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Karl-Heinz Baum
Symbol der Teilung und des Todes

DIE MAUER Mehr als 28 Jahre riegelte der Grenzstreifen Ost-Berlin ab. Widerstände gegen das Bauwerk gab es von Anfang an

Mindestens 138 Menschen verloren an der Berliner Mauer ihr Leben. Ida Siekmann (58) stirbt am 22. August 1961 beim Sprung aus dem dritten Stock in den Westen. Zwei Tage später trifft eine Kugel Günter Litfin (37), als er einen Spreekanal durchquert. Der Tod Peter Fechters (21) 1962 wird zum Symbol der Unmenschlichkeit der DDR. Von Grenzposten angeschossen fleht er hinter der Mauer um Hilfe. Erst nach 50 Minuten bergen sie den tödlich Verletzten.

Der letzte an der Mauer erschossene Flüchtling ist der 19-jährige Chris Gueffroy; er stirbt am 5. Februar 1989 kurz vor Mitternacht nach 22 Schüssen auf ihn und seinen Freund Christian Gaudian. Beide sind unbewaffnet. Gueffroy ist ins Herz getroffen. Gaudian überlebt schwerverletzt. Die Mutter erfährt zwei Tage später Teile der Wahrheit: "Ihr Sohn hat einen Anschlag auf eine militärische Einrichtung verübt; er ist dabei gestorben." Sie will nicht, dass er wie viele Mauertote heimlich verscharrt wird. Über Freunde informiert sie die "Berliner Abendschau" im Westen, die Ort und Zeit der Beisetzung meldet. 120 Menschen kommen zum Friedhof, vier westliche Journalisten berichten.

Keine Zukunft

Elektronikingenieur Winfried Freudenberg (32) stirbt am 8. März 1989. Er will mit Frau Sabine im Ballon fliehen. Dafür ist Gas nötig, also geht er zu Ost-Berlins Gasversorgung, erhält Zutritt zu einem Gasregler. Das Paar klebt Plastikfolien zusammen. Die Brise am 7. März müsste sie in den Westen treiben. Am Gasregler fangen sie zu füllen an. Auf dem Heimweg sieht ein Arbeiter den Ballon, ruft die Polizei, die um 2.10 Uhr da ist. Freudenberg kappt das Seil, steigt allein auf. Gut fünf Stunden später stürzt er aus 50 Metern über Zehlendorf ab.

Die Fluchtmotive sind für die meisten gleich. Sie sehen keine Zukunft in einem Land, das seine Bürger einsperrt. Gueffroy und Gaudian durften nicht werden, was sie wollten. Die Freudenbergs ärgert, dass die DDR Westreisen und Westkontakte unterbindet.

Teilung

Die Mauer war eine Spätfolge des Zweiten Weltkrieges. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit ihren Verbrechen und ihrem Krieg kostete 55 Millionen Menschen das Leben. Die großen Drei der Anti-Hitler-Koalition (USA, Sowjetunion, Großbritannien) vereinbarten Monate vor Kriegsende die Abtretung weiter Teile des Deutschen Reiches im Osten an Polen und die Sowjetunion, die Aufteilung in Besatzungszonen und die Aufteilung Berlins in Sektoren. Die Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 bestätigte die Aufteilung, wollte aber wirtschaftliche Einheit bewahren, politische Einheit sollte folgen. 1948 zerbricht die Koalition. Zwei deutsche Staaten entstehen. Zwischen einem Westeuropa auf demokratischem Weg und einem Mittelosteuropa mit Diktaturen beginnt der "Kalte Krieg". Der Eiserne Vorhang läuft mitten durch Deutschland und Berlin.

Aus der Sowjetzone fliehen viele: weil sie mit Verwandten zusammenleben wollen, weil sie die tägliche Versorgung bedrückt, weil Christen im atheistischen Staat und Sozialdemokraten als Gegner der Zwangsvereinigung mit der SED als Andersdenkende verfolgt werden, weil Bauern kollektive Landwirtschaft ablehnen. Menschen aller Gesellschaftsschichten suchen politische Freiheit. Drei Monate nach Stalins Tod entlädt sich am 17. Juni 1953 die Spannung: Hunderttausende demonstrieren für Freiheit, Demokratie und Einheit. Sowjetpanzer schlagen den Volksaufstand nieder.

Viele fliehen durch das Schlupfloch Berlin. Dort garantiert der alliierte Status jedem das Passieren. Seit 1957 ist das Verlassen der DDR Straftatbestand: "Republikflucht". Die Polizei kontrolliert in Zügen, S- und U-Bahnen, Autos. Bei einer Million Grenzpassagen täglich sind "Republikflüchtige" kaum zu finden. Bis 1961 gehen dreieinhalb Millionen Menschen.

SED-Chef Walter Ulbricht dringt seit 1952 auf einen "Riegel" in Berlin. Kremlchef Nikita Chruschtschow will ganz Berlin unter seinen Einfluss bringen: Die "Abstimmung mit den Füßen" macht auch ihm Sorgen. Er will eine "Freie Stadt West-Berlin". Der Westen lehnt ab. Das wäre eine vogelfreie Stadt, die DDR könnte auch Zugänge in der Luft kontrollieren. Im Frühjahr 1961 meldet Ulbricht, nur ein Stopp der Fluchtwelle könne die DDR sichern. Chruschtschow will US-Präsident John F. Kennedy seine Lösung abringen. Doch im Juni bei einem Treffen in Wien muss er erkennen: Kennedy bleibt hart. Verliere die USA ihre Rechte in Berlin, sei das "ein kriegerischer Akt".

Am 15. Juni fragt Annamarie Doherr, Berliner Korrespondentin der "Frankfurter Rundschau" Ulbricht, ob "Freie Stadt" heiße, eine Grenze am Brandenburger Tor "mit allen Konsequenzen". Da benutzt Ulbricht das M-Wort: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Belege für solch eine Planung gibt es nicht. Der Historiker Hans-Hermann Hertle meint, Doherrs Frage habe Ulbricht an seine letzte Konsequenz erinnert. Der Soziologe Manfred Wilke glaubt, Ulbricht habe den Flüchtlingsstrom anheizen wollen, damit Moskau handelt. Beides ist möglich.

Aktion Rose

Ende Juli garantiert Kennedy den freien Zugang nach West-Berlin. Da gibt Ulbricht nach. Er hofft vergeblich, die verzweifelten Menschen der eingemauerten Stadt werden an die Tür der DDR klopfen. Am 13. August beginnt die "Aktion Rose" mit Stacheldraht und Barrikaden auf 160 Kilometern. Mit Betonelementen und Hohlblocksteinen, gekrönt von Stacheldraht, wird die Stadt geteilt. In ihr leben zu diesem Zeitpunkt rund 3,3 Millionen Menschen: 2,2 Millionen im Westteil und 1,07 Millionen in Ost-Berlin.

Das Bauwerk wird im Laufe der Zeit immer mehr aufgerüstet, es hat zwei Mauern, eine "freundwärts", eine "feindwärts" (zum Westen). Dazwischen liegt der "Todesstreifen", bis zu 150 Meter breit. Drähte alarmieren bei Berührung Wachposten. Es folgen Höcker, Wachtürme, Lichtmasten, ein mit Betonplatten verstärkter Graben, der Autos aufhalten soll, ein Hundelaufgraben, ein Kolonnenweg mit Wachtürmen und ein geharkter Streifen für Fußspuren. Die Mauer "feindwärts" ist 3,60 Meter hoch, oben verhindert ein Rohr festen Halt. Die Grenze durch Deutschland von Lübeck bis Hof ist 1.400 Kilometer lang und besteht meist aus Stacheldraht, an einigen Stellen auch als Mauer.

Die Staatssicherheit bemerkt "größeren Unmut, vor allem bei Jugendlichen" über den "antifaschistischen Schutzwall". Parolen sagen: "Wer Mauern baut, der hat es nötig." In drei Wochen werden mehr als 6.000 Menschen festgenommen. In 28 Mauerjahren gibt es 35.000 Gewaltakte an Mauer und Stacheldraht. 250.000 politische Verfahren hat die DDR geführt, zum größten Teil wegen "Republikflucht". Die Mauer zeigte stets das hässliche Bild der DDR; sie war Symbol der Teilung und des Todes.

Auch an der innerdeutschen Grenze, in der Ostsee und an Grenzen der Ostblockstaaten sterben Hunderte, womöglich sogar bis zu Tausend Menschen, weil sie die DDR verlassen wollten. Sie werden erschossen, von Splitterminen getötet oder ertrinken.

Für Ulbricht-Nachfolger Erich Honecker soll Anfang 1989 die Mauer noch hundert Jahre stehen. DDR-Außenminister Oskar Fischer nennt sie die "tragende Wand" des vom KPdSU-Chef Michail Gorbatschow angestrebten Europäischen Hauses. Nach 28 Jahren spricht SED-Politiker Günter Schabowski am 9. November schließlich von "Privatreisen", die "jeder" beantragen könne und die großzügig genehmigt würden. Doch auf Genehmigungen wollen die Menschen jetzt nicht mehr warten (siehe Seite 9).

Urteile gegen Todesschützen

Nach der Einheit kommen SED-Spitzen, Militärs und Mauerschützen vor Gericht. Das Bundesverfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bezeichnen das Töten an der Mauer als schwere Menschenrechtsverletzung. Der Mauerbau sollte die DDR stabilisieren - doch er war der Anfang vom Ende. Mit dem Mauerfall brach das gesamte kommunistische System Osteuropas zusammen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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