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Thronjubiläum
Stefanie Bolzen
Die ewige Queen

Trotz vieler Krisen und stetem Wandel - Elisabeth II. wird weltweit respektiert.

Keine Monarchie ist in der ganzen Welt so berühmt wie die britische und mit ihr Königin Elisabeth II. In diesem Jahr begeht sie ihr Platin-Jubiläum: 70 Jahre ist sie Anfang Februar auf dem Thron - so lang wie kein anderes Staatsoberhaupt. 14 Premierminister haben bisher unter ihr gedient. Die Briten werden ihre Monarchin feiern, sie bekommen zu diesem Anlass sogar Anfang Juni einen zusätzlichen freien Tag. Dabei ist die 95-jährige Monarchin nicht nur zu Hause beliebt. Einer Umfrage des Instituts YouGov zufolge rangiert Elisabeth II. auf dem dritten Platz der meistbewunderten Frauen weltweit - hinter Michelle Obama und Schauspielerin Angelina Jolie.

In unserer schnelllebigen Zeit ist die Permanenz dieser Frau und zugleich einer mehr als tausendjährigen Institution ein Faszinosum. Weder Kriege noch Revolutionen haben, anders als im Rest Europas, die britische Monarchie zum Einsturz bringen können. Auch zu Elisabeths Lebzeiten ist das britische Königshaus durch viele Krisen gegangen. Krisen, die sich mit Namen benennen lassen. Ganz zu Anfang war es Edward VIII., der wegen seiner Liebe zu einer geschiedenen Amerikanerin 1936 abdankte. An seine Stelle trat Georg VI., Elisabeths Vater. 50 Jahre später sollte es Prinzessin Diana sein, deren unglückliche Ehe mit Thronfolger Prinz Charles und ihrem Unfalltod die Windsors in eine tiefe Krise stürzte. Und jüngst waren es Dianas Sohn Prinz Harry und Frau Meghan, deren lautstarker Ausstieg aus dem Königshaus die Windsors vor große Herausforderungen stellte und noch stellen wird.

Unbeliebter Thronfolger Der Tod ihres Mannes Prinz Philip im vergangenen April, der 73 Jahre an ihrer Seite war, rückt unvermeidlich auch Elisabeths Alter in den Fokus. Und damit die Frage der Nachfolge durch ihren ältesten Sohn Charles. Der Thronfolger kommt bei den Briten, vor allem aber im 54 Mitglieder zählenden "Commonwealth of Nations", schlechter an als seine Mutter. Glaubt man den Umfragen, so hätten die meisten Untertanen lieber Charles' Sohn William als nächsten Souverän. Doch eine solche Änderung sieht der Grundsatz Rex nunquam moritur nicht vor. Der König stirbt nie. Mit dem Moment des Ablebens von Elisabeth II. übernimmt ihr direkter Nachfolger die Herrschaft.

In den vergangenen Jahren hat sich das britische Königshaus nicht nur auf die Ära nach Elisabeth II. vorbereitet, sondern genauso das Zeitalter moderner Technologie zu meistern versucht. Dem unbarmherzigen, nie ruhenden Blick der sozialen Medien ausgesetzt, hat "the Firm", wie sich das Königshaus intern nennt, Kommunikations- und PR-Experten herangezogen. Sei es Prinz Charles, seien es Prinz William und seine Frau Kate oder auch die Monarchin selbst: Alle haben ihre eigenen Kanäle in den sozialen Medien, deren Inhalte sorgsam kuratiert sind und zugleich ein kalkuliertes Maß an Nahbarkeit zulassen.

Zugleich entschied das "Spitzen-Trio" aus Elisabeth II., dem Prinzen von Wales und dem Herzog von Cambridge, den Apparat radikal zu verschlanken. Charles und William übernehmen das Gros der wichtigsten Repräsentationspflichten, unterstützt von ihren Ehefrauen Camilla und Kate. Charles' drei Geschwister wurden auf die hinteren Plätze geschickt, genau wie deren Kinder. Prinz Harry sollte ursprünglich Teil des obersten Zirkel sein, war er doch lange Zeit beliebtester Royal nach der Queen. Die Heirat mit Meghan Markle machte dem ein Ende.

Mit ihrer Strategie fein austarierter Nahbarkeit und der Fokussierung auf wenige Köpfe wollen die Windsors sicherstellen, dass ihre Institution den Generationenwechsel schafft. Das wird nicht einfach, zumal das Königshaus mit seinen vielen ungeschriebenen Gesetzen und Gebräuchen viele Menschen in der modernen Gesellschaft irritiert, wenn nicht misstrauisch macht. Die Zahl der Republikaner, die die Monarchie ohnehin abgeschafft sehen wollen, nimmt auch im Vereinten Königreich nicht ab. Ganz besonders in Schottland, das sich ohnehin von England ablösen will. Trotz dieser Bestrebung ist die klare Mehrheit der Schotten Elisabeth II. wohl gesonnen. Was daran liegt, dass es der Monarchin über sieben Jahrzehnte gelungen ist, sich niemals politisch zu äußern und größte Distanz zum Tagesgeschehen zu wahren. Nur einmal im Jahr, traditionell zu Weihnachten, lässt die Queen das vergangene Jahr in einer Ansprache Revue passieren und teilt ihre Gedanken mit den Untertanen. Eine Ausnahme bildete ihre Ansprache Anfang April 2020. Als Premier Boris Johnson schwer an Covid-19 erkrankt auf der Intensivstation lag, rief die Monarchin zur Solidarität in der Pandemie auf und machte der Nation Mut mit der Zeile aus einem Schlager der Weltkriegszeit: "Wir werden uns wiedersehen!"

Feierliche Parlamentseröffnung Einmal im Jahr eröffnet Elisabeth II. das Parlament. Eine prächtige Zeremonie, bei der die Königin bis vor wenigen Jahren die ein Kilogramm schwere Imperial State Crown trug und feierlich ins Oberhaus einzieht. Schon im 16. Jahrhundert demonstrierten englische Könige mit dem "State Opening of Parliament" das Nebeneinander von Monarchie, Regierung und Parlament. Weil das Vereinigte Königreich eine konstitutionelle Monarchie ist, hat das Staatsoberhaupt keine wirkliche Macht. Der Souverän ernennt den Premierminister oder die Premierministerin, auch gibt er seinen "Royal Assent" zu Gesetzen. In den vergangenen 300 Jahren hat kein Monarch diesen je verweigert. Allerdings sorgte der amtierende Premier Boris Johnson 2019 für einen Skandal, als er die Queen um das Abzeichnen der Prorogation bat, einer Zwangspause für das Parlament. Der britische Supreme Court verurteilte diese kurz darauf als verfassungswidrig.

Die Queen ist Zeit ihres Königinnenlebens bestens informiert gewesen über die Entwicklungen in ihrem Land und weit darüber hinaus. Einmal in der Woche kommt der Premierminister zu ihr, meist in den Buckingham Palace. Seit der Corona-Pandemie finden die Besprechungen zumeist telefonisch statt. Was dort gesagt wird, bleibt streng geheim, es gibt nicht einmal Mitschriften. Ein ungeschriebenes Gesetz ist auch, dass Amtsträger niemals ausplaudern, was die Königin ihnen gesagt hat. Der damalige David Cameron geriet 2014 schwer in die Kritik, als er in einem vermeintlich unbeobachteten Moment ausplauderte, die Queen habe "wie eine Katze geschnurrt", als er ihr das Scheitern des Unabhängigkeitsreferendums in Schottland mitteilte.

Weltweit respektiert Bis heute ist Elisabeth II. nicht nur in ihrer Heimat, sondern in 14 weiteren Ländern Staatsoberhaupt, darunter Australien und Kanada. Zu ihrem 21. Geburtstag, am 21. April 1947, gab sie in einer Radioansprache "einen feierlichen Akt der Hingabe" an das Commonwealth ab: "Ich erkläre vor euch allen, dass mein ganzes Leben, ob es lang währt oder kurz, dem Dienst an euch und der großen Familie, der wir alle angehören, gewidmet sein soll." Der dauernd gelebte und niemals von ihr infrage gestellte Dienst am Volk ist es, der Elisabeth II. Respekt in der gesamten Welt eingetragen hat.

Dass Wandel aber unvermeidlich ist, zeigt eine jüngste Reise von Prinz Charles. Ende November nahm der Thronfolger an den Feierlichkeiten teil, mit denen sich der Inselstaat Barbados offiziell zur Republik erklärte. "Die Schaffung einer Republik ist der Anfang von etwas Neuem", erklärte der Prinz von Wales und erkannte zugleich "die furchtbaren Gräueltaten durch Sklaverei" an, "die unsere Geschichte beschmutzen". Es war ein weiterer Beweis dafür, wie die britische Monarchie den Wandel mitzugestalten versucht, ohne die Permanenz der eigenen Institution infrage zu stellen. Denn Barbados bleibt im Commonwealth, auch ohne Elisabeth II. als Staatsoberhaupt. Die wiederum hatte bereits 2018 bei einem Treffen der Staats- und Regierungschefs auf Schloss Windsor sichergestellt, dass ihr Sohn dem Staatenbündnis vorsitzen wird. "The next head of the Commonwealth shall be his Royal Highness Prince Charles, the Prince of Wales", erklärte das Bündnis seinerzeit. Gegründet 1931, übernahm es die Funktion eines Verbunds für Staaten, die dem britischen Empire angehört hatten, nach ihrer Unabhängigkeit aber weiter lose an die Krone gebunden sein wollten. Die britische Monarchie hatte damit eine Formel für die Zukunft gefunden. So wie sie auch nach der Ära von Elisabeth II. einen Weg finden wird.

Die Autorin ist Korrespondentin der "Welt" in London.

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