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Ortstermin: Ausstellung im BUNDESTAG
Elena Müller
Tagebuch des Schreckens

"Wenn ich doch jemanden sehe, dann sind es oft Gruppen von Menschen, sie gehen einzeln hintereinander, um nicht gleich alle von Beschuss getroffen zu werden."

Es sind nur wenige Sätze, klar und schnörkellos, und sie treffen einen mit Wucht. Auf dem Foto über diesem Satz sieht man vier Menschen, die mit eingezogenen Köpfen in einer Reihe hintereinander eine Straße entlanggehen. Es ist der 2. März 2022 in Kiew.

In diesen ersten Tagen des Krieges zieht die ukrainische Künstlerin Yevgenia Belorusets mit ihrer Kamera durch die Hauptstadt des Landes, das am 24. Februar von der russischen Armee angegriffen wurde. Belorusets ist Schriftstellerin, Fotografin und Aktionskünstlerin und verbindet all diese Fähigkeiten, um zu dokumentieren, was in jenen Tagen in ihrer Heimat geschieht. Es ist ein Kriegstagebuch. Unter dem Titel "Anfang des Krieges" ist es bei Matthes & Seitz erschienen; Auszüge ihrer Notizen und viele Bilder sind nun in der Installation "Nebenan - Das Kiewer Kriegstagebuch" im Reichstagsgebäude zu sehen. Dort hängt auch jenes Motiv, dass auch für das Plakat zur Ausstellung ausgewählt wurde: Es zeigt eine Straßenszene, man sieht eine Fensterbank, darauf liegt ein Strauß Rosen, noch frisch. Wäre der Ort der Aufnahme in Paris, Berlin oder New York, würde man sich vielleicht einfach nur fragen, wer da wohl aus welchen Gründen die Blumen hat liegen lassen. Doch in Belorusets Foto sieht man im Hintergrund militärische Straßensperren, sie bilden einen starken Kontrast zur modernen hellen Wandfarbe des Hauses im Vordergrund und den edlen Rosen.

Es könnte kein besseres Bild - im übertragenen Sinn - dafür sein, wie schnell der russische Angriffskrieg über das Leben, den Alltag der Menschen in der Ukraine hereingebrochen ist. Einen weiteren Kontrast bildet der Ort der Ausstellung im Reichstagsgebäude. Die Installation befindet sich in der Abgeordnetenlobby. Da stehen auf der einen Seite die Stellwände mit den Fotos des Krieges, aus einem Land, das mit aller Kraft versucht, seine Demokratie zu verteidigen. Auf der anderen Seite, ordentlich aufgereiht und in schlichtem Grau die Kabinen, in denen die Abgeordneten des Bundestages bei geheimen Wahlen ihre Stimme abgeben. Hier das Symbol eines funktionierenden Parlaments, eines Volkes im Frieden, dort Zeugnisse eines Landes in Trümmern, von Menschen auf der Flucht.

Die Installation kann noch bis zum 24. Februar im Rahmen der Kunst- und Architekturführung des Bundestages besichtigt werden. Anmeldungen sind unter www.bundestag.de/besuch/anmeldung möglich. Weitere Informationen zu Sonderführungen in sitzungsfreien Wochen finden interessierte Bürgerinnen und Bürger unter www.bundestag.de/besuche/ausstellungen/kunst_ausstElena Müller

Aus Politik und Zeitgeschichte

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