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ORTSTERMIN BEI: FÜHRUNG ZUR PARLAMENTSGESCHICHTE
Götz Hausding
»Wehner hatte Brotvorräte unter dem Holzpult«

Wussten Sie, dass Kaiser Wilhelm II. den Reichstag einst despektierlich als "Quatschbude" bezeichnet hat? Und das 1933 nicht das gesamte Reichstagsgebäude in Flammen stand? Oder das die inzwischen als Wahrzeichen der Berliner Republik geltende Reichstagskuppel von Stararchitekt Sir Norman Foster so gar nicht eingeplant war?

Über das und vieles mehr informiert Andreas Witt. Der studierte Historiker führt Besuchergruppen durch das Reichstagsgebäude. Seit dem 20. März bietet der Besucherdienst des Bundestages Hausführungen an mit dem Schwerpunkt "Parlamentsgeschichte - die Geschichte des Reichtagsgebäudes und der Parlamentarischen Demokratie". Viermal täglich wird der 90-minütige Rundgang angeboten.

Das neue Führungsformat wurde auch deshalb entwickelt, weil am 17. März die Dauerausstellung "Deutsche Parlamente im Spiegel ihrer Geschichte" im Übergang vom Reichstagsgebäude zum Jakob-Kaiser-Haus eröffnet hat. Hier wird mit kurzen Texten, Bildern und insbesondere historischen Objekten auf die Orte aufmerksam gemacht, an denen seit 1848 deutsche Parlamente zusammengetreten sind. Die Frankfurter Paulskirche etwa, oder das Bonner Wasserwerk. Gestartet wird die Führung mit der parlaments- und verfassungsgeschichtlichen Ausstellung im Paul-Löbe-Haus. An mehr als 30 Glastafeln schreiten die Besucher im Tunnel zum Reichstagsgebäude die Umbrüche der deutschen Geschichte und die wichtigsten Stationen des Verfassungsprozesses ab. Andreas Witt setzt dabei seine Besuchergruppe historisch ins richtige Bild, erläutert die Fotografien, erzählt Anekdoten. So erfährt der Besucher, dass es eigentlich Frankreich war, das durch seine Reparationszahlungen nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871 den Bau des Reichstagsgebäudes durch den Architekten Paul Wallot finanziert hat.

Weiter geht der Rundgang durch die Räume des Gebäudes vorbei an Wänden, die sowjetische Soldaten am Ende des Zweiten Weltkrieges mit Graffitis versahen, über die Abgeordnetenlobby mit Katharina Sieverdings "Gedenkstätte für die verfolgten Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik", hin zur erwähnten neuen Dauerausstellung.

Zu den dort gezeigten Objekten gehört auch ein Teil der Original-Bestuhlung des alten Bonner Bundestages in der Pädagogischen Akademie. Lederbezogene Klappsitze mit einem schlichten Holzpult davor. "Unter dem klappbaren Holzpult hatte einst SPD-Fraktionschef Herbert Wehner seine Brotvorräte gelagert, die er als Diabetiker angesichts der langen Sitzungen brauchte", erzählt Andreas Witt. Auch Bilder vom brennenden Reichstag finden sich in diesem Teil der Ausstellung. Der Reichstagsbrand 1933 habe sich auf den Plenarsaal beschränkt, erzählt Witt. "Die entstandene Hitze hat dann das Kuppelglas gesprengt." Dass auf den Fotos vom Reichstagsbrand die Flammen nahezu aus den Fenstern zu schlagen scheinen, sei der Nachretuschierung der Nazis geschuldet, um das Ereignis "sensationsmäßiger" darstellen zu können.

Dann erzählt er vom Kreißsaal der Berliner Uniklinik Charité, der während des 2. Weltkrieges in den Kellern des Reichstagsgebäudes untergebracht war. Als er das bei einer Führung im November 2006 auch getan hatte, so erinnert er sich, zog ein älterer Herr aus Dänemark seine Geburtsurkunde aus der Jackentasche auf der stand: geboren am 17. Mai 1943 in Berlin im Reichstagsgebäude. "Der Mann war der lebende Beweis, dass es stimmte was ich erzählt habe", freut sich Witt.

Ihren Abschluss findet die Führung im Plenarsaal. Von hier können die Besucher auch zur Kuppel hinaufschauen. Die se war in dieser Form vom Architekten Foster gar nicht vorgesehen. Erst mit einer Entscheidung der Baukommission des Bundestages, die mit der Mehrheit von einer Stimme zustande kam, wurde Foster schließlich beauftragt, eine Kuppel mit einzuplanen. Eine weitere Anekdote aus dem Bundestag, die Besucher der neu komzipierten Führung weitererzählen können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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