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Club of Rome
Nina Jeglinski
Initialzündung für die grüne Bewegung

Vor 50 Jahren erschien der Bericht über die Grenzen des Wachstums, die Ergebnisse haben aufgeschreckt und wirken bis heute nach

Ein Grüner als Vize-Kanzler in der Bundesregierung und ein Unternehmer, der mit der Produktion von Elektroautos etablierten Autoherstellern das Fürchten lehrt: Von solchen Entwicklungen war man vor 50 Jahren noch weit entfernt. Als Dennis Meadows am 1. März 1972 in Washington seinen Bericht "Das Ende des Wachstums" vorstellte, sah die Zukunft des Planeten sehr dunkel aus. Der 28 Jahre alte Ökonom und Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hatte die Risiken für einen Zusammenbruch der Zivilisation untersucht. Das Ergebnis: Wenn die Menschheit so weitermache wie bisher, werde die industrielle Gesellschaft wegen der Überbeanspruchung globaler Ressourcen zusammenbrechen.

Alarmierendes Ergebnis Gemeinsam mit seinen Kollegen hatte Meadows die Rohstoff-Vorräte der Erde mit dem Wirtschaftswachstum und den Geburtenraten in viele Formeln gefasst und von einem Computer berechnen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Die Landwirtschaft kann nach diesem Szenario bald nicht mehr genügend Menschen ernähren, die Rohstoffe reichen nicht mehr aus, das Wachstum kommt zum Stillstand. Wenn alles gut läuft. Wenn es schlecht läuft, dann haben die Menschen bald so viele Ressourcen verbraucht, dass gar nicht mehr alle überleben können. Als die 160 Seiten lange Studie, zum größten Teil von der Volkswagenstiftung finanziert, im Frühjahr 1972 erschien, war es eine Provokation: "Die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde werden im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht", so der Bericht. Die Antwort lautete Wachstumsbeschränkung. Während diese Forderungen bei der etablierten Wissenschaft und weiten Teilen der Politik abprallten, wurden sie bei der 1968er-Generation schnell zu einer Art Handlungsanleitung.

Manchen gilt der Bericht als Geburtsstunde der Umweltbewegung, die deutschen Grünen nennen das Buch die Initialzündung für ihre Partei. Der "Club of Rome" wurde 1968 von Industriellen, Diplomaten und Wissenschaftlern gegründet und existiert bis heute als ein Zusammenschluss von Experten. Die gemeinnützige Organisation hilft bei der Verbreitung von Ideen für eine nachhaltige Zukunft und gab bisher neben einer Reihe von Publikationen 34 Berichte heraus, der bisher letzte mit dem Titel "2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre" erschien bereits 2012. Der "Club of Rome" besteht heute aus drei Organisationen: einem internationalen Dachverband, den nationalen Sektionen und dem Think Tank 30 sowie einem Netzwerk von Club of Rome Schulen. Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome ist der Klimaforscher und Hochschullehrer Mojib Latif, zu den Mitgliedern zählen unter anderem Wissenschaftler wie Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sowie Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Physiker, Professor und früherer Bundestagsabgeordneter. Mit ihrem Bericht von 1972 trafen Dennis Meadows und seine Mitarbeiter den Nerv der Zeit - machte doch die damals schon sichtbare Umweltzerstörung vor allem den jungen Menschen Angst. Kurz nach Erscheinen kam es zur Ölkrise. Die arabischen Ölstaaten demonstrierten mit ihrem Lieferboykott wegen des Krieges um Palästina, wie abhängig die Industriestaaten vom Erdöl waren. Die hohen Energiepreise trieben die Welt in die Rezession, und die "Ölkrise" beförderte die Suche nach Alternativen. In der Folge wurde der Bericht weltweit zwölf Millionen Mal verkauft und regte viele dazu an, sich dem geltenden Fortschrittsglauben entgegenzustellen.

Debatte bis heute Damals begann eine Debatte, die bis heute anhält und durch die gesetzlich festgeschriebenen Klimaziele eine enorme Bedeutung erfährt - die Debatte um die noch immer gültige Maßzahl des wirtschaftlichen Erfolgs, das Bruttoinlandsprodukt (BIP). "Es wächst, wenn immer mehr Abfälle die Umwelt belasten. Und es wächst noch einmal, um Umweltschäden zu beseitigen", schrieb Erhard Eppler, damaliger SPD-Minister. Schon in den 1970er Jahren forderte er "mehr Lebensqualität" statt wachsender Umsätze. Das stieß bei seiner Partei und bei den Regierungen zwar auf taube Ohren, entfaltete aber eine große kulturelle Wirkung. Dennoch konnten sich die Kernthesen des Meadows-Berichts nicht allgemein durchsetzen. Nicht nur boten sie keine überzeugenden Antworten für die Mehrheit der Menschheit, der ein "Nullwachstum" nur die Fortschreibung ihrer Armut gebracht hätte. Sie ignorierten auch, dass kapitalistische Gesellschaften in ihrer bisherigen Form zwingend Wachstum benötigen, um stabil zu bleiben. Und auch die Länder des Staatssozialismus setzten auf Wachstum.

In der Gegenwart formuliert die Ampelkoalition den Anspruch, wirtschaftliche und umweltpolitische Notwendigkeiten miteinander zu versöhnen. Bundeswirtschaftminister Robert Habeck (Grüne) will den Wandel von der sozialen zu einer sozial-ökologischen Marktwirtschaft. Habeck gibt zwar zu, dass eine Gesellschaft ohne Wachstum ärmer wird. Er will aber das BIP durch Indikatoren ergänzen, die nachhaltigen Wohlstand, Beschäftigung, Teilhabe und soziale Sicherheit berücksichtigen.

Ob sich diese Idee durchsetzen wird, kann aktuell nicht beantwortet werden. Ansätze für Alternativen zum BIP gab es schon viele, aber keiner hat sich durchgesetzt. Auch nicht das "Bruttonationalglück" des Himalaya-Staats Bhutan, in das auch Faktoren wie psychisches Befinden und Bildung mit einfließen. Eine Antwort auf die Frage, ob sich Ökonomie und Ökologie miteinander vereinbaren lassen, könnte 50 Jahre nach Erscheinen des Berichtes "Die Grenzen des Wachstums" näher rücken. Wie erfolgreich solche Konzepte sein werden, gilt es abzuwarten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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