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Parlamentarisches Profil
Jan Rübel
Der Fachmann: Stefan Zierke

Z um Tourismus kam Stefan Zierke, weil er damit den Leuten Freude verkaufen konnte. Das ist über 30 Jahre her, nun ist er tourismuspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und kümmert sich um das, was er Rahmenbedingungen für eine Branche nennt, von der er sagt: "Der Tourismus hat es eh schon schwer, da muss man es ihm nicht noch schwerer machen."

Es ist Donnerstagnachmittag, er ruft kurz aus seinem Büro an, gleich gehen die Beratungen im Plenarsaal weiter. Zierke versteht sich als Fürsprecher eines nachhaltigen Tourismus in Deutschland. Grenzen im "Fremdenverkehr" sieht er vor allem auf der sozialen Ebene. "Die Gehälter sind zu niedrig", sagt er. "Da ist ein Fachkräftemangel vorprogrammiert." Zierke, 51, fordert Bezahlungen, die über dem Mindestlohn liegen.

Mehr Bedeutung solle der Tourismus an sich in der Bundespolitik bekommen, sagt er. "Mit rund vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts trägt Tourismus mehr bei als der Maschinenbau. Aber wer hat die größere politische Vertretung und Sichtbarkeit?" Gerechtigkeit hatte den gebürtigen Prenzlauer einst in die SPD gebracht. "In meiner Familie, in meinem Freundesumfeld, da haben eigentlich alle irgendwie sozialdemokratisch getickt", erinnert er sich. "Es sollte nach 1989 nicht nur Gewinner und Verlierer geben, sondern alle sollten vom neuen System profitieren." Eingetreten ist er indes erst 2008, da war er 37. In der DDR hatte er nach der Schule eine Lehre zum Werkzeugmacher abgeschlossen, begann 1990 mit dem Wehrdienst noch in der NVA und beendete ihn in der Bundeswehr. Und dann? "Bankkaufmann war nicht meins", erinnert er sich, dann kam die Idee mit dem Verkaufen von Freude. Es folgte die Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann, er leitete die Vollreisebüros der Volksbank Uckermark in Templin und in Prenzlau, "in der Uckermark sah ich von Beginn an Potenzial", sagt er, "unsere Marke ist, dass wir ein ländlicher Raum sind, wie man ihn sich vorstellt" - mit den Berlinern, die so gern rausfahren.

Danach die Weiterbildung zum Touristikfachwirt, 2003 übernahm Zierke die Geschäftsführung des Tourismusverbandes Uckermark, eine Region, in der vieles von der Branche abhängt.

Das rückte ihn auch mehr in die Sphären der Politik hinein. Als Sachverständiger sprach er öfters vor der Stadtverordnetenversammlung von Prenzlau und merkte dann, "dass die Politiker aus nicht sachlichen Gründen anders handelten, als man ihnen empfahl". Die Konsequenz: Wenn, so dachte sich Zierke, Du etwas verändern willst, musst Du dorthin, wo gestaltet wird. Also der Eintritt in die SPD, in der er zügig Verantwortung übernahm, "man kannte mich ja in der Uckermark". Aus der Region habe er von Beginn an Unterstützung erfahren, sagt er.

Doch das Direktmandat für den Bundestag im Wahlkreis Uckermark Barnim I errang er erst 2021; 2013 und 2017 zog er über die Landesliste ein. Denn schon kurz nach seiner Mitgliedschaft in der SPD war er in die Stadtverordnetenversammlung eingezogen, wurde bald darauf Fraktionsvorsitzender. Ein Jahr nach seinem Bundestagsmandat wurde er in den Kreistag gewählt, die Verbundenheit mit der Region verfestigte sich formell. "Das Direktmandat 2021 gab noch einmal einen Ruck, damit zeigte sich, dass es sich lohnt, zu kämpfen", sagt er. "Es ist auch ein Stück mehr Verantwortung für die Region." Region, dieses Wort benutzt er oft.

2018 gab es einen kurzen Ausflug weg von der Tourismuspolitik, da ernannte ihn das Kabinett Merkel IV zum Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend - bis zum Ende der Großen Koalition und der Übergabe des Ressorts an die Grünen.

Nun also wieder zurück zu den Kernthemen. Dass der Gesetzgeber bei der Digitalisierung hinterherlaufe, wurme ihn, so Zierke. Und wo sieht er sich in zehn Jahren? Zierke lacht laut auf. "Auf jeden Fall auch im Urlaub, mit meiner Frau auf einem Campingplatz in Italien."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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