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Alexander Weinlein
Fremder Feind

Guerillakrieg William R. Polk hat Aufstandsbewegungen der vergangenen 200 Jahre verglichen und erklärt ihre Erfolge

Allein mit militärischen Mitteln, so räumen führende westliche Politiker freimütig ein, sind die Taliban in Afghanistan nicht zu besiegen. Der amerikanische Wissenschaftler William R. Polk geht noch einen Schritt weiter: Selbst wenn es der Nato am Hindukusch gelingen sollte, den Taliban militärisch Niederlage um Niederlage beizubringen, so würde die westliche Staatengemeinschaft in Afghanistan letztlich dennoch scheitern. Dies ist das ernüchternde Ergebnis seiner vergleichenden Studie über Aufstandsbewegungen vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan.

Polk, ein ausgewiesener Experte für die Geschichte und Politik des Mittleren Ostens, greift in seiner Darstellung auf einen Untersuchungsansatz zurück, den er bereits Anfang der 1960er Jahre als Berater der Kennedy-Regierung entwickelt und mit dessen Hilfe er das Scheitern des amerikanischen Engagements in Vietnam prognostiziert hatte. Die militärische Auseinandersetzung in einem Guerillakrieg, so führte er 1962 in einem Vortrag vor Offizieren am National War College aus, bilde den unwichtigsten Aspekt in der Gesamtauseinandersetzung. Wesentlich wichtiger seien die Bereiche Politik und Verwaltung. Und an genau diesen beiden Punkten sei der Krieg in Vietnam bereits verloren. Ho Chi Minh, so erklärte Polk, sei längst "zur Verkörperung des vietnamesischen Nationalbewusstseins geworden". Allein dies mache 80 Prozent der gesamten Auseinandersetzung aus. Zudem hätten die aufständischen Vietcong den südvietnamesischen "Verwaltungsapparat in einem solchen Umfang zerschlagen und so viele Beamte umgebracht, dass er nicht einmal mehr elementare Aufgaben erfüllen könne". Gleichzeitig leide die südvietnamesische Regierung unter einer "erschreckenden Korruption". Dies schlage mit weiteren 15 Prozent in der Auseinandersetzung zu Buche. Der bewaffnete Kampf, so rechnete Polk den wenig begeisterten Militärs vor, mache gerade einmal fünf Prozent aus.

Korruptes System

Die von William R. Polk damals gemachten Beobachtungen erinnern stark an die aktuellen Verhältnisse in Afghanistan. So zitiert Polk einen afghanischen Dorfältesten mit den folgenden Worten: "Wenn die Taliban zurückkommen, werde ich für sie beten. Es ist mir egal, ob ich mir einen Bart wachsen lassen und ständig in die Moschee gehen muss. Das ist mir egal. Es sind zumindest keine Diebe." Auch Polks Kollege Barnett R. Rubin hatte 2007 in einem Beitrag für die "Foreign Affairs" bereits festgestellt, die Afghanen "wenden sich zunehmend wieder an die Gerichte der Taliban, die ihrer Meinung nach besser arbeiten und fairer urteilen, als das korrupte offizielle System". Überhaupt legt Polks kluges Buch den Verdacht Nahe, dass sich Geschichte eben doch wiederholt - zumindest in ihren Grundzügen.

Die wesentliche Gemeinsamkeit, die alle von Polk untersuchten Aufstände der vergangenen 200 Jahre trotz aller Unterschiede in Form, Dauer und Intensität verbindet, sei der Umstand, dass es sich um "Widerstand gegen Fremde" handelte. Im Fall der Unabhängigkeitskriege gegen Kolonialmächte oder im Fall von Titos Partisanenkrieg gegen die Wehrmacht in Jugoslawien ist diese These Polks sofort eingängig. Etwas anders stellt sich die Situation im Vietnam-Krieg oder in Afghanistan dar. In beiden Fällen griffen die USA allein oder mit ihren Verbündeten in einen Bürgerkrieg ein. In Vietnam zugunsten des Regimes in Saigon gegen das kommunistische Hanoi, in Afghanistan zugunsten der Nordallianz gegen die Taliban. In Vietnam gelang es Ho Chi Minh jedoch, den Bürgerkrieg als einen nationalen Befreiungskrieg gegen die fremde Macht zu stilisieren. Auch in Afghanistan verfolgen die Taliban eine ganz ähnliche Strategie.

Alter Zopf

So ähnlich sich die Strategien und Taktiken von Aufstandsbewegungen in der Geschichte darstellen, so gleichen sich auch die entwickelten und bis heute angewandten Strategien der Aufstandsbekämpfung. So ist etwa die von Politikern und Militärs ausgegebene Parole, man müsse die "Herzen der Afghanen gewinnen", ein alter Zopf. Ursprünglich war das Konzept von den Briten im Malaysia-Krieg entwickelt und später auch von den Amerikanern in Vietnam phasenweise beherzigt worden.

Wenig Hoffnung macht William R. Polk all jenen, die glauben, mit Hilfe militärischer Interventionen, die viel zitierten "gescheiterten Staaten" stabilisieren oder gar demokratisieren zu können. Die Erfahrungen in Somalia, Afghanistan oder im Irak hätten das Gegenteil gezeigt: "Wenn ausländische Truppen in ein Land einmarschieren und seine Gesellschaftsordnung zerstören - so viele Mängel diese auch aufweisen mag -, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass am Ende nicht Reformen stehen, sondern Chaos." Diese Warnung Polks sollte die US-Regierung mit Hinsicht auf ihr weiteres Vorgehensweise gegenüber dem Jemen, der jüngst ins Blickfeld der Terrorbekämpfung gerückt ist, beherzigen und damit einen Fehler der Kennedy-Regierung vermeiden. Diese hatte seiner negativen Vietnam-Prognose keinen Glauben geschenkt.

William R. Polk:

Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschft: vom amerikanischen Unabhängig-keitskrieg bis zum Irak.

Hamburger Edition, Hamburg 2009; 340 S., 32 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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