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ERNÄHRUNG
Rainer Kurlemann
Mit grüner Gentechnik gegen den Hunger?

Die EU plant, die Zulassungsregeln für Züchtungen durch neue genomische Verfahren zu lockern. Eine alte Debatte ist neu entbrannt

Lange schon wird in Europa die grüne Gentechnik kontrovers diskutiert. Während die einen hoffen, mit ihrer Hilfe widerstandsfähige Nutzpflanzen züchten zu können, warnen die anderen vor unabsehbaren Risiken für Mensch und Natur. Gentechnisch veränderte Organismen (GVO) hätten "immenses Potenzial", die biologische Vielfalt zu gefährden, warnen Naturschützer. Seit 2001 unterliegen in der EU Freisetzung und Inverkehrbringen von GVO strengen Auflagen. Die EU-Kommission plant nun jedoch, das mehr als 20 Jahre alte Gentechnik-Recht zu reformieren. Damit soll der europäischen Sonderweg bei der Bewertung von neuartigen genomischen Verfahren (NGT) in der Pflanzenzucht beendet und die strikten EU-Regeln an den Umgang mit modernen Methoden der Biotechnologie auf anderen Kontinenten anpasst werden.

Die für Lebensmittelsicherheit zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides sieht akuten Handlungsbedarf: Die geltenden Rechtsvorschriften seien nicht zweckmäßig und müssten an den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt angepasst werden, sagte sie im April 2021 bei der Vorstellung eines von der Kommission in Auftrag gegebenen Expertenpapiers. Es war der Auftakt für den Konsultationsprozess zur Gestaltung eines neuen Rechtsrahmens, der Mitte 2023 abgeschlossen werden soll. Umweltschutzverbände und Gentechnik-Gegner sind alarmiert.

Genschere Was sie beunruhigt: Kyriakides will Pflanzen, die etwa mit Hilfe der Genschere Crisp-Cas gezüchtet wurden, rechtlich nicht mehr automatisch als gentechnisch veränderte Organismen einstufen. Das würde die Markteinführung der Züchtungen und der daraus gewonnenen Produkte erleichtern. Denn gentechnisch veränderte Organismen unterliegen umfangreichen Sicherheitsprüfungen, die Zeit und Geld kosten und das unternehmerische Risiko der Züchter erhöhen.

Viele Wissenschaftler halten den verstärkten Einsatz der NGT in der Pflanzenzucht angesichts des fortschreitenden Klimawandels für wichtig. Der Weltklimarat (IPCC) verweist in einem Sonderbericht auf die Bedeutung biotechnologischer Verfahren für die Sicherung der Welternährung. Bis zur Zulassung einer neuen Sorte vergehen in der traditionellen Pflanzenzüchtung derzeit etwa zwölf Jahre. Mit Genscheren sei es schneller möglich, Pflanzen zu entwickeln, die besser mit Hitze- und Trockenstress zurechtkommen, so das IPCC. Gentechnik-Gegner bezweifeln das. "Schon vor 40 Jahren, als die erste Generation der Gentechnik entwickelt wurde, waren die Versprechen groß: weiter steigende Erträge, ein Ende des Welthungers, weniger Pestizide und dazu Pflanzen, die Krankheiten und Schädlingen trotzen", sagt Eva Gelinsky von der Interessengemeinschaft gentechnikfreie Saatgutarbeit. Diese Ankündigungen seien nicht erfüllt worden. Viele Züchtungen schaffen es erst gar nicht bis zur Anwendung: "Wenn sich eine Pflanze unter Laborbedingungen bewährt, bedeutet das noch lange nicht, dass sie auch unter sehr variablen Bedingungen in der Umwelt funktioniert", sagt sie.

Tatsächlich sind erst drei Pflanzen weltweit auf dem Markt, von denen bekannt ist, dass sie mithilfe neuer Gentechnik gezüchtet wurden. Keine erhebt den Anspruch, Antworten auf drängende Fragen des Klimawandels oder der Ernährungssicherheit zu geben. Der japanische Saatguthersteller Sanatechseed etwa hat eine Tomate entwickelt, die deutlich mehr Gamma-Aminobuttersäure enthält. Diese kann den Blutdruck senken und beruhigend wirken. In den USA und in Kanada werden verschiedene Linien des CIBUS-Raps angebaut, die resistent gegen ein Unkraut-Pestizid sind. Ebenfalls in den USA hat das Biotechnologie-Unternehmen Calyxt 2021 das Sojaöl "Calyno" vorgestellt, das durch Ausschaltung zweier Gene viel Ölsäure und wenig Linolensäure enthält. So entstehen beim hochtemperierten Kochen keine ungesunden Transfette. In den USA wird das Öl als gentechnikfrei beworben, in Europa fällt es derzeit unter die Kennzeichnungspflicht.

Kennzeichnungspflicht Die unterschiedlichen Kennzeichnungspflichten außerhalb der EU sind ein Problem, das aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) resultiert. Das Gericht hatte 2018 entschieden, dass Produkte nach aktueller Rechtslage als GVO behandelt werden müssen, wenn nur ein einziger Schritt bei der Züchtung mit gentechnischen Methoden durchgeführt werde. Das könnte sich nun ändern: Anders als der EuGH, der den Prozess betonte, könnten die neuen EU-Regeln nun den Blick auf das Produkt zum entscheidenden Faktor einer Bewertung machen. Wenn also das Erbgut der neuen Pflanze auch auf natürlichem Wege oder durch übliche Züchtungstechniken entstanden sein könnte, soll es nicht mehr als Ergebnis von Gentechnik und damit als GVO bewertet werden. Auch die Leopoldina, Dachverband der Deutschen Wissenschaftsakademien, vertritt diese Position. Verfahren wie die Genschere seien in diesem Fall einfach nur schneller als die herkömmliche Züchtung. Ein Freifahrtschein für Crisp-Cas ist das nicht. Wird das Werkzeug genutzt, um ein artfremdes Gen in eine Pflanze einzufügen, bleibt das Produkt ein GVO. Wenn aber ein Genabschnitt mit einer positiven Eigenschaft aus einer Wildform der gleichen Art eingesetzt wird, fällt die Entscheidung anders aus. Das gilt auch für die Aktivierung oder Veränderung eines bestehenden Gens. Außerhalb von Europa haben sich fast alle großen Industrienationen für die Produktsicht als Kriterium für eine Einstufung als GVO entschieden und treiben die Forschung entsprechend voran. Bleibt Europa bei seiner strengen Regelung, könnte das den Standort schwächen. Die Debatte über die grüne Gentechnik geht weiter.

Der Autor ist freier Wissenschaftsjournalist in Düsseldorf.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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