Inhalt

urlaubsparadies
Mathias Peer
Qualität statt Quantität

Thailand sucht Alternativen zum Massentourismus

Thailands Reisegeschäft läuft gerade erst wieder an, doch schon macht der Ansturm der Urlauber wieder Probleme. In besonders populären Buchten des Tropenlandes stand das Ökosystem angesichts des enormen Andrangs bereits vor Jahren vor dem Kollaps. Doch die Coronakrise zeigte, wie sehr Thailand auch darunter leidet, wenn die Urlauber fern bleiben. Zum Tourismus-Neustart sucht das Land nun nach Wegen, eine Urlaubshochburg zu bleiben - die negativen Auswirkungen des Geschäfts aber zu begrenzen.

Besuchermagnet Die Balance zu finden, ist nicht einfach. Lange Zeit hatte sich das Land daran gewöhnt, dass Reisende von Jahr zu Jahr immer mehr Geld in die Kassen spülten. Kamen 2009 noch 14 Millionen Touristen, waren es zehn Jahre später bereits 40 Millionen. Die Hauptstadt Bangkok wurde zu der meistbesuchten Metropole der Welt - vor Städten wie New York, London und Paris. Mehr als 50 Milliarden Dollar gaben die Gäste aus. Das entsprach elf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung - für den ökonomischen Aufstieg des Schwellenlandes und seiner Bevölkerung galten diese Summen als unverzichtbar.

Die Abhängigkeit von der Reisebranche ließ Kritik an den Auswüchsen des Massentourismus jahrelang verhallen - ähnlich wie etwa auch auf den Philippinen, wo die Insel Boracay dem Massentourismus kaum standhalten konnte. In Thailand entwickelte sich die Situation besonders drastisch am Strand der Maya Bay auf der Insel Koh Phi Phi Leh, der über den Film "The Beach" weltberühmt wurde. Zu Spitzenzeiten kamen 5.000 Besucher pro Tag auf den nur 250 Meter langen Sandstreifen. Dutzende Schnellboote ankerten in der Bucht und verschandelten nicht nur die Aussicht, sondern zerstörten auch die Natur. Die Behörden legten erst die Notbremse ein, als 80 Prozent der Korallenriffe beschädigt waren: Sie verkündeten 2018 die vorübergehende Komplettschließung der Maya Bay für Besucher.

Mit der Coronavirus-Pandemie änderten sich die Probleme auf einen Schlag: Statt zu vieler Urlauber hatte Thailand plötzlich viel zu wenige. Wegen Lockdowns und Einreisebeschränkungen kam das Reisegeschäft in den Jahren 2020 und 2021 nahezu komplett zum Erliegen. Die Wirtschaftsleistung brach so stark ein, wie zuletzt in der Asienkrise Ende der 1990er Jahre. Drei Millionen Menschen verloren laut Tourismusverbänden ihren Job.

Nach Jahren der Krise setzt nun nur langsam wieder Normalität ein. Zum 1. Juli hob Thailand so gut wie alle Corona-Regeln für Einreisende aus dem Ausland auf - nur Ungeimpfte müssen noch einen negativen Test vorlegen. Die Regierung hofft, dass mit der Lockerung die Zahl der ausländischen Besucher bis Jahresende auf zehn Millionen steigen wird - im ersten Halbjahr waren es erst zwei Millionen.

Neue Tourismusstrategie Wie Thailand seine Rückkehr als Reisedestination gestalten soll, um nicht wieder von schädlichen Praktiken abhängig zu werden, wird derzeit breit diskutiert. "Thailand braucht eine klare Strategie für nachhaltigen Tourismus, um die Schäden zu vermeiden, die der Übertourismus in der Zeit vor der Pandemie angerichtet hat", fordert die Umweltjournalistin Paritta Wangkiat. Auch die Regierung will nicht zum Massengeschäft aus der Zeit von vor der Pandemie zurückkehren: "Wir wollen uns künftig auf Qualitätstourismus konzentrieren und nicht auf eine möglichst hohe Zahl an Gästen", sagte Premierminister Prayuth Chan-ocha.

Beschränkte Besucherzahlen An Orten wie der berüchtigten Strandstadt Pattaya oder der Bangla-Road auf der Ferieninsel Phuket, die von Gogo-Bars und Trinkgelagen geprägt sind, ist Thailand von diesen Ambitionen noch weit entfernt. Anderswo sind erste Schritte aber bereits gemacht: Die Maya Bay wurde in diesem Jahr mit strikten Regeln wiedereröffnet, die eine Überfüllung verhindern sollen: Maximal 300 Personen werden gleichzeitig an den Strand gelassen - und nur noch mit Voranmeldung. Touristenboote dürfen gar nicht mehr in der Bucht anlegen, sondern müssen einen alternativen Pier anfahren.

Behörden und Geschäftsleute hätten mittlerweile verstanden, dass bestimmte Beschränkungen unumgänglich sind, kommentiert Paritta. Kurzfristig würden die Einnahmen mit dem Traumstrand zwar sinken. "Die Unternehmer wissen aber, dass sie ihr Geschäft nur langfristig aufrechterhalten können, wenn Tourismus und Umwelt in einem guten Gleichgewicht gehalten werden." Sie glaubt: Wenn sich diese Erkenntnis auch in anderen Teilen des Landes durchsetze, könne der thailändische Tourismus sogar stärker werden, als er es vor der Pandemie war.

Der Autor ist freier Journalist und Korrespondent für Südostasien.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag