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JORDANIEN
Wolfgang Günter Lerch
»König der Flüchtlinge«

Die große Zahl Schutzsuchender macht der haschemitischen Monarchie zu schaffen

Während des zweiten Golfkriegs entfachte der damalige irakische Diktator Saddam Hussein 1991 eine Kontroverse, die in westlichen Augen skurril anmutete, in der arabischen Welt jedoch noch viel bedeutete: Er, Saddam, sei ein Abkömmling des Propheten Mohammed, ließ er verkünden. Vom damaligen König Jordaniens, Hussein, kam sofort die Replik: Etwas Lächerlicheres habe er noch nie gehört. Und tatsächlich: Wenn ein arabischer Herrscher seine "Legitimität" auf die Abkunft des islamischen Propheten gründen könnte, dann noch am ehesten der König Jordaniens.

Bis heute herrschen in Amman die Haschemiten (Banu Haschim), die ihre Herkunft von jenem Clan, dem der Stifter des Islam angehörte, etwa tausend Jahre zurückverfolgen können. Bis zu ihrer Vertreibung durch Ibn Saud, den Gründer des wahhabitischen Königreichs Saudi-Arabien im Jahre 1924, hatten sie - lange Zeit im Zusammenspiel mit den Osmanen, das heißt dem Sultan in Istanbul/Konstantinopel - über die heiligen Stätten des Islam geherrscht: Mekka und al-Medina. Und bis heute auch begreifen sich die saudischen Monarchen und die jordanischen, wenn schon nicht mehr als grimme Feinde, dann doch als Rivalen und Konkurrenten.

Jordanien ist seit 1952 eine konstitutionelle Monarchie. Der König ist Staatsoberhaupt, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und ernennt den Ministerpräsidenten und den Ministerrat. Die 40 Repräsentanten des Senats werden vom König berufen, während die Abgeordnetenkammer auf vier Jahre gewählt wird. Wie der König von Marokko, so hat auch der jordanische Monarch ein Vetorecht.

Die eigentlichen Stützen der jordanischen Monarchie sind jedoch die ostjordanischen Beduinenstämme, die zwar eine Minderheit der Bevölkerung ausmachen, aber wichtige Schlüsselstellungen im Staat einnehmen., vor allem in Verwaltung und Militär. Diese Stämme waren es auch, die - unter Führung des Haschemiten Feisal und des britischen Offiziers Thomas Edward Lawrence ("Lawrence von Arabien") an der Seite der Engländer mit ihrem legendären "Aufstand in der Wüste" im Ersten Weltkrieg die Herrschaft des Osmanischen Reichs im Nahen Osten abgeschüttelt hatten. Begonnen hatte diesen Aufstand im Namen einer "arabischen Unabhängigkeit" und eines "großarabischen Reiches", das vom Jemen bis zum nördlich von Syrien gelegenen Taurusgebirge reichen sollte, der Stammvater des heutigen Haschemitentums, der Scherif von Mekka Hussein ibn Ali (1853 bis 1931).

Um zumindest einen kleinen Teil ihrer Zusagen einzulösen, die sie den Haschemiten 1915 gemacht hatten, schufen die Engländer als Mandatsmacht über Palästina 1922 das Emirat Transjordanien unter dem Emir Abdullah, einem der Söhne des Scherifen und Bruder Feisals. Und der Einfluss Londons blieb erhalten. Viele Jahre lang trainierte der britische Offizier John Glubb "Pascha" das transjordanische Militär und etablierte jene "Arabische Legion", die 1948 im Krieg mit dem gerade proklamierten Israel die "West-Bank" und den Osten Jerusalems erobern konnte: Aus Transjordanien wurde das Königreich Jordanien. Und der jetzige König Abdullah II. erhielt, wie sein Vater, seine militärische Ausbildung auf der britischen Militärakademie von Sandhurst.

Seit Jahrzehnten nun vollführt das Königreich einen schwierigen Balance-Akt zwischen dem Westen und der arabischen Welt, zwischen Konservatismus und Modernisierung, zwischen Israel und den Palästinensern. Neben Ägypten ist Jordanien das einzige Land in der Region, das - seit 1994 - einen förmlichen Friedensvertrag mit dem israelischen Nachbarn hat. Schon der Gründer-Emir Transjordaniens, Abdullah, hatte versucht, einen Ausgleich zwischen Juden und Arabern zu finden. Spannungen und Konflikte mit der zu etwa 60 Prozent palästinensischen Bevölkerungsmehrheit konnten da nicht ausbleiben. 1951 wurde König Abdullah von einem Palästinenser vor der al-Aqsa-Moschee in Jerusalem erschossen. Die Spannungen eskalierten abermals 1970, als Yassir Arafats Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) im "Schwarzen September", unterstützt durch nicht wenige palästinensische Flüchtlinge, in Jordanien zu den Waffen griff. König Hussein verwies die PLO daraufhin des Landes; sie ging nach Beirut, wo sie das mühsam austarierte politische Gleichgewicht zwischen den Konfessionen durcheinanderbrachte.

Auch vom islamistischen Terror blieb das Königreich nicht verschont, doch vermochte es König Hussein, die islamischen Fundamentalisten in gewisser Weise parlamentarisch einzubinden - sozusagen als "seiner Majestät legale Opposition." Sein Sohn Abdullah II., der ihm 1999 auf den Thron folgte, setzt diesen Kurs fort. Gleichwohl bleiben Spannungen nicht aus, zumal der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auch in Jordanien immer wieder Auswirkungen zeigt. Und wie der Nachbar Libanon hat auch die haschemitische Monarchie eine Flüchtlingswelle zu bewältigen, die dem Land mehr und mehr zu schaffen macht. Zu den palästinensischen Flüchtlingen, die seit Jahrzehnten in dem Land leben, sind seit 2011 die Flüchtlinge des syrischen Bürgerkrieges hinzugekommen. Von ungefähr 600.000 ist die Rede. So kann man König Abdullah II. mit Fug und Recht als einen "König der Flüchtlinge" bezeichnen. Gerüchte über einen Putschversuch gegen den König, an dem dessen Halbbruder Hamza Bin Hussein im Sommer 2021 beteiligt gewesen sein soll, sind schwer zu durchschauen.

Im Irak gestürzt Wie eine schwärende, sich niemals wirklich schließende Wunde lastet indes das Schicksal der irakischen Haschemiten auf dem jordanischen Herrscherhaus. Nachdem die Pläne Feisals, König von Syrien zu werden, 1919 insbesondere am Widerstand der Franzosen gescheitert waren, gaben ihm die Engländer im Jahre 1921 als Ersatz den Thron des Irak. Dort herrschten die Haschemiten bis zu ihrem Sturz 1958, als arabisch-nationalistische Offiziere den jungen König Feisal II. unter Abdel Kerim Kassem stürzten und die Republik ausriefen. Es blieb ihnen Jordanien.

Der Autor lebt als freier Journalist und Orientalist in Neu-Isenburg.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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