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Claus Peter Kosfeld
Drogenbeauftragte warnt vor Crystal Meth

SUCHT Das Methamphetamin spielt inzwischen auch an Schulen und in der Arbeitswelt eine Rolle. Prävention gefordert

Die Substanz sieht harmlos aus, ein bisschen wie Flocken aus Eiskristall, und ist nach Einschätzung von Drogenexperten sogar gefährlicher als Kokain. Veröffentlichte Schockbilder von Menschen mit leblosem Gesichtsausdruck und deutlich sichtbaren Spuren des Zerfalls sind offensichtlich noch nicht abschreckend genug, um insbesondere junge Leute von der Modedroge "Crystal Meth" fernzuhalten.

Der Stoff, der oft in kleinen, improvisierten Laboren zusammengemixt wird, hat vor allem in den USA zahllose Menschen physisch und psychisch ruiniert. Längst wird das Methamphetamin aber auch in Europa in Mengen hergestellt und unter die Leute gebracht, wobei nicht nur die einschlägige Drogenszene gerne zugreift, sondern auch ganz normale Leute, die den vermeintlichen Sonnenseiten der Substanz erliegen und sich mehr Leistungsfähigkeit im Alltag versprechen.

Ernste Lage

In einem Bericht des "Tagesspiegels" beschreibt ein junger Mann die Wirkung der Droge als eine Mischung aus Licht, Lust und Lebensfreude. "Es kribbelt in der Nase, es flutet durch den Kopf, ein warmer Wind reißt im Hirn die Fenster auf." Wenn die Stimmung dann irgendwann nachlässt, bleibt ein gefährlich ausgelaugter Körper zurück - und der Wunsch nach noch mehr Stoff. Wie ernst die Lage inzwischen ist, machte in der vergangenen Woche die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), im Gesundheitsausschuss deutlich. Sie berichtete, Methamphetamin sei nicht mehr nur eine einschlägige Partydroge, sondern werde etwa auch von manchen alleinerziehenden Müttern genommen, die glaubten, sie könnten ihre Alltagsaufgaben nicht mehr bewältigen. Mortler will sich am 24. Juni erneut mit Experten treffen, um Modellprojekte gegen die Sucht zu erarbeiten.

Hergestellt wurde Methamphetamin in Deutschland schon in den 1930er Jahren. Wehrmachtssoldaten sollen das Stimulantium, das damals unter dem Namen Pervitin im Handel verfügbar war, im Krieg eingenommen haben, um länger wach und kampffähig zu bleiben. Die Droge wird heutzutage meist als kristallines Pulver geschnupft. Die Wirkung hält länger an als bei Kokain, und die Labordroge ist zudem deutlich billiger. Als wichtiges Produktionsland in Europa gilt derzeit Tschechien.

Motiv Leistungssteigerung

Laut einer Studie des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS), die im Gesundheitsausschuss vorgestellt wurde, spielt "Crystal" inzwischen auch am Arbeitsplatz und an Schulen eine Rolle. Mortler sagte, das Motiv der Leistungssteigerung ziehe sich durch praktisch alle Anwendungen. Sie habe viele Gespräche geführt insbesondere mit Fachleuten im Grenzraum zu Tschechien, um dem Problem auf den Grund zu gehen. In Tschechien sei "Crystal Meth" als Alltagsdroge schon länger ein Thema. Derzeit könne von rund 30.000 Abhängigen im Nachbarland ausgegangen werden, die wegen ihrer Sucht in Behandlung seien. Die Droge verbreite sich in Richtung Westen und Norden und sei in einigen deutschen Großstädten sehr präsent, aber nicht in allen. Ein Gramm der Droge ist laut Mortler in Tschechien schon für rund 20 Euro zu haben, in Nürnberg dagegen für rund 80 Euro. Dies verdeutliche, dass hier ein kleiner Kreis von Dealern ein "dickes Geschäft" machen könne. Grundsätzlich sei zu beobachten, dass der Konsum umso höher ausfalle, je größer die Verfügbarkeit ist. Mortler sprach sich dafür aus, Präventionsprojekte auszubauen und zielgruppenspezifische Lösungen zu erarbeiten.

Auch der Landtag in Sachsen befasste sich vergangene Woche mit dem Problem und sandte einen Hilferuf an den Bund. Crystal sei ein bundesweites Phänomen und müsse auch so behandelt werden, sagte der FDP-Abgeordnete Benjamin Karabinski. Sachsen will den Kampf gegen die Droge nun verstärken. Prävention, Beratung und Behandlung sowie Repression sind Teil der Strategie. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) wünscht sich zudem ein Polizeiabkommen mit Tschechien im Kampf gegen das "Teufelszeug".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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