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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Nächtliche Folter in Berlin

Hand auf's Herz, liebe Leserinnen und Leser! Wann haben Sie sich zum letzten Mal eine Nacht um die Ohren geschlagen und sind am nächsten Morgen trotzdem fit und munter am Arbeitsplatz erschienen? In jungen Jahren fällt das noch vergleichsweise leicht - aber mit fortschreitendem Alter führen solche Eskapaden dann doch vermehrt zu Ausfallerscheinungen.

In Großstädten sind es die Frühaufsteher ja durchaus gewohnt, auf dem Weg zur Arbeit die letzten schlaf- und anderweitig -trunkenen Nachtschwärmer neben sich in der Straßenbahn, dem Bus oder der S-Bahn sitzen zu haben. Am vergangenen Mittwoch wurde jedoch eine besonders auffällige Gruppe dieser Nachtschwärmer in den frühen Morgenstunden vor dem Willy-Brandt-Haus in Berlin beobachtet. Und nur wenige Stunden später traten eben diese Nachtschwärmer vor die Presse und erklärten der Nation, wie Deutschland in den kommenden vier Jahre lang regiert werden soll.

Der erstaunte Bürger fragt sich sich an solchen Tagen dann doch, warum so grundlegende Entscheidungen für die Zukunft des Landes eigentlich immer wieder in Nachtsitzungen herbeigeführt werden. Wäre es nicht sinnvoller, wenn alle Beteiligten ausgeruht ans Werk gingen? In einem demokratischen Rechtsstaat hört man die Antwort auf diese Frage zwar nicht so gerne, aber Schlafentzug ist eine gängige Foltermethode. So soll das klare Denken der Opfer unterbunden, ihr Wille und ihre Widerstandskraft gebrochen werden, um Aussagen zu erpressen. In unserem Beispiel ist allerdings noch nicht klar, wer Opfer und wer Täter ist. Und vor allem, welchen Wert die erpressten Aussagen in den kommenden vier Jahren haben werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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