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Ortstermin: Autorinnenlesung mit Rita Süssmuth
Denise Schwarz
»Meine Geduld ist am Ende«

Es ist Viertel nach acht, plötzlich geht das Licht aus. Schnell werden die Handytaschenlampen und die kleinen Leuchten eingeschaltet, die sich an den Lesetischen in der Bibliothek befinden. "Schluss" ruft jemand überrascht, nach Hause will jedoch noch niemand. Wenig später geht das Licht wieder an und die Diskussion geht weiter.

Nach fast drei Jahren pandemiebedingter Pause findet erstmals wieder eine Lesung in der Bundestagsbibliothek im Marie-Elisabeth-Lüders Haus statt. Zwischen Enzyklopädien, Handbüchern und Fachzeitschriften sitzen die Menschen dicht gedrängt, nur wenige Plätze sind leer geblieben. Auch einige Politikerinnen und Politiker sind anwesend. Sie alle lauschen den Worten von Rita Süssmuth.

Die ehemalige Bundestagspräsidentin stellt ihre Streitschrift "Parität. Jetzt" vor. Gelesen wird an diesem Abend allerdings bis auf wenige Zeilen nichts. Vielmehr erzählt die Unionspolitikerin von ihrem Weg als Frau in die Berufswelt und Politik, von den Hürden, die sie nehmen musste und von den Hindernissen, die es als Gesellschaft auf dem Weg zur Gleichberechtigung noch zu überwinden gelte.

Süssmuth sei für viele Frauen ein Vorbild, sagt Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD), die durch den Abend führt. 1937 geboren, macht Süssmuth auf Wunsch des Vaters Abitur, geht an die Universität, studiert Romanistik und Geschichte in Münster, Tübingen und Paris. Als sie im Anschluss eine Anstellung suchte, sei sie selbst mit der Diskriminierung von Frauen konfrontiert gewesen.

Was ihr Mann davon halte, dass sie arbeite oder ob sie denn keine Kinder wolle: Solche Fragen seien ihr gestellt worden, erzählt Süssmuth. Sie habe daraus die Energie gefasst, etwas zu ändern. Ihre Politikkarriere beginnt 1981, von 1988 an wird sie zehn Jahre lang das Amt der Bundestagspräsidentin innehaben. Außerdem war sie unter anderem Bundesministerin für Jugend, Familie, Gesundheit und Frauen.

Wie langsam der Einfluss von Frauen in der Politik vorankommt, hat sie also selbst erlebt. Erst 1987 überschritt der Frauenanteil im Parlament die Zehn-Prozent-Marke. Seit 1998 stagniert er bei 30 bis 37 Prozent. "Meine Geduld ist am Ende", sagt Süssmuth. Es sei an der Zeit, dass sich endlich etwas bewege. "Wir wollen Einfluss nehmen", fordert sie.

Dabei sei es ihr wichtig zu betonen, dass ihre Streitschrift nicht als Werk gegen Männer verstanden werde. Süssmuth freue sich im Gegenteil besonders, dass auch viele Männer an diesem Abend den Weg zu der Veranstaltung gefunden haben: "Es ist kein Frauenthema, sondern ein Gesellschaftsthema". Parität und die Machtteilung sind laut Süssmuth ein Gewinn für die Demokratie.

Mit Blick auf die aktuelle Wahlperiode merkt Bas an, dass es erstmals ein paritätisch besetztes Kabinett gebe und im Präsidium sogar mehr Frauen als Männer säßen. Keine Selbstverständlichkeit. "Nach der letzten Wahl hätten alle Verfassungsorgane von Männer besetzt sein können", sagt Bas. Dass dies nicht so gekommen ist, liege auch am Druck aus der Gesellschaft.Denise Schwarz

Aus Politik und Zeitgeschichte

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