Inhalt

Jan Rübel
Die Pragmatikerin: Susanne Kastner

Bevor Susanne Kastner etwas über die Bundeswehr sagt, nimmt sie erst einmal einen tiefen Schluck Bionade. Das Getränk wird in ihrem Wahlkreis produziert, und das vergisst sie nicht vorauszuschicken. Ach ja, der neue Wehrbericht: "Die Sprache hat mich etwas überrascht." Ja, die Bundeswehr sei immer noch familienunfreundlich, aber dass zum Beispiel die Soldaten zu wenig Schlaf kriegen würden, "das teile ich so nicht uneingeschränkt". Susanne Kastner, 66, SPD-Abgeordnete aus dem Wahlkreis Bad Kissingen legt ihre Arme über den braunen Hosenanzug ineinander. Sie denkt nach, bevor sie spricht. Dann beugt sie sich nach vorn. So sei es halt. "Die Bundeswehrreform wurde verkehrt herum aufgezäumt. Man hätte erst einmal definieren sollen: Was muss die Bundeswehr können?"

Seit 2009 steht sie dem Verteidigungsausschuss des Bundestags vor: "Ich wurde anfangs als notwendiges Übel angesehen" - eine Frau, dazu gelernte Erzieherin und Religionslehrerin, unter grimmigen Grauröcken? Sie schmunzelt. "Ach, beides ist nicht weit voneinander entfernt. Hat ja alles mit jungen Leuten zu tun." Damals, vor vier Jahren, musste eine neue Aufgabe her für die verdiente Streiterin des konservativen Seeheimer-Kreis-Flügels in der SPD, die einmal als Parlamentarische Geschäftsführerin die Fraktion mit zusammenhielt und von 2002 bis 2009 als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages wirkte - bis sie dann eine Kampfabstimmung gegen Wolfgang Thierse verlor.

Eine Novizin in Sachen Streitkräfte war sie indes nicht. Gleich 1989 mit dem Einzug in den Bundestag ging die Unterfränkin als Mitglied in den Verteidigungsausschuss, in ihrem Wahlkreis hatte sie vier Standorte der Bundeswehr, "für die wollte ich etwas tun". Den Respekt ihrer Kollegen erarbeitete sich die Vorsitzende, auch wenn der Verteidigungsausschuss zu jenen Stationen gehören dürfte, an die sie sich weniger gern erinnern wird. "Gleich zu Beginn meines Vorsitzes 2009 gab es den Untersuchungsausschuss. Das ging körperlich und menschlich ziemlich an die Substanz." Kastner wirkt kräftig und zierlich zugleich, sie kann austeilen. Sie stand Wolfgang Clement im parteiinternen Streit bei und giftete gegen Andrea Ypsilantis Kurs in Hessen. Aber eigentlich, sagt sie, bevorzuge sie die "sanfte Keule". Wie damals, als sie mit Parlamentariern Djibuti und Südsudan besuchte, auf dem Programm vor Ort aber den Titel vorfand: "Reise des Wehrbeauftragten und der Obleute" - ein Affront gegen die Ausschussvorsitzende. "Dann fragte ich: ‚Wann geht mein Flug zurück?'" Und die Herren in den Tarnfarben wurden rot. Einen Verdrängungsmechanismus vermutet sie hier. Bundeswehr, das sei ein Männerverein, "das muss man wissen". Die Butter vom Brot jedenfalls lässt sie sich schon lange nicht mehr nehmen.

Als die Tochter einer höheren Beamtenfamilie Abitur machen wollte, meinte ihr Vater, ein CSU-Mitglied, die Töchter würden eh heiraten, da brauche man lieber eine ordentliche Ausbildung. Kastner wurde Erzieherin, heiratete mit 21 und bekam drei Kinder. Und beschritt den zweiten Bildungsweg. Mit 29 begann sie ihr Studium an der Religionspädagogischen Hochschule in Nürnberg.

Etwas beruhigt an Susanne Kastner, wenn sie einem gegenüber sitzt. Diese entspannte Körperhaltung, das Wiegen des Kopfes beim Rollen ihres fränkischen "Rrrr" - sie scheint mit sich im Reinen zu sein. Dieses Jahr noch, dann ist Schluss. "Ich will nicht mit den Beinen zuerst rausgetragen werden aus dem Bundestag", hat sie einmal gesagt. Was kommen mag? "Ich warte auf kreative Ideen", sagt sie. Und sie freut sich drauf. .

Kastner ist vollkommene Pragmatikerin. Auf die Frage nach ihrem politischen Vermächtnis fallen ihr ein Autobahntunnel und eine Ortsumgehung ein. Ideale, gar Ideologie? "Politik verstehe ich als Dienstleistung. Wir sind von Menschen für Menschen gewählt worden." Dahinter erscheint eine Hartnäckigkeit. Ein liebevoller Starrsinn, mit dem Kastner in der Welt der Streitkräfte ihre Frau gestanden haben wird.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag