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VOR 50 JAHREN ...
Benjamin Stahl
Versöhnung vor dem Altar

8. Juli 1962: Adenauer in Reims

Es ist nur ein Katzensprung von Reims nach Mourmelon-le-Grand, gerade einmal eine gute halbe Autostunde. Dort, in der Champagne, lieferten sich im Ersten Weltkrieg deutsche und französische Truppen blutige Gefechte. Und auch Reims hat sein Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Erbfeinde: 1945 unterzeichnete dort die Wehrmacht ihre Kapitulation, bereits 1914 wurden weite Teile der Stadt von deutschen Bombern zerstört, darunter auch die Kathedrale. Doch die Kirche steht auch für die Aussöhnung der beiden Nationen: Am 8. Juli 1962 nahmen dort Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Präsident Charles de Gaulle an einem Versöhnungsgottesdienst teil.

Schon am 2. Juli war Adenauer nach Frankreich gereist. Die Reise gilt heute als Durchbruch in der deutsch-französischen Aussöhnung. Bevor der Kanzler nach Reims kam, legte er am Grabmal des unbekannten Soldaten in Paris einen Kranz nieder, besuchte Rouen und Bordeaux, wo er, wie ein Journalist damals schrieb, "die Fachleute charmierte, weil er ein profunder Weinkenner" gewesen sei. Doch bei der einwöchigen Kanzler-Reise ging es nicht um Wein, sondern um die Vision zweier Staatsmänner: ein starkes Europa, fundiert auf deutsch-französischer Freundschaft. Letztere wurde in der Kathedrale von Reims, zumindest symbolisch, besiegelt. Adenauer und de Gaulle während des Pontifikalamts nebeneinander vor dem Altar stehend, nachdem sie in Mourmelon eine deutsch-französische Militärparade abgenommen hatten - ein Bild mit Signalwirkung, dem ein halbes Jahr später die Unterzeichnung des Elysée-Vertrags folgte.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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