Inhalt

Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

"Sie haben dem Heiligen Nagel den Rücken zugekehrt und sich teuflisch aufgeführt und getanzt (...) Sie haben in einem geweihten Bereich der Kirche auf vulgäre Art die Beine gehoben (...)" Die Verteidigung zitierte diese Sätze aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, um die Ankläger lächerlich zu machen: War so wenig nötig, um die "jahrhundertealten Fundamente des orthodoxen Glaubens" zu zerstören? Es geht um den Gerichtsprozess gegen die russische Punkgruppe Pussy Riot, die mit ihrem sogenannten "Punkgebet" in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale im Februar 2012 für weltweites Aufsehen sorgte. Daraufhin sah sich die Staatsführung zum Handeln gezwungen, obwohl sie das Treiben der feministischen Aktionskünstlerinnen monatelang geduldet hatte. Doch das informelle Bündnis zwischen Staat und Orthodoxer Kirche verlangte, die Gruppe auf das Härteste zu bestrafen. Ihr "Rowdytum aus religiösem Hass" habe die Gefühle vieler russischer Christen verletzt. Dabei ging es Pussy Riot bei ihrer Performance nicht um eine religiöse Botschaft, sondern um politische Ziele: Sie beteten zur Jungfrau Maria, Russland von Putins Herrschaft zu erlösen.

Für das deutsche Publikum veröffentlichte die "Edition Nautilus" jetzt die Liedtexte von Pussy Riot, die Briefe von Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljöchina und Jekaterina Samuzewitsch aus dem Untersuchungsgefängnis, ihre Eingangs- und Schlusserklärungen aus dem Prozess sowie die Plädoyers ihrer Anwälte. Darin betonen die zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilten Künstlerinnen ihre Motive: Freiheit kann in Russland nur als Folge einer Revolution erreicht werden. Ihr Auftritt in der Kathedrale habe allein dem Ziel gedient, auf die Unterwerfung von Patriarch Kirill unter Präsident Putin hinzuweisen und das autoritäre System in Russland zu kritisieren.

Mit Blick auf die russische Geschichte ist schon heute sicher: Pussy Riot wird eines Tages im gleichen Atemzug mit Dissidenten wie Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn genannt werden.

Pussy Riot! Ein Punkgebet für Freiheit.

Edition Nautilus, Hamburg 2012; 142 S., 9,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag