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Aufgekehrt
Claus Peter Kosfeld
Der lange Tisch

Die internationale Spitzendiplomatie ist um einen Tisch reicher: Nach dem runden Tisch sorgen die Russen nun mit dem langen Tisch für mindestens ebenso so lange Gesichter. Zerberus Putin auf der einen Stirnseite, Frankreichs Sonnengott Macron auf der anderen Seite. Dazwischen meterweise prächtiges Tischmassiv ohne viel Blumengedöns. Was mögen sich die Männer zugerufen haben?!

Putin ist inzwischen ein älterer Herr, der Nachteil einer endlosen Amtszeit, fraglos Risikogruppe, sicher will er nicht infiziert werden, schon gar nicht vom Klassenfeind. Selbst sein umtriebiger Außenminister Lawrow musste am langen Tisch Platz nehmen. Die für die Weltöffentlichkeit sorgfältig aufbereitete Theaterszene ist arm an Dialog, dafür reich an Botschaft: Putin fragt seinen Kumpel Lawrow, ob noch Chancen bestünden, mit dem Westen eine Einigung zu erzielen. Der Minister scheint für einen Moment tief nachzusinnen, als hätte ihn der Chef mit der Frage ebenso erleuchtet wie überrascht, um dann zu antworten, ja, es gebe noch Spielraum. Und dann Putins entscheidende Reaktion: "In Ordnung!"

In Ordnung! Dann eben kein Krieg, oder was? Putin, Herrscher über Tausende Atomraketen, Panzer und die Rote Armee, mit der Lizenz zum Angriff auf die Ukraine, beendet seine strategischen Überlegungen wie Günther Jauch ein Telefonat mit einem Publikumsjoker. Da kann die emsige Biene Baerbock noch was lernen, die hin und her fliegt, um Plattitüden zu verteilen wie einst Fleißkärtchen in der Schule. Gewinner ist stets der beratungsresistente alte weiße Mann, der sitzt, grübelt und einsam entscheidet, ob das Leben weitergeht oder sich alles in Rauch auflöst. Spasibo tovarishch!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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