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MÜNCHEN 72
Alexander Heinrich
Spätes Eingeständnis

Das »Olympia-Attentat« war auch ein Scheitern deutscher Behörden

Ein dunkler Schatten über sonst unbeschwerten Spielen - so ist dieses Verbrechen in Deutschland oft gedeutet worden. Das "Olympia-Attentat", eigentlich die Geiselnahme und Ermordung von elf Mitgliedern des israelischen Olympiateams durch palästinensische Terroristen 1972 in München, es passte so gar nicht zu dem Bild, mit dem sich Deutschland damals präsentieren wollte: Weltoffen, demokratisch und friedliebend, beschwingt und licht wie das ikonische Olympiadach der Architekten Günter Behnisch und Frei Otto, pastellbunt bis in die Farben der Piktogramme und die zivilen Uniformen der Polizisten, die unbewaffnet im Olympischen Dorf für Sicherheit sorgen sollten. Deutschland wollte sich mit diesen Spielen so ganz anders präsentieren als 36 Jahre zuvor mit den vom dunklen nationalsozialistischen Pathos geprägten Spielen von 1936 in Berlin: Regenbogen statt Riefenstahl.

Es sollten "heitere Spiele" sein, das sahen die beiden wichtigsten Treiber hinter dieser Großveranstaltung so: Der unermüdliche DSB-und NOK-Präsident Willi Daume genauso wie Münchens junger und ehrgeiziger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der der bayerischen Landeshauptstadt mit den Spielen einen regelrechten Infrastruktur- und Modernisierungsschub bescherte.

Die Geiselnahme und die Morde passten nicht in das Gesamtbild. Elf Mitglieder des israelischen Olympiateams und ein deutscher Polizist waren bei dem Attentat ums Leben gekommen, mit dem Terroristen mehr als 200 Gefangene in Israel und die RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof freipressen wollten. Die Attentäter waren am Morgen des 5. September 1972 in die Unterkunft der Sportler im Olympischen Dorf eingedrungen, sie erschossen zwei Männer und nahmen neun Geiseln. Rund 18 Stunden später endete ein Befreiungsversuch auf dem Flugplatz in Fürstenfeldbruck mit einem Blutbad - auch, weil dieser Polizeieinsatz denkbar schlecht vorbereitet war, Verantwortliche geradezu kopflos agierten. Alle neun Geiseln und ein Polizist starben sowie fünf der Attentäter.

Es schien, als habe das Land "die Welt außerhalb der Stadtgrenzen von München nicht wahrgenommen", so hat es der britische Korrespondent Gerald Seymor beschrieben, der damals vor Ort berichtete. Dabei kam der Angriff nicht aus heiterem Himmel, es gab Warnungen der deutschen Botschaft in Beirut vor palästinensischem Terror. Der unsensible Umgang der Behörden mit den Angehörigen, die fehlende Bereitschaft zur Aufklärung des Geschehens sind ein weiteres dunkles Kapitel: "So gut wie tot" seien die israelischen Geiseln bereits gewesen, wird der Münchener Polizeipräsident Manfred Schreiber kurz nach dem Geschehen sagen. Die Terroristen seien sehr professionell gewesen, die Polizei hätte es leider nicht besser machen können.

Entschädigung Für das Scheitern der deutschen Sicherheitsbehörden vor 50 Jahren und den unwürdigen Umgang mit den Angehörigen der israelischen Sportler hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun im Beisein von Israels Staatspräsident Isaac Herzog entschuldigt: "Ich bitte Sie als Staatsoberhaupt dieses Landes und im Namen der Bundesrepublik Deutschland um Vergebung, um Vergebung für den mangelnden Schutz der israelischen Athleten damals bei den Olympischen Spielen in München und für die mangelnde Aufklärung danach; dafür, dass geschehen konnte, was geschehen ist", sagte Steinmeier vergangene Woche bei einer Gedenkveranstaltung im bayerischen Fürstenfeldbruck (siehe auch Text oben). "Wir waren nicht vorbereitet auf einen solchen Anschlag und hätten es doch sein müssen."

Nach langem Kampf haben sich jüngst die Hinterbliebenen der israelischen Opfer mit der Bundesregierung auf eine Entschädigung geeinigt: 28 Millionen Euro stehen nun als Entschädigungssumme für das entstandene Leid fest. Davon übernimmt der Bund 22,5 Millionen, der Freistaat Bayern fünf Millionen Euro und die Stadt München 500.000 Euro. Eingerichtet werden soll zudem eine israelisch-deutsche Historikerkommission, um das damalige Geschehen und den Umgang mit ihm umfassend aufzuarbeiten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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