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Japan
Martin Fritz
Japans Tennō, die Frauen und die Thronfolge

Die älteste Erbmonarchie der Welt ist untrennbar mit der Nation verbunden. Doch die starken Traditionen gefährden das Fortbestehen dieser einmaligen Institution

Japans Kaiser eröffnet das Parlament, ernennt den Premierminister, empfängt Staatsgäste, hält Reden und besucht andere Länder. Darin gleicht der Tennoō Heika - Seine Kaiserliche Majestät - anderen konstitutionellen Monarchen wie Queen Elisabeth II. Aber der Tenno - die zwei Schriftzeichen bedeuten "himmlischer Herrscher" - amtiert nicht als Staatsoberhaupt von Japan: Die Verfassung definiert ihn als "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes".

Die starke Beschränkung seiner Rolle resultierte aus Japans Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Die Siegermacht USA respektierte die historische Bedeutung des Kaisers für die Japaner und verzichtete auf seine Anklage als Kriegsverbrecher. Aber die von den USA oktroyierte Verfassung entfernte den Tennō aus dem Zentrum der Macht, politische Aussagen sind für ihn tabu. Damit endete die kurze Geschichtsperiode seit der Meiji-Restauration von 1868, als Japan nach preußischem Vorbild eine konstitutionelle Monarchie mit dem Kaiser als aktivem Herrscher einführte. In den meisten Jahrhunderten davor hatten die Kaiser vor allem religiöse und zeremonielle Aufgaben und blieben in ihrem Palast in Kyoto hinter dem berühmten Chrysanthemenvorhang meist unsichtbar.

China als Vorbild Rückblende: Im 5. Jahrhundert dehnte ein Kleinstaat namens Wa seine Macht durch Eroberungskriege auf ein Gebiet von der südlichen Insel Kyushuūū bis zur Kanto-Region um das heutige Tokio aus. Ihr Herrscher trug den Titel Okimi, Großkönig. Damit begann die Geschichte der Tenno-Familie. Im 7. Jahrhundert entstand schließlich nach chinesischem Vorbild Japans erster Staat mit einem einheitlichen Verwaltungsapparat. Der Tennoōrepräsentierte als sichtbare und gegenwärtige Gottheit die höchste Autorität. Er war ein Priesterkönig, ausgestattet mit absoluter Macht und dem Eigentumsrecht an Volk und Land.

Zur Legitimierung seiner Macht führte dieses Kaisergeschlecht seinen Ursprung auf einen legendären Kaiser Jimmu im Jahr 660 v. Chr. zurück. Aus dieser Zählung ergeben sich 126 Monarchen in ununterbrochener Folge. Amaterasu, die Sonnengöttin, wurde zur Ahnherrin der Tennos erklärt. Die Chrysantheme auf ihrem Siegel und dem Thron symbolisiert die Sonne. Der Tenno verband also die Menschen und die Götter. Trotz dieser Rechtfertigung verlor der Herrscher schon im 9. Jahrhundert die politische und militärische Macht an adlige Clans und später an die Shogune, die obersten Heerführer.

Das ursprüngliche Vorbild der Tennos waren vermutlich Chinas Kaiser. Diese handelten im Auftrag des Himmels, konnten jedoch ihr himmlisches Mandat verlieren. Damit ließen sich ganze Dynastiewechsel rechtfertigen. In Japan hingegen war der Herrschaftsauftrag göttlich, ein Umsturz nicht vorgesehen. Während sich Chinas Kaiser einen der größten Paläste der Welt von märchenhafter Pracht bauen ließen, lebte der japanische Tenno in klösterlicher Askese, vom Volk streng abgeschieden. Die Japaner zogen ihr Schwert nicht gegen den Tenno, weil dieser die meiste Zeit kein weltlicher Herrscher war: Die faktischen Regenten, auch die Gewaltherrscher, waren auf den Thron angewiesen, um ihre weltliche Macht zu begründen. Daher ließen die Clanführer und Shogune den Tenno als ideelles und religiöses Oberhaupt des Landes jeweils am Leben.

Durch die ununterbrochene Ahnenreihe über 1.500 Jahre sind Japan und die Institution Tenno untrennbar miteinander verbunden. Dieser einzigartigen Erbmonarchie droht jedoch das Aus: Das Kaisergesetz von 1947 erlaubt nur männliche Nachfahren der männlichen Linie auf dem Thron. Doch die einzig realistischen Nachfolger von Kaiser Naruhito (61), der seit Mai 2019 "regiert", sind Kronprinz Fumihito (56) und dessen einziger Sohn Hisahito. Sollte der heute 15-Jährige nicht für männlichen Nachwuchs sorgen, wäre das Kaiserhaus ausgestorben.

Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gerade gering: Naruhito heiratete erst als 33-Jähriger, weil seine Auserwählte Masako Owada sich lange zierte. Doch ihr einziges Kind Aiko (20) ist eine Tochter. Umfragen zufolge würden 80 Prozent der Japaner zwar einen weiblichen Tenno akzeptieren. Aber Nippons Konservative, die fast immer die Regierung stellen, lehnen einen solchen Traditionsbruch ab. Zwar gab es in der Tenno-Historie insgesamt acht Kaiserinnen, aber die Funktionen übten ihre Ehemänner aus. Zudem übernimmt der Tenno wichtige Zeremonien der Nationalreligion Shinto, die Frauen wegen angeblicher "Unreinheit" nicht als Priester akzeptiert.

Eine von der Regierung eingesetzte Expertenkommission wollte sich im Dezember 2021 nicht für eine weibliche Thronfolge aussprechen und beließ es bei zwei halbherzigen Lösungsvorschlägen. Zum einen sollten die Prinzessinnen - anders als bislang - durch die Heirat mit einem Bürgerlichen nicht mehr ihren kaiserlichen Status verlieren, damit die Tenno-Familie nicht schrumpft. Aber Konservative lehnen dies ab. Zum anderen könnten männliche Nachfahren von früheren Seitenzweigen in das Kaiserhaus zurückkehren - doch die USA hatten diese Adelsfamilien nach dem Weltkrieg abgeschafft.Martin Fritz

Der Autor ist freier Japan-Korrespondent in Tokio.

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