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Jan Rübel
Die Couragierten

WIDERSTAND Bundesjustizministerium zeigt sich beeindruckt von den Beiträgen eines Schülerwettbewerbs

DDie meisten großen Taten, sagte einst Albert Camus, haben einen belächelnswerten Anfang. Bei den Schülern der Klasse 10d des Gymnasium Starnberg ist es ein etwas irre wirkender Spurt über den Münchener Marienplatz. Gerade noch waren sie unbeteiligte Passanten, laut- und namenlos. Da schreien drei Dutzend Schüler auf einen Schlag los, sie lösen sich aus ihren Alltagsposen und rennen zu einem zwei Meter großen Friedenszeichen in Regenbogenfarben. Ein Megafon ertönt. "Wir rufen auf zu mehr Zivilcourage an bayerischen Schulen!", ruft Hannah von Czettritz, 16. Willkommen zum "Flashmob gegen Rechtsextremismus". Passanten bleiben stehen, diskutieren mit den Schülern, applaudieren. Als die 40 Pennäler ihren Flashmob, diesen kurzen und nur scheinbar spontanen Menschenauflauf wiederholen, rennen Rentner mit, und auch Touristen. "Wir wollten raus an die Öffentlichkeit", erinnert sich Hannah von Czettritz an die Aktion drei Monate später. "Wir wollten die Leute direkt ansprechen, einfach etwas unternehmen."

Starker Zusammenhalt

Der Klasse 10d gelang der Übergang von Theorie zur Praxis. Am Anfang war es ein Plakat gewesen, welches sie im Schulflur sahen. Das Bundesjustizministerium rief dort auf zu einem Schülerwettbewerb gegen Rechtsextremismus. Gefragt waren Initiativen, Aktionen und Denkanstöße. "Wir haben einen starken Zusammenhalt in der Klasse", sagt Hannah von Czettritz, "wir legten sofort los." Bei Facebook richteten die Schüler eine Seite ein mit dem Aufruf zum Flashmob - und erhielten für ihre Aktion von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) Ende Mai den zweiten Preis des Wettbewerbs in der Kategorie "Gruppenarbeit". "Wir wollen mit der Klasse auf jeden Fall weitere Aktionen machen", ist sich Hannah von Czettritz sicher.

Den Impuls für den Schülerwettbewerb gab die Aufdeckung der Zwickauer Terrorzelle im vergangenen Herbst. Die Jury, in der neben der Ressortchefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) Vertreter des Bundesjustizministeriums saßen, wollte ein Zeichen für Zivilcourage setzen. Gefragt waren Ideen, die sich klar, kreativ und originell mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, wie Rechtsextremismus begegnet werden kann. Die Resonanz war überwältigend. Fast 4.000 Schüler aus nahezu allen Bundesländern reichten über 310 sehr unterschiedliche Beiträge ein. Die Preise: Die ersten beiden Guppenplatzierten bekamen eine Klassenfahrt nach Brüssel und nach Berlin oder München, die Drittplatzierten 500 Euro. Die ersten Preise bei den Einzeleinreichungen waren ein Notebook, ein Tablet-PC und ein MP3-Player.

Positive Impulse

Beim Wettbewerb geht es nicht um Patentrezepte gegen Rechtsextreme. Positive Impulse sollen gesetzt werden, das Gespür soll dafür gefördert werden, was "richtig" in der Gesellschaft ist. "Während des Flashmobs diskutierten Kritiker mit uns, die meinten, damit könne man doch keine Nazis überzeugen", sagt Hannah von Czettritz. "Wir wollten aber lediglich Leuten Mut machen, sich gegen Nazis auszusprechen."

Rechtsextremismus trägt stets eine Verengung in sich. Den Willen, die Welt sich zurechtzuschnitzen und vieles nicht wahr haben zu wollen. Ein Zeichen dagegen haben Schüler der Finkenberg-Schule aus Köln-Porz gesetzt. In ihrem während einer Projektwoche produzierten Film erweitern sie dem Zuschauer den Blick auf das, was Heimat ist, und was Rassismus - aus ihrer Perspektive als Einwandererkinder. "Mein Gefühl sagt mir, was ich bin, nicht die Papiere", sagt einer der 14- bis 17-Jährigen im Film. In schwarz-weißen Kontrasten gedreht, die Gesichter teils im Schatten, erzählen die Förderschüler von ihrer Heimat Deutschland: "Hier bin ich geboren und aufgewachsen, und hier habe ich meine ganzen Freunde." Und sie umreißen den deutschen Rassismus: "Wenn die Leute einen angucken und sagen: ‚Schau mal den an'. Ich kann das nicht erklären. Ich will das, aber das kommt nicht raus." Die Deutschen müssten sich halt daran gewöhnen, sagt ein anderer im Film ganz verständnisvoll, "dass wir hier sind".

Zeichen setzen auf Youtube

Für ihren Film erhielten die Jungs den ersten Preis in der Gruppenkategorie. Stolz verfolgen sie heute, wie der Streifen auf dem Online-Videoportal "Youtube" immer öfter angeklickt wird; derzeit sind es 914 Klicks. "Wir wollten auch mal etwas sagen", sagt Osman. Und Maher ergänzt: "Wir werden mit dem Filmemachen nicht aufhören. Unser nächster Film wird von Schwarzen handeln. Die werden ja auch nicht gut behandelt, weil die noch mehr auffallen."

Den ersten Preis teilen sie sich mit der Klasse 8c der Heimschule Lender aus Sasbach (Baden-Württemberg). Die Schüler merkten, dass es mit einer Idee allein für sie nicht getan sei, also setzten sie sich gleich an mehrere Werke; sie gründeten "Lender Rainbow Minds". "Der Regenbogen ist überall gleich", begründen sie in ihrem Projektbuch die Namensgebung. Als erstes erarbeiteten sie einen Rap, übten ihn ein samt Choerographie. "Stopp - Rechtsextremismus ist ein Flop!", hieß der Titel, und Gelegenheit zum Auftritt erhielten sie rasch. Ende März ging eine Projektwoche der Schule mit dem israelischen Partnergymnasium "Leyada" zu Ende. Gleichzeitig berichteten die Lokalzeitungen von einem bevorstehenden Nazi-Aufmarsch. "Dieser krasse Gegensatz, einerseits die wunderschöne deutsch-israelische Freundschaft unserer Schulpartnerschaft, und andererseits ein rechtsextremer Aufmarsch hier in der Gegend, ganz nah und jetzt", schreiben die Schüler in ihrem Projektbuch. "Wir beginnen mit der Planung unserer ersten Aktion."

Rap gegen Rechts

Die Schüler lassen Buttons drucken mit dem Logo ihres Rap-Songs, nehmen Kontakt zu Organisatoren einer Gegendemonstration auf. Sie schmücken die Veranstaltung mit ihrer Musik und selbst hergestellten Plakaten; der Aufmarsch der Nazis gerät tatsächlich zum Flop. Die "Lender Rainbow Minds" ziehen weitere Kreise: Sie stellen ihre Initiative bei anderen Schulen vor, interviewen Lehrer, Schülersprecher und Sozialarbeiter. "Die Gespräche unterstrichen unsere Vermutung, dass es sehr wenige Schülergruppen gibt, die sich nachhaltig gegen Rechtsextremismus engagieren." Und kündigen an: "Wir wollen diese Situation verändern."

Die Idee, dem Rechtsextremismus vielseitig zu begegnen, hatte auch die Klasse 9 f3 der Goethe-Schule in Einbeck (Niedersachsen). Die Schüler entwarfen eine Website und zeigten, dass die Auseinandersetzung mit Rassismus und Demokratiefeindschaft besonders bei Jugendlichen auch eine virtuelle Ebene hat. Auf www.anti-rechts.jimbo.com finden Leser als erstes - einen Song. Zur Gitarre gesellt sich eine Stimme, dann werden es zwei und drei.

Gleichaltrige können sehr gut nachvollziehen, wie sich Rechtsextremismus anfühlt: In einem Kurzfilm, auf dem Schulhof abgedreht, zeigen die Jugendlichen der Klasse 9 f3, wie Ausgrenzung funktioniert; in zwei Episoden steht einmal eine "Ausländerin" einer sie mobbenden Gruppe gegenüber, ein anderes Mal ist es eine Faschistin aus jener Gruppe, die sich mehreren Einwandererkindern zu stellen hat. Auch selbst erstellte Karikaturen findet man auf der Website, samt einem "Anti-Rechts-Navi", das empfiehlt: "Lieber einmal mehr überlegen als nach rechts abzubiegen." Die Umfrage auf der Seite zeigt die Konkretheit, mit der Jugendliche Rechtsextremismus begegnen. Auf die Frage nach Erfahrungen schreibt ein User: "Nee, ich hab es immer nur im TV mitbekommen." Aber ein anderer setzt darunter: "Ja, mein bester Freund ist einer."

Der Blog auf der Website drückt aus, worum es vielen geht, die sich gegen Neonazis engagieren wollen. Auf die Frage nach Ideen gegen Rechtsextremismus schreibt ein User: "Nein, also keine Ahnung. Aber eure Idee mit der Seite hier finde ich echt cool." Nicht blinder Aktionismus ist damit gemeint, sondern der Wille, loszulegen, Zivilcourage zu zeigen. Die Juroren entschieden, den zweiten Preis bei den Gruppeneinreichungen zweimal zu vergeben und zeichnete auch die Einbecker mit ihrer Website aus.

Einigen Wettbewerbsteilnehmern geht es auch um Bildung. Ozan Aykac vom Münchener Asam-Gymnasium hat ein Unterrichtskonzept erarbeitet. "Leider ist es mittlerweile so, dass zwar viele sagen, dass sie gegen die Ideologie sind, aber oftmals überhaupt nicht wissen, was die Rechten erreichen wollen", schreibt der 15-Jährige in seinem Essay zum Unterrichtskonzept. "Und der Unterricht in der neunten Klasse verharmlost leider die Situation."

In seinem Konzept, für dass Ozan Aykac in der Kategorie "Einzelarbeit" den ersten Preis erhalten hat, informiert er seine Mitschüler über Pogrome gegen Asylbewerber in den 1990er Jahren, die ideologische Ausrichtung der NPD, die Sogwirkung rechtsextremer Musik und über Aussteiger. Jeweils eine Doppelstunde lang hat er bereits in zwei Klassen unterrichtet. "Wenn wir in Schulen sachliche Aufklärung betreiben, dann glaube ich kaum, dass irgendein Schüler noch mit den Rechten sympathisieren wird."

Plakate entworfen

Als Noah Bani-Harouni im Internet einen Banner mit dem Wettbewerbsaufruf las, dachte er zuerst an die NPD. "Aber es gibt auch anderes", sagt er. "Die grundlegenden Strukturen interessierten mich, die, die zu Rechtsextremismus führen." Also entwarf er Plakate. "Es sollten Hingucker sein." Der 16-Jährige interessiert sich nicht besonders für Design, er möchte später Wirtschaftswissenschaften studieren. Aber mit seinen vier verschiedenen Plakaten, die er in seiner Heimat Hamburg aufhängte, erzielte er "Hinsehen": "same rights for homosexuals", stand da, oder: "start tolerance for handicapped persons". Die Poster zierten Bushaltestellen und öffentliche Plätze. Noah Bani-Harouni sagt, dieser Schritt an die Öffentlichkeit habe ihm gefallen. "Ich kann das weiterempfehlen. Engagement tut gut."

Der Autor ist freier Journalist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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