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Jacqueline Schäfer
»Wir sind sehr nah an den Schicksalen und Emotionen«

Adelsexpertin Stefanie Richter über die Berichterstattung über königliche Familien und die Faszination bei der deutschen Leserschaft

Ihre Mitglieder schmücken Titelbilder, ihr Schicksal sorgt für Auflage und Einschaltquoten: Die europäischen Königshäuser. Was macht sie so faszinierend? Und welches Königshaus hat die größte Bedeutung für die royalen Berichterstatter? Ein Gespräch mit Stefanie Richter, Adelsexpertin der Zeitschrift "Gala" über die Begeisterung der Deutschen für royale Themen.

Frau Richter, ist ein Magazin wie die GALA ohne Berichterstattung aus den Königshäusern überhaupt denkbar?

Nein, die Königshäuser sind ein wichtiger, wenn auch kein dominierender Teil unserer Berichterstattung. Ich habe auch schon mit Leserinnen gesprochen, die sagen, sie läsen alles gerne, nur die Königshäuser überblättern sie. Doch wir haben auch sehr viele Leserinnen, die genau das spannend finden, und viele mögen die Mischung aus Stars und Königshäusern.

Was macht die Königshäuser so faszinierend, dass bei beispielsweise bei Hochzeiten Millionen von Menschen daran Anteil nehmen?

Im Vergleich zu Schauspielern, Sportlern und Künstlern, die kommen und gehen, sind uns die Königlichen sehr lange vertraut. Entweder sind wir mit ihnen aufgewachsen - zum Beispiel mit der Queen - oder wir haben sie aufwachsen sehen wie die Prinzen William und Harry. Sie stehen einerseits für Kontinuität, andererseits wachsen sie einem ans Herz. Das erzeugt ein hohes Identifikationspotential. Die einzelnen Personen werden fast zu Freunden, deren Schicksal einen bewegt, auch weil man sieht, neben all dem Glamour sind das echte Menschen.

Ist die Begeisterung der Deutschen für royale Themen Ausdruck einer heimlichen Sehnsucht nach einem Königshaus?

Ich glaube nicht. Die Faszination dieser besonderen Ereignisse liegt auch darin, dass sie so seltsam sind und dass sie nichts mit unserem sonstigen Alltag zu tun haben: Krönungszeremonien, Hochzeiten, nach denen man in die Pferdekutsche steigt und huldvoll der jubelnden Menge zuwinkt - das passt eigentlich nicht mehr in unsere Zeit.

Genau das macht es spannend, ohne dass die Deutschen tatsächlich eine Monarchie wollen würden. Ich glaube, in Deutschland ist die Begeisterung vieler Menschen für Royales so groß, weil es gerade nicht das eigene Königshaus ist. So kann man unvoreingenommen zuschauen und sich daran erfreuen.

Die Adelsberichterstattung in den Medien ist so etwas wie das weihnachtliche Sissi-Gucken - nur über das ganze Jahr verteilt. Da gibt es einerseits Glanz, Pomp und Privilegien, andererseits teils erschütternde Schicksale. Was fasziniert mehr?

Was viele unserer Leserinnen sehen, ist, dass es zwar ein seltsames System ist, welches nur sehr Wenige auf der Welt betrifft, aber es sind echte Menschen wie du und ich. Mit unserer Berichterstattung sind wir sehr nah an den Schicksalen und Emotionen. Somit vermitteln wir den Leserinnen ein deutlich komplexeres Bild davon, dass das eben kein schönes Märchenleben ist. Nehmen wir Prinz Harry von England, der dieses Jahr sehr viel darüber gesprochen hat, wie schwer er es hatte, und der nach Amerika gegangen ist, um aus diesem Korsett des Hofes herauszukommen. Er sagt, er war ein Gefangener und beschreibt auch seinen Bruder und seinen Vater als Gefangene. Anders als Hollywood-Stars, die von sich aus nach Ruhm streben, haben sich die Mitglieder königlicher Familien ihren Job nicht selbst ausgesucht.

Prinz Harry ist nicht das erste Mitglied eines Königshauses, das auf den psychischen Druck reagiert, der mit der royalen Rolle einhergeht. Die Tragödie seiner Mutter Diana ist unvergessen. Prinz Claus der Niederlanden litt unter Depressionen. Auch wenn die Höfe moderner geworden sind - der Leidensdruck scheint immer noch hoch zu sein.

Ich kann sehr gut verstehen, wie schwierig es für viele ist, diese Rolle überhaupt anzunehmen. Nehmen wir Victoria von Schweden, die zwischendurch magersüchtig war. Oder Kronprinz Frederik von Dänemark, der sehr damit gehadert hat, König werden zu müssen. Ich glaube, für unsere Leserschaft ist vor allem interessant, wie die Königlichen ihr Schicksal meistern. Oder wie bürgerliche Ehepartner mit den Anforderungen am Hof zurechtkommen. Kate Middleton, Mary von Dänemark und vor allem Königin Maxima sind da sehr positive Beispiele. Auch Kronprinzessin Victorias Ehemann Daniel, der früher Fitness-Trainer war, ist in der royalen Welt angekommen und beim Volk beliebt. Andere tun sich schwerer.

Schwer tut sich Prinz Harrys Ehefrau Meghan Markle. Und dabei hatte sie sicherlich von allen Bürgerlichen, die in eine royale Familie eingeheiratet haben, die besten Voraussetzung, was den Umgang mit medialem Interesse angeht. Sie war ein Hollywood-Star und an das Scheinwerferlicht gewöhnt. Woran ist sie gescheitert?

Sie hat sich selbst mit Arielle, der Meerjungfrau, verglichen, die, um den Prinzen zu bekommen, auf ihre Stimme verzichten muss. So erfahren, wie sie vielleicht als erwachsene Frau mit Hollywood-Vergangenheit wirkte, hatte Meghan trotzdem naive Vorstellungen von dem, was auf sie zukommt.

Ich glaube, dass man eine große innere Kraft braucht und möglichst gefestigt sein muss, um eine solche Rolle meistern zu können.

Sie selbst gehören seit Jahrzehnten zum engen Zirkel der royalen Berichterstatter. Sie sind auch Königin Elisabeth II. persönlich begegnet. Wie ist ihr persönlicher Eindruck?

Ich habe bei ihrem Deutschland-Besuch am Defilee und Empfang teilgenommen. Dabei konnte ich sie aus der Nähe beobachten. Ich empfand einerseits die Kontinuität, die sie verkörpert. Auf der anderen Seite fand ich faszinierend, dass sie auch eine ganz warme Ausstrahlung hatte. Ich habe auch die Großmutter und Urgroßmutter gespürt, die neben mir stand. Das hat mich noch mehr für sie eingenommen. Zum Respekt ist eine Zuneigung gekommen. Das englische Königshaus ist von allen Königshäusern das Wichtigste für unsere Berichterstattung. Wenn die Queen eines Tages stirbt, geht eine ganze Ära zu Ende.

Die Serie "The Crown", die sich mit dem englischen Königshaus befasst, bricht alle Rekorde. Haben Sie Folgen gesehen?

Nein, hab ich nicht. Es ist eine fiktive Serie, die wohl sehr gut gemacht ist. Ich hätte Sorge, dass sich dieses Fiktive und das Tatsächliche, was ich weiß, ungut vermischen könnte, weil ich plötzlich auch die Bilder aus der Serie im Kopf habe. Mich würde mich das eher ablenken.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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