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Jan Rübel
Die Gelassene: Ute Vogt

Wer Schmerz durchlitt, schützt sich vor ihm besser - diese Lektion hat Ute Vogt gelernt. Sie lehnt sich zufrieden zurück. Es war ein guter Tag. "Wir haben uns unsere gegenseitigen Schmerzgrenzen offenbart", sagt sie über die Berichterstatterinnen-Gruppe, welche das Endlagersuchgesetz nun auf den parlamentarischen Weg bringt. "Wir haben uns die Showkämpfe der Männer erspart und damit etwas Praktisches bewegt." Die baden-württembergische SPD-Abgeordnete Ute Vogt (48) sprach früher anders. "Als Politikerin muss man manchmal schmerzfrei sein", sagte sie einmal. Das war, bevor ihre Karriere einen Knick bekam.

In diesen Tagen macht Politik Spaß. Zunächst der Durchbruch der Frauen beim Endlagersuchgesetz, nun kommt sie gerade aus dem Plenum, eine Fluthilfe wird auf den Weg gebracht. "Das erwarten die Bürger, eine schnelle Lösung muss im Vordergrund stehen." Und sagt mit Blick auf die Hochwasserkatastrophe von 2002 und die Reaktion der rot-grünen Koalition: "Da haben die Leute schon in der ersten Woche eine Abschlagzahlung erhalten." Sie lächelt fein und schaut leicht grimmig zugleich. Man müsse sich den Herausforderungen durch die Fluten nachhaltig entgegenstellen, sagt sie: "Wo bauen wir unsere Häuser? Wo können Flüsse renaturiert werden?" Die Badenerin plädiert für eine Art Pflichtversicherung gegen Hochwasserschäden. "Das ist ein richtiger Ansatz für diejenigen, die in Risikogebieten leben."

Eigentlich ist Ute Vogt noch Novizin in Sachen Umweltpolitik, erst seit 2009 kümmert sie sich darum. Aber wie sie in ihrer schwarzen Jeans, dem schwarzen Hemd und ockerfarbenen Blazer sich in Rage redet, klingt sie wie ein alter Hase. Vielleicht deshalb, weil sie so viel erlebt hat. Auch Schmerzen.

Die Verwaltungsjuristin zog schon 1994 in den Bundestag ein und avancierte unter den Fittichen Gerhard Schröders, der sie zur "Führungsreserve erster Klasse" erklärte, zu vielerlei. Vorsitzende des Innenausschusses, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, Spitzenkandidatin in Baden-Württemberg: 2001 holte sie mit 33,3 Prozent der Stimmen ein Rekordergebnis für die SPD. "Damals wurde ich hochgejubelt, das war ein Medienhype." Doch der Regierungswechsel misslang. Ute Vogt hing in Berlin, die Parteisoldaten im Ländle weit weg. Bei der folgenden Landtagswahl brach die SPD wieder ein, und Finger wiesen auf die Spitzenkandidatin. "Das war eine beklemmende Erfahrung für mich. 2001 war ich unterhaltsamer und spontaner. Aber 2006 kompetenter und fähiger. Nur zählt am Ende wohl die Story." Und das Drehbuch sah vor, dass sie nun nicht mehr die Neue war, sondern diejenige, der so viele Ämter zugeflogen waren. Warum nur?, fragten etliche Männer, die sich das bei anderen Männern nicht zu fragen pflegen. Die Medien kosteten die Missgunst aus. "Der tiefe Fall der Ute Vogt" titelte die "Süddeutsche Zeitung" 2009, und ein Jahr später: "Die große Verliererin". Es überraschte nicht, dass die Zeitung damals ihre "praktische Frisur" erwähnte; als schriebe ein Journalist jemals so über einen Mann.

Doch da stand Ute Vogt schon kurz vorm Ausstieg, hatte bereits Kontakte zu einer Kanzlei geknüpft. Der Landesvorsitz, der Landtagsfraktionsvorsitz - alles scheibchenweise bis 2009 wegfiletiert. Die Niederlagen trafen sie auf großer Bühne und ohne Sicherheitsnetz aus persönlichen politischen Beziehungen. Das hatte die Wieslocherin nicht geknüpft. Dann fragte man sie nach einer Kandidatur für den Bundestag, ein Wahlkreis war plötzlich frei. "In der Schule war mir Ehrgeiz immer suspekt", sagt sie, aber auch: "Klar, Macht juckt einen immer, das ist ein positives Erlebnis." Zur Umweltpolitik stieß sie, "weil es da was zu kämpfen gab". Ute Vogt erinnerte sich an ihre Jugendjahre, als sie Anti-Atomsticker trug.

Inzwischen ist der Atomausstieg auf dem Weg. Und vieles weitere ist realisiert, ob Asse-Gesetz, Gorleben-Ausschuss oder Endlagergesetz. "Diese Legislatur war sehr produktiv", sagt Vogt, als säße sie in der Regierung. "Und ich kann jetzt freier reden, das tut gut." Die Basis hat sie erneut für den Wahlkreis Stuttgart I für die Bundestagswahl aufgestellt, sie hat einen sicheren Landeslistenplatz. Mit Ute Vogt ist wieder zu rechnen, gerade weil sie so gelassen ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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