz hat sich sehr über den Juan Carlos gefreut". Und ergänzt: "Was er machen musste, noch machen muss, ist die Quadratur des Kreises: Das Vertrauen sowohl der Militärs, wenigstens in ihrer Mehrzahl, wie auch der demokratischen Politiker sich zu erhalten und zwischen beiden Lagern zu vermitteln. Nur ein König und nur ein Soldat konnte das hinbringen; ein Zivilist und ein Gewählter der einen oder anderen Partei, zuzurechnen der Präsident, absolut nicht!"

Gut zwei Wochen zuvor, in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar, hatte Spaniens König Juan Carlos de Borbón y Borbón die junge spanische Demokratie mit einer Fernsehansprache vor einem Putschversuch rechter Militärs gerettet. Ein Moment, mit dem sein Name und seine Regentschaft für immer verbunden bleiben werden. Was den jüngeren Spaniern egal ist, jedenfalls den meisten von ihnen. In ihrer Brust schlägt kein Royalistenherz. Sie hätten lieber eine Republik. Es spricht allerdings nichts dafür, dass sie so bald eine bekommen werden. Dass Juan Carlos König wurde, verdankte er Francisco Franco, dem langjährigen Diktator, der ihn zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Dass er König blieb, verdankte er seinen eigenen, klugen Entscheidungen in den Monaten nach dem Tod Francos am 20. November 1975. Die klügste davon war die Ernennung von Adolfo Suárez zum Ministerpräsidenten, einem Mann des alten Regimes, der mit dem alten Regime brechen wollte. Das war im Juli 1976. Suárez brachte Spanien, mit der Rückendeckung von Juan Carlos, auf den Weg zur Demokratie. Suárez' gewagtester Beschluss war die Legalisierung der Kommunistischen Partei (PCE) am Karsamstag 1977. Das war ein Stich ins Herz des immer noch mächtigen Franco-Apparates. Die Kommunisten wussten den Mut des Präsidenten und seines Königs zu würdigen. Wenige Tage nach ihrer Legalisierung, am 15. April, gab die PCE-Führung eine Pressekonferenz.

Flagge der Monarchie Im Saal hing neben der Parteifahne die rot-gelb-rote Flagge der spanischen Monarchie und nicht die rot-gelb-violette der Republik. Die Worte, die PCE-Chef Santiago Carrillo vor dieser Fahne sprach, machten Geschichte: "Das Zentralkomitee hat die Gründung der Monarchie mit großen Vorbehalten aufgenommen. Aber wir erleben, dass unter der Regierung der Monarchie Fortschritte in Richtung demokratischer Freiheiten gemacht werden. Wenn die Monarchie weiterhin entschlossen handelt, um die Demokratie wiederherzustellen, könnte unsere Partei in einem künftigen Parlament die Monarchie als das demokratische Verfassungsregime betrachten. Wir haben die Republik verteidigt, und die Ideen unserer Partei sind republikanisch; aber heute besteht die Wahl nicht zwischen Monarchie oder Republik, sondern zwischen Diktatur oder Demokratie." Gut anderthalb Jahre später, am 6. Dezember 1978, votierten in der Volksabstimmung über die neue demokratische Verfassung 88,5 Prozent der Wähler mit Ja und damit für die parlamentarische Monarchie. Seitdem sind die spanischen Bourbonen wieder die legitimen Regenten ihres Landes. Die Herzen seiner Landsleute gewann Juan Carlos schließlich an jenem 23. Februar 1981, als er sich der jungen Demokratie als Schutzschild gegen alle Putschversuchungen zur Verfügung stellte. Das war großartig genug, die spanische Monarchie die folgenden dreißig Jahre lang in einer Wolke des Wohlgefallens leben zu lassen. Das friedliche Nebeneinander von Volk und Krone ging vor ziemlich genau zehn Jahren in die Brüche. Damals, Ende 2011, erfuhren die Spanier, dass der königliche Schwiegersohn Iñaki Urdangarin, Ehemann der Infantin Cristina, unter Korruptionsverdacht stand, ein Verdacht, der sich auch bestätigte, weswegen Urdangarin später drei Jahre im Gefängnis saß.

König bei Elefantenjagd Kurz darauf, im Frühjahr 2012, ließ sich König Juan Carlos bei einer Elefantenjagd in Botsuana erwischen, an der eigentlich nichts auszusetzen war, außer dass sie viel Geld gekostet hatte, während Spanien gerade eine schwere Wirtschaftskrise durchmachte. Dass diese Elefantenjagd zum Auslöser für einen Skandal taugte, zeigte an, wie viel Missmut sich in den vorigen Jahrzehnten gegen die Bourbonen angesammelt hatte, zumal in den Zeitungs- und Rundfunkredaktionen, die immer lammfromm und königstreu über die Monarchie berichtet hatten und nun einmal die Wonnen des Denkmalssturzes auskosteten. Bis heute. Zwei Jahre lang ertrug Juan Carlos den ungewohnten medialen Gegenwind, dann dankte er ab. Der Monarchie tat er damit wahrscheinlich einen Gefallen, sich selbst eher nicht. Während den Zeitungen zu seinem Sohn und Nachfolger, Felipe VI., kaum etwas einfällt, berichten sie gern über das unordentliche Liebes- und Finanzleben des Altkönigs, der sich deswegen schließlich im Sommer 2020 sogar ins freiwillige Exil nach Abu Dhabi zurückzog. Jetzt möchte er aber gern wieder zurück nach Madrid, zumal alle staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen ihn eingestellt sind oder kurz vor der Einstellung stehen. Die Stimmung zuhause ist allerdings keine besonders freundliche mehr, was nicht nur gegen ihn persönlich geht, sondern gegen die ganze Institution. Nach einer Umfrage der Netzzeitung Público stehen derzeit nur noch 31 Prozent der Spanier klar zur Monarchie, gut 39 Prozent bevorzugen eine Republik. Eine Umfrage der liberalen Netzzeitung El Confidencial kam zu etwas weniger deutlichen, aber tendenziell ähnlichen Ergebnissen.

Je jünger die Befragten sind und je weiter links sie sich ideologisch verorten, desto geringer ist ihre Sympathie für die Monarchie. Verantwortlich für die antimonarchische Strömung sind die königlichen Fehltritte und eine bisher einmalige politische Konstellation: Seit Anfang 2020 sitzen erklärte Republikaner mit in der Regierung. Der berühmteste von ihnen ist der kommunistische Konsumminister und Chef der Vereinten Linken, Alberto Garzón, ein Mann von 36 Jahren, der seine politischen Vorfahren aus den 1970er Jahren nur noch dem Namen nach kennt. Garzón findet es lustig oder wichtig, den König immerzu als "Bürger Felipe de Borbón", aber keineswegs als König zu bezeichnen. Als könnte er damit die Monarchie zum Verschwinden bringen. Die PCE von heute glaubt, dass sie selbst "und die Völker Spaniens" dem alten König Juan Carlos "nichts schuldig" seien und dem neuen schon gar nicht. Schließlich "wachen wir jede Woche mit neuen Nachrichten über Korruption im Königshaus auf", behauptet Garzón.

Der einzige Korruptionsprozess gegen ein Mitglied des Königshauses war jener gegen Urdangarin; ansonsten hat sich noch kein royaler Korruptionsverdacht auch nur soweit erhärtet, dass ein Gerichtsverfahren eröffnet worden wäre. Im Mai will eine "Plattform Staatliche Volksbefragung Monarchie oder Republik", der auch die PCE und die Partei von Garzón angehören, ein Referendum zur Königsfrage abhalten. Den meisten Spaniern dürfte das egal sein. Auch wenn viele von ihnen Herzensrepublikaner sind, brennt ihnen die Frage nach der Staatsform nicht auf den Nägeln. Und die großen Parteien sind für diese Debatte sowieso nicht zu haben. Spanien wird absehbar noch lange Monarchie bleiben.

Der Autor arbeitet seit 1994 als Korrespondent in Madrid.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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