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Katharina Dockhorn
Gut angelegt

BERLINALE Dieter Kosslick setzt weiter auf politische Filme und lobt die WCF-Filmförderung als Erfolgsgeschichte

Herr Kosslick, die Berlinale gilt unter den drei großen Filmfestivals als erste Adresse für das politische Kino. Bleiben Sie diesem Engagement treu?

In den vergangenen Jahren wurde kritisiert, dass ich oft zu sehr auf den politischen Gehalt der Filme geachtet habe und nicht auf die künstlerische Qualität. Die diesjährige Auswahl erfüllt beide Ansprüche. Die Zeitungen sind seit Wochen voll mit Vorberichten über George Clooneys "Monuments Men", der von der Rettung der Raubkunst der Nazis durch alliierte Truppen erzählt, oder zum Eröffnungsfilm, Wes Andersons "Grand Hotel Budapest", der ins Europa zwischen den beiden Weltkriegen führt. Neben den beiden Werken mit zeitgeschichtlichen Themen zeigt die Berlinale mit Feo Aladags "Zwischen Welten" einen hochpolitischen Film über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Auch Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg" über eine in Gewissenskonflikt geratene 14-jährige Schülerin in den Händen der Religionswahnsinnigen in "Pius Bruderschaft" ist gesellschaftlich brisant.

Feo Aladag und Dominik Graf waren zuletzt mit "Die Fremde" und "Der rote Kakadu" im Panorama vertreten. Insgesamt ist Deutschland mit vier Filmen und den fünf Koproduktionen vertreten. Ist der deutsche Film so stark oder verstehen Sie sich als sein Lobbyist?

Obwohl das Studio Babelsberg bei der Entstehung von "Monuments Men", "Grand Hotel Budapest" und Christophe Gans´ "Die Schöne & das Biest" als auch die Kölner Produzentin Bettina Brokämper bei Lars von Triers "Nymphomaniac" hervorragende Arbeit geleistet haben, zähle ich diese Koproduktionen nicht als deutsche Filme. Auch nicht die Titel, die über den World Cinema Found (WCF) koproduziert wurden. Er ermöglicht die Entwicklung einer intensiven Kooperation zwischen deutschen Produzenten und den Filmschaffenden in den WCF-Regionen. Weitere 62 Filme des Berlinale-Programms 2014 sind mit der Beteiligung ehemaliger "Berlinale Talent"-Teilnehmer entstanden. Vor fünf Jahren war der britische Regisseur Yann Demange hier, jetzt kehrt er mit "71" im Wettbewerb zurück, einem fesselnden Film über die Unruhen in Nordirland 1971.

Wie erfolgreich ist der durch die Bundeskulturstiftung geförderte World Cinema Fund zur Unterstützung von Filmemachern in Ländern, die auf keine gewachsene Filmkultur zurückblicken können?

Zwei der Filme sind im Wettbewerb: "Historia del miedo" von Benjamin Naishat und "La tercera orilla" von Celina Murga aus Argentinien. Dazu kommen "The Lamb" von Kutlug Ataman im Panorama und "40 Days of Silence" von Saodat Ismailovas im Forum. Ich bin sehr zufrieden, dass die Filmemacher nach Berlin zurückkommen. Denn im Gegensatz zu anderen Festivals, die Produzenten zwingen, ihre geförderten Filme zu zeigen, verzichten wir auf solche Klauseln. Daher können vom WCF unterstützte Filme auch auf den Festivals wie Cannes und Venedig laufen, was sie auch mit großem Erfolg taten und sie tragen auch zur Internationalisierung der deutschen Filmbranche bei. Denn man muss wissen, dass die Fördergelder an die deutschen Koproduzenten gehen. Die WCF-Filme haben durchweg Erfolge gefeiert, auf der Berlinale mit Claudia Llosas "Milk of Sorrow" (Goldener Bär) oder Emir Baigazins "Harmony Lessons" (Silberner Bär). Und "Paradise Now" wurde mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für einen Oscar nominiert. Der WCF ist eine Erfolgsstory. Das Geld - und es sind ja vergleichsweise geringe Fördersummen - ist sehr gut angelegt.

Wie gut ist die deutsche Branche im Wettbewerb vertreten?

Ich freue mich, dass ich vier deutsche Filme zeigen kann, die sich zum Teil aktuellen Themen dieses Landes stellen. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass die Branche mit der Berlinale fremdelt, wie im Vorjahr geschrieben wurde, als wir weniger deutsche Filme zeigten. Bis auf einen Film haben wir alle ausgesuchten Filme bekommen. Nur die Produzenten der Adaption der Kinderbuchklassiker "Petterson & Findus" haben sich gegen die Teilnahme am Generationen-Wettbewerb entschieden, weil sie bei uns keine Referenzpunkte laut FFG erhalten. Diese Entscheidung kann ich nachvollziehen.

Die Special Screenings werben mit großen Namen, mit Oscar-Favorit "American Hustle" oder der schwedischen Bestseller-Adaption "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand". Besteht nicht die Gefahr, dass die Reihe den Wettbewerb überstrahlt?

Die sehe ich nicht. Wir zeigen dort große Unterhaltungsfilme, aber auch Dokumentarfilme, wie beispielsweise "Night will Fall" über die Archivaufnahmen der Alliierten von der Befreiung der Konzentrationslager oder Filme über aktuelle Ereignisse. Letztlich ist wohl nur für Kritiker und die Filmbranche interessant, wo welcher Film läuft. Das Publikum will gute Filme sehen. Außerdem haben wir im Wettbewerb nach wie vor ein riesiges Star-Aufgebot.

Die Special Screenings sind während ihrer Amtszeit ebenso wie andere mittlerweile etablierte Reihen wie die "Perspektive deutsches Kino" aus der Taufe gehoben worden. Der Zuschuss des Bundes blieb bei 6,3 Millionen Euro konstant. Werden Sie jetzt zumindest auf das Angebot der Koalition zurückgreifen, ihren Etat um die Lohnsteigerungen aufzustocken?

Die Berlinale finanziert sich zu zwei Dritteln über die Einnahmen von Sponsoren, den Verkauf von Eintrittskarten und den Filmmarkt selbst. Viele Investitionen haben wir aus dem eigenen Etat gestemmt, darunter auch die Tariferhöhungen, die rund 250.000 Euro ausmachten. Wir konnten in diesem Jahr die Glasfaserverlegung abschließen. Jetzt ist eine Investition in die Sound-Anlage des Berlinale-Palastes unumgänglich. Das können wir nicht mehr allein finanzieren. Andererseits benötigen viele kleine Festivals auch dringend Geld. Ein großes Festival darf sich nicht vordrängeln.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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