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König Charles III. auf Staatsbesuch : Royales Werben

Drei Tage reiste König Charles III. durch Deutschland, um der deutsch-britischen Freundschaft nach dem Brexit neuen Schwung zu verleihen.

03.04.2023
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5 Min

Dass Staatsbesuche das Verhältnis zweier Nationen neu definieren, gelingt selten. Britischen Monarchen wird die große Wirkung in neuerer Zeit gleich dreimal zugeschrieben. König Eduard VII. (1901 bis 1910) ebnete 1903 mit einem geschmeidigen Auftritt in Paris den Weg zur ein Jahr später unterzeichneten Entente cordiale. Das Abkommen setzte Kooperation an die Stelle der jahrhundertealten Rivalität der beiden Nachbarn und stellte die Grundlage dar für die Waffenbrüderschaft in beiden Weltkriegen.

Foto: picture-alliance/epd-bild/Christian Ditsch

Charles III. durfte als erste Monarch überhaupt im Bundestag reden und tat dies über weite Strecken in nahezu akzentfreiem Deutsch.

Königin Elizabeth II. (1952-2022) war gleich zweimal wirkmächtig. 2011 entzückte sie ihre irischen Gastgeber, indem sie ihre Bankettrede in Dublin mit einigen gälischen Worten begann. Diese Geste, ebenso wie der Händedruck mit dem einstigen IRA-Terroristen Martin McGuinness, bekräftigte die Entspannung im Verhältnis der Republik zu ihrer einstigen Kolonialmacht, allen bestehenden Querelen um Nordirland zum Trotz.

Last but not least trug die junge Queen durch ihren ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik 1965 zur Versöhnung nach zwei Weltkriegen bei. Kreuz und quer reisten die Königin und ihr Prinzgemahl Philip durch das damalige Westdeutschland, überall wurden sie begeistert von der Bevölkerung empfangen.

Viel Freundschaft, wenig Meinungsverschiedenheiten

Die dreitägige Visite des neuen Königs Charles III. und seiner Gattin Camilla reichte vergangene Woche nicht an diese Beispiele heran. Und das ist eine positive Feststellung: Im Verhältnis beider Staaten gibt es keine Vereisung, die durch royale Wärme aufgebrochen werden müsste. Stattdessen gibt es seit langen Jahren sehr viel Freundschaft mit gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten - und seit 2016 natürlich den verheerenden strategischen Fehler der Insel, sich aus dem europäischen Einigungsprojekt auszuklinken.

Sieben Jahre danach wollen beide Seiten darüber hinwegkommen. Der Erfolg des Besuchs war deshalb schon vorab beschlossene Sache. Die Londoner Regierung des konservativen Premiers Rishi Sunak braucht dringend mehr Nähe zum Kontinent, dem sich die Insel durch den Brexit mutwillig entfremdet hat. Allzu klar treten inzwischen die wirtschaftlichen und politischen Schäden der schwersten strategischen Fehlentscheidung seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu Tage.


„Auch Berlin hat Interesse daran, das Königreich wieder enger an die EU zu binden.“

Daran ändert auch der vergangene Woche verkündete Beitritt des Königsreichs zum transpazifischen Wirtschaftsbund CPTPP nichts: Selbst nach Regierungsberechnungen wird das neue Bündnis langfristig wenig mehr als 0,08 Prozent zum britischen Inlandsprodukt beitragen. Hingegen schätzen Ökonomen die Brexit-Wirkung auf minus vier Prozent.

Deswegen schickte der Regierungschef seinen Monarchen noch vor dessen Krönung eben nicht in eines der Commonwealth-Länder, sondern nach Frankreich und Deutschland, also zu den nach wie vor wichtigsten EU-Staaten. Nur weil Demonstranten wieder einmal Paris lahmlegten, wurde Berlin die Ehre als erste Besuchsstation des neuen Königs zuteil. Der Auftritt in Paris wäre schwieriger geworden, weil es im bilateralen Verhältnis allerlei Empfindlichkeiten gibt.

Engere Bindung gewünscht

Umgekehrt hat auch Berlin ein Interesse daran, das weltweit vernetzte Königreich - Mitglied im UN-Sicherheitsrat, Besitzer von Atomwaffen, neben Frankreich die einzige ernstzunehmende Militärmacht Europas - wieder enger an die EU zu binden. Lange Zeit sah es aus London so aus, als nehme die deutsche Elite den Briten ihren Austritt persönlich übel. Doch längst wiegen die vielen Gemeinsamkeiten in der Außen-, Klima- und Menschenrechtspolitik wieder schwerer: der Kampf gegen die Klimakrise; der notwendige ökologische Umbau der Wirtschaft; der Einsatz für eine auf Werten und Regeln aufbauende Weltordnung gegenüber den autokratischen Regimen in China und Russland; die gemeinsame Unterstützung der Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg.

Nicht umsonst sprach der König all diese Themen in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag an (siehe Seite 6). Der Moment war schon deshalb historisch, weil noch nie zuvor ein Monarch vor dem deutschen Parlament gesprochen hatte.

Freilich agierte Charles im Bundestag nicht als Individuum, sondern als Staatsoberhaupt einer konstitutionellen Monarchie, die ihre Symbolfigur eng an der Kandare führt. Jedes Wort war dem 74-Jährigen von den Diplomaten des Foreign Office und den Politikberatern der Downing Street vorgegeben.

Zusammenarbeit läuft aktuell gut

Andererseits wird Politik von Menschen gemacht. Zum besseren Verhältnis zwischen London und Berlin hat die Beruhigung britischer Politik nach dem Chaos der Brexit-Jahre entscheidend beigetragen. Mit populistischen Schönrednern wie Ex-Premier Boris Johnson kam Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nicht gut zurecht. Hingegen bestehe, sagen Eingeweihte, zwischen Scholz und Sunak "ein Vertrauensverhältnis", das in die gemeinsame Zeit als Finanzminister während der Corona-Pandemie zurückreicht.

"Bleiben enge Verbündete", betonte Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD)   Foto: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Auch die persönliche Sympathie zwischen dem Monarchen und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist echt. Es war der Sohn des deutschstämmigen Prinzen Philip und Enkel der Königsgemahlin Mary von Teck, der im Vorfeld der zentralen Gedenkfeier zum Ende des Ersten Weltkriegs im November 2018 auf die Teilnahme des einstigen Kriegsgegners pochte. Beim Gottesdienst in der Westminster Abbey übernahmen Steinmeier und der damalige Prinz Charles die Bibellesungen, beim privaten Tee waren sich die Herren nicht zuletzt über das gemeinsame Humorverständnis nähergekommen.

So dürfte die muntere Passage in der 23-minütigen, abwechselnd auf Deutsch und Englisch vorgetragenen Rede kein Zufall gewesen sein, mit der Charles unter Beifall ein Loblied auf den Humor sang: "Wir lachen zusammen, sowohl miteinander wie übereinander."

Politisch gesehen waren die Absätze über den gemeinsamen Kampf gegen die Klimakrise sowie zur Solidarität mit der Ukraine bedeutend. London setzt beim Ausbau erneuerbarer Technologien und der Werbung für besseren Klimaschutz auf die Partnerschaft mit Berlin. Dass man auch Atomkraft auf Dauer für unverzichtbar hält, verschwieg der König ebenso diplomatisch wie die Verärgerung über Deutschlands anfängliches Zögern in der Ukraine-Frage.

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In London bleibt unvergessen, dass Anfang vergangenen Jahres britische Flieger mit Waffen für die Ukraine aus diplomatischer Rücksichtnahme den deutschen Luftraum vermeiden mussten. Ob er "kein Gefühl von Scham" habe, wurde Scholz auf der Pressekonferenz anlässlich seines Antrittsbesuchs vergangenen April gefragt.

Hingegen betonte Charles die mittlerweile erreichte Gemeinsamkeit: Deutschlands Entschluss, der Ukraine so große militärische Unterstützung zukommen zu lassen, sei "überaus mutig, wichtig und willkommen".

Freund und Fürsprecher

Meinungsverschiedenheiten, auch handfesten Streit, wird es gewiss auch in Zukunft geben. Aber sie basieren auf dem tiefen gegenseitigen Verständnis der Menschen, nicht zuletzt der derzeitigen Führungspersonen, beider Nationen. Von "alten Freunden" sprach der König in Berlin. Kein Zweifel, dass die Bundesrepublik in ihm einen Freund und Fürsprecher hat.