Inhalt

Alexander Heinrich
Sie tun da schon ihr Bestes

SIEGFRIED RESSEL Der Dokumentarfilmer hat fünf Abgeordnete ein Jahr lang begleitet - und einige Überraschungen erlebt

Sie haben für Ihre Dokumentation fünf Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen ein Jahr im Arbeitsalltag begleitet. Was treibt diese fünf an, gibt es da einen gemeinsamen Nenner?

Auffällig war zunächst einmal, dass sie auf ganz unterschiedlichen Wegen in die Politik gegangen sind. Einer hat die klassische Politikerkarriere gemacht, ist schon in früher Jugend in die Partei eingetreten und hat sich Schritt für Schritt nach oben gearbeitet. Andere sind mehr oder weniger Quereinsteiger, die aus einem gesellschaftlichen Engagement heraus in die Berufspolitik gekommen sind - mit ganz unterschiedlicher Motivation.

Was hat Sie bei Ihrer Langzeitbeobachtung im Parlamentsviertel am meisten überrascht?

Dass das Parlament vielfältiger und bunter ist, als man häufig annimmt. Gar nicht so typisch, wie man sich das schon vom äußeren Erscheinungsbild her bei Abgeordneten denkt: Schlipsträger und Kostümträgerin. Das ist nicht so. Gerade bei den fünf Porträtierten zeigt sich das auch. Es gibt den eher Unscheinbaren, wie das ein Abgeordneter auch selbst von sich sagt; es gibt aber auch Exoten und Quereinsteiger mit einem Lebenslauf abseits einer klassischen Parteikarriere. Diese Bandbreite unter den Parlamentariern hätte ich nicht vermutet, ich dachte, das wäre viel einförmiger und eindimensionaler. Bemerkenswert waren für mich aber auch die Kleinteiligkeit und Detailtiefe, mit sie sich in ihr Fachgebiet einarbeiten, der Arbeitsaufwand, die Termindichte.

Ihre Dokumentation nimmt sich das, was die Porträtierten offenbar kaum haben: viel Zeit. Hatten Sie den Eindruck, dass weniger Zeitdruck hilfreich wäre bei wichtigen politischen Entscheidungen?

Das scheint mir so. Die Abgeordneten sprechen im Film ja auch von "Hochtourigkeit" oder vom "Hamsterrad". Die Zeit, einmal in Ruhe etwas zu durchdenken und zu entwickeln, ist knapp. Durch tagesaktuelle Aufgaben fällt da eine Menge an Kreativität, an intellektueller Gestaltung hinten runter, scheint mir.

Sie arbeiten mit fast statischen Bildern: Viele Architekturmotive, Beton und Glas als Kulisse, die Abgeordneten bei Besprechungen mit ihren Mitarbeitern, in Arbeitsgruppen, beim Telefonieren. Vermittelt wird eine nüchterne Arbeitsatmosphäre, ein geräuschloser und eingespielter parlamentarischer Betrieb. Wie passen diese Bilder zur Atemlosigkeit des politischen Berlins in den Nachrichten?

Das passt natürlich nicht zusammen. Und es war ja genau der Ansatz unseres Filmprojektes. Wir wollten uns ganz bewusst auch in unserer Bildsprache von aufgeregten medialen Bildern absetzen. Auch um den Protagonisten das Gefühl zu geben, wir machen hier etwas anderes als einen anderthalb-Minuten-Beitrag für die Abendnachrichten.

Der scheidende Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat die Langsamkeit der Demokratie ausdrücklich verteidigt: Sie verlange unendlich viel Geduld, sei aber Voraussetzung dafür, dass Sachverstand und Interessenausgleich eine Chance haben. Wie haben Sie den Arbeitsalltag wahrgenommen: Entscheiden unter extrem hoher Schlagzahl oder eher das sprichwörtliche Bohren dicker Bretter?

Wir hatten häufig den Eindruck, dass sich in der Bundestagswelt vieles um sich selbst dreht - was übrigens in einer Großorganisation oder einem Großunternehmen nicht anders wäre. Zum Beispiel das Durcharbeiten dieser gigantischen Papierstapel in den Büros der Abgeordneten. Man konnte mit dem Blick von außen nicht sofort unterscheiden: Was ist Abarbeiten tagesaktueller Problematik, was sind Anträge, Anfragen, Gesetzentwürfe anderer Fachgebiete und was gehört zur politischen Gestaltung im eigenen Fachgebiet. Natürlich erlebt man auch das sprichwörtliche Bohren dicker Bretter. Einer der Abgeordneten sagt im Film, dass man einen langen Atem haben muss, an Themen auch dann beharrlich dranbleiben sollte, wenn sie bereits wieder aus dem Fokus von Medien und Öffentlichkeit verschwunden sind. Ich glaube, gerade hinter dieser Kleinteiligkeit verbirgt sich ein Gestaltungsspielraum. Irgendwann kommt der Punkt, wo man sagt: Hier ist meine Idee, ich habe lange daran gearbeitet, ich kann eine durchdachte Lösung anbieten. Mit dieser Hartnäckigkeit ergibt sich schon ein gestalterisches Moment.

Was macht den Abgeordneten mehr zu schaffen: Die Erwartungen der Wähler und der Öffentlichkeit oder der Druck innerhalb der Fraktion oder innerhalb der eigenen Partei?

Das war für mich eine sehr überraschende Erfahrung, wie hoch der Druck in den eigenen Reihen sein kann. Man bekommt einen Eindruck davon bei einer der Abgeordneten, die wir bei einem Landesparteitag mit der Kamera begleitet haben. Dort wurde über die Listenplätze für die Bundestagswahl entschieden. Der Druck auf die Bewerber schien mir immens.

Was halten Sie von dem Vorwurf, es gehe in der Politik nicht mehr um die ganz großen Richtungsentscheidungen, es fehle die Unterscheidbarkeit zwischen den Parteien?

Ich bin politisch erwachsen geworden in den 1970er Jahren mit all ihren großen Richtungskämpfen und scharfen Auseinandersetzungen. Daran gemessen kann man im aktuellen Wahlkampf durchaus die Zuspitzung, die scharfe Kontur vermissen.

Ist dies die Kehrseite der sachorientierten und kleinteiligen Arbeit, auf die Sie in Ihrer Dokumentation immer wieder zurückkommen?

Ja, das ist wohl so. Wir hätten im Film gern mehr von der Langwierigkeit und Langatmigkeit gezeigt, die Gremiensitzungen eben auch bedeuten. Das Bedürfnis nach Konsens ist stark ausgeprägt, in den Arbeitskreisen und Arbeitsgruppen der Fraktionen sowieso. Ein sachlicher und auch freundlicher Ton herrscht aber auch über die Fraktionsgrenzen hinweg. Und das geht natürlich zu Lasten der Schärfe und der Kontur.

Sie zeigen Abgeordnete auch als Kümmerer im Wahlkreis. Wie wichtig ist dieser Teil ihrer Arbeit?

Sie haben gar keine Chance, dem zu entgehen. Auch das war neu für mich, dass Parlamentarier teilweise als Sozialarbeiter wahrgenommen werden. Menschen konfrontieren sie im Wahlkreis mit ihrem ganz persönlichen Problem - mit der Bitte, dass der Abgeordnete, der ja kein Streetworker ist, das Kraft seines Amtes aus der Welt schafft. Alle fünf Porträtierten nehmen solche Anliegen sehr ernst und gehen ihnen auch nach, auch wenn es nicht immer eine Lösung gibt. Aber sie tun da schon ihr Bestes.

Wie gehen Abgeordnete mit Desinteresse und Verdruss, mit Politikbeschimpfungen um?

Das trifft sie. Die fünf Abgeordneten in unserem Film legen ein enormes Arbeitspensum hin - immer mit Blick auf die öffentlichen Belange. Wenn sie dann dafür mit Ignoranz und Aggression abgestraft werden, ist das in meinen Augen nicht fair. Da stimmt auch etwas in unserer Gesellschaft nicht, das muss man ganz klar sagen.

Nach einem Jahr Langzeitbeobachtung im Parlament: Könnten Sie sich auch vorstellen, Abgeordneter zu sein?

Der Druck, den man aushalten können und die Hartnäckigkeit, die man haben muss, um dieses Amt wirklich befriedigend ausführen zu können, das wäre nichts für mich. Das war übrigens auch die Ausgangsfrage des Filmprojekts: Würdest Du Dir selber zutrauen, diesen Job zu machen? Mit dieser Neugier, mit dieser offenen Fragestellung sind wir in den Film gegangen. Und ich muss am Ende sagen: Nein, also ich würde mir das nicht zutrauen.

Das Interview führte Alexander Heinrich.

Siegfried Ressel ist Dokumentarfilmer und Autor. Für seine 3sat-Dokumentation "Volksvertreter - abgeordnet in den Bundestag" begleitete er fünf Parlamentarier aller Fraktionen ein Jahr lang in ihrem Arbeitsalltag. Der Film ist in der 3sat-Mediathek abrufbar (www.3sat.de/mediathek).

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2021 Deutscher Bundestag