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Claus Peter Kosfeld
Der Florettfechter: Jan van Aken

Listig kann er sein und wirkt dann in seiner jugendlichen Ausstrahlung wie ein Student, der sich einen coolen Streich ausgedacht hat. Als in der sommerlichen Vorwahlkampfhitze der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Drohnen-Affäre in Berlin zu köcheln begann, präsentierte sich Jan van Aken als gut informierter und scharf formulierender Frontmann der Linken, der die "Gegenseite" mit Exklusivinformationen ins Schwitzen brachte. Der ehemalige Dauerdemonstrant kann ebenso polemisch poltern wie analytisch überzeugen. Im diesjährigen Wahlkampf der Linkspartei tourte der Lange aus dem Norden mit Friedensbotschaften durch das Land und zog sodann als Hamburger Listenkandidat zum zweiten Mal nach 2009 in den Bundestag ein.

Die Linkspartei sieht sich als einziges parlamentarisches Bollwerk gegen eine waffengestützte Interventionspolitik des westlichen Militärbündnisses und lehnt Auslandseinsätze der Bundeswehr auch dann strikt ab, wenn sie als Friedensmissionen oder humanitäre Hilfsaktionen deklariert werden. "Das ist eine Herzensangelegenheit und der Markenkern der Linkspartei", sagt van Aken, der in seiner Fraktion als Außenexperte fungiert. Und würde die Linke von ihrem radikalen Pazifismus abrücken, um eine Koalition mit der SPD zu ermöglichen, die Mitte November auf ihrem Leipziger Parteitag ein Öffnung hin zur Linkspartei beschlossen hat? "Nein", sagt der Vize-Parteichef und fügt an: "Das ist ein No-Go. Dann gibt es eben keine Koalition." Die Linke fordert von der SPD seit Jahren mehr Beweglichkeit, was gemeinsame Machtoptionen angeht. Lange kam von der SPD ein dogmatisches Nein, vor allem wegen der DDR-Geschichte der Vorgängerpartei PDS. Mittlerweile, meint van Aken, hänge es nur noch an den Auslandseinsätzen. Sein Motto: "Nur wer sich selbst bewegt, kann auch etwas bewegen." In dem Fall geht er davon aus, dass sich die Sozialdemokraten bewegen. Sein Argument: "Die SPD will auch mal wieder den Kanzler stellen und das geht nur mit uns." Zudem, gibt van Aken zu bedenken: "An den Auslandseinsätzen hängt die SPD doch nicht." Und er wagt eine kühne Prognose: "In 20 Jahren werden Sie ein Deutschland erleben, das keine Bundeswehrsoldaten mehr im Ausland hat."

Der Linke aus dem Norden weiß, dass manche Dinge Zeit brauchen. 1999 gründete der Greenpeace-Aktivist mit Schlauchbooterfahrung zusammen mit Gleichgesinnten aus den USA und Südamerika das "Sunshine Project" zur Ächtung biologischer Waffen. Ein Jahr später trat der promovierte Biologe als Experte bei den Biowaffenverhandlungen in Genf auf und durfte dem dortigen US-Chefunterhändler John Bolton ins Gewissen reden. Der damalige US-Präsident Bill Clinton verzichtete später auf den Einsatz von Biowaffen zur Zerstörung von Drogenpflanzen wie Koka oder Schlafmohn. Dieser unerwartete Erfolg trug dem Gentechnikfachmann von 2004 bis 2006 einen Job als Biowaffeninspekteur für die Vereinten Nationen in New York ein.

Jan van Aken, 1961 in Reinbek bei Hamburg geboren, hat schon als Schüler gegen Atomkraft und Neonazis demonstriert, versteht sich als Pazifist, kann aber bisweilen auch angriffslustig sein. "Intellektuelles Florettfechten" nennt der verheiratete Vater dreier Kinder diese Art der Auseinandersetzung, in der es darum geht, mit Argumenten politische Treffer zu setzen. Nach einer bewegten Zeit in der Straßen-Opposition trat der 1,96-Hüne erst 2007 in die Linkspartei ein und stieg schon 2009 zum Spitzenkandidaten in Hamburg auf.

Die Öffnung der SPD zur Linken kam für ihn nur überraschend, was den Zeitpunkt angeht. Noch 2010 habe die SPD-Spitze die Devise ausgegeben, die Linke wo immer möglich zu bekämpfen. Mit der Wahl 2013 sei diese Strategie endgültig gescheitert. Ob die linke Kooperation im Bund 2017 funktioniere oder später, bleibe abzuwarten. Jan van Aken lehnt sich auf der Stoffbank in seinem Büro zurück. Draußen Unter den Linden demonstrieren Ex-Kollegen von Greenpeace gegen Klimakiller. "Ich möchte ein Verbot aller Waffenexporte, das werde ich mit der SPD nicht kriegen, aber vielleicht geht ein Verbot von Kleinwaffenexporten, da kann man ja Kompromisse eingehen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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