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Alexander Weinlein
Aufbruch zu neuen Welten

FAMILIE Die Koalition sieht Nachholbedarf bei der Förderung von Jungen - die Opposition nur bedingt

Das hatten sich die Koalitionsfraktionen wohl anders gedacht. Eigentlich hatten CDU/CSU und FDP mit ihrem Antrag "Neue Perspektiven für Jungen und Männer" (17/5494) Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) demonstrativ den Rücken stärken wollen für deren Anliegen, das Augenmerk der Politik auf die Probleme von Jungen und Männern zu lenken. Doch die Opposition nutzte die erste Lesung des Antrags am vergangenen Donnerstag für eine Generalabrechnung mit der Familien-, Frauen- und Bildungspolitik der Regierung.

Im Kern geht es Schröder und der Koalition um zwei Punkte: Zum einen sorgen sie sich um Jungen und junge Männer, die gegenüber Mädchen und jungen Frauen in den vergangenen Jahren in den Schulen und Universitäten deutlich ins Hintertreffen geraten sind. Zum anderen wollen Union und FDP Männer verstärkt für Berufe im Bildungs- und Erziehungswesen gewinnen. So unterstützen sie ausdrücklich die von Schröder ins Leben gerufene Initiative "mehr Männer in Kitas". Bis zum Jahr 2015 will die Ministerin die Zielmarke der Europäischen Union von 20 Prozent Männern in Erziehungsberufen erreichen. Mehr Männer in Kindertagesstätten seien wichtig, argumentierte Schröder, "um Kinder von Anfang an zu zeigen, dass Erziehungsaufgaben von Frauen und Männern wahrgenommen werden können". Zudem sei es für Mädchen und Jungen wichtig, männliche Vorbilder zu haben.

Doch bei der Opposition konnte die Familienministerin mit ihren Ansichten nicht punkten. Sie unterstellten ihr, Männer und Frauen, Jungen und Mädchen gegeneinander auszuspielen.

"Wie ist es möglich, dass Ihnen erst jetzt klar geworden ist, dass Gleichstellungspolitik beide Geschlechter im Blick haben muss?", spottete die SPD-Abgeordnete Caren Marks über den Koalitionsantrag. Dann griff sie Ministerin Schröder frontal an: In den Medien spiele diese sich "gern als Retterin der Jungs und der Männer auf". Doch in Wirklichkeit seien noch nie so "tiefe Gräben zwischen der Jungen- und der Mädchenförderung gezogen" worden wie unter Schröder.

Kritik an Kürzungen

"Nicht Jungen per se sind benachteiligt," argumentierte die familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, "es sind die Jungen vor allem aus benachteiligten und bildungsfernen Familen, die vor allem durch schwarz-gelbe Politik konsequent weiter abgehängt werden." Dies zeige ein Blick in die von Union und FDP regierten Bundesländer, fügte die SPD-Parlamentarierin hinzu: "Sie halten stur am dreigliedrigen Schulsystem fest, wo Abschulen - ein schreckliches Wort - und Sitzenbleiben zur Tagesordnung gehören. Sie bekämpfen konsequent längeres gemeinsames Lernen. Das alles sind Fakten, die manchem Jungen mehr Probleme machen als manchem Mädchen", schimpfte Marks. Gleichzeitig kürze die Bundesregierung "radikal" an erfolgreichen Programmen zur Jugendförderung und sperre sich gegen den konsequenten Ausbau von Krippenplätzen.

Die SPD unterstütze zwar das Anliegen der Familienministerin, wenn diese mehr Männer für die Berufe des Grundschullehrers und des Erziehers gewinnen möchte, betonte Marks. "Doch, Frau Schröder, ich möchte sie beruhigen: Studien belegen, dass Jungen keine Nachteile und schlechtere Beurteilungen erfahren, wenn sie in erster Linie von Frauen betreut und unterrichtet werden."

Nicht viel gnädiger klang die Kritik aus den Reihen der Linksfraktion. Deren Abgeordnete Diana Golze monierte, die Regierung habe es nicht geschafft, die Forderung im Koalitionsantrag umzusetzen, für Väter "eine neue Balance im Dreieck zwischen Beruf, Familie, und Partnerschaft zu schaffen". Im Gegenteil: Die Regierung ziehe die angekündigte Ausweitung der Vätermonate beim Elterngeld zurück, belasse es bei einem "verfassungswidrigen Regelsatz für Kinder" und verabschiede eine Bildungspaket, das sich gerade als "bürokratisches Monstrum" erweise und "keine gerechten Bildungschancen für alle Jungen und Mädchen" schaffe.

Kritisch, aber differenzierter fiel das Urteil des Grünen-Parlamentariers Kai Gehring aus. Der Koalitionsantrag enthalte durchaus unterstützenswerte Forderungen für das Bildungssystem. "Manche Jungs", so bestätigte er, "stehen tatsächlich auf der Standspur. Viele Mädchen scheinen auf der Überholspur zu sein. Im Durchschnitt schneiden sie in der Schule besser ab, nehmen häufiger ein Studium auf, machen bessere Abschlüsse". Allerdings entscheide die soziale Herkunft viel stärker über den Bildungserfolg als das Geschlecht. Doch an diesem Punkt versage die Koalition. Auch Gehring ging Schröder verbal hart an: Sie spiele die Förderung der Jungen gegen die der Mädchen aus und bediene "abgestandene Klischees" gegen einen "vermeintlich alten Feminismus".

Ende des Geschlechterkampfes

Die Abgeordneten Michaela Noll (CDU) und Miriam Gruß (FDP) nahmen Schröder gegen die geballte Kritik der Opposition in Schutz. Es sei Caren Marks gewesen, die Männer und Frauen in ihrer Rede gegeneinander ausgespielt habe, drehte Gruß den Vorwurf um. Die Koalition habe sich endlich einem drängenden Problem angenommen und sorge dafür, dass "die Phase des Kampfes der Geschlechter überwunden" wird.

Noll stellte fest, dass sich der Bundestag bislang in dieser Legislaturperiode noch nie mit dem Thema befasst habe. Die CDU-Parlamentarierin fügte hinzu: "Wir alle hören die Eltern, wir alle hören die Lehrer, und viele sagen: Wir müssen uns um die Jungs kümmern."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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