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Alexander Heinrich
Der Dialog ist intensiv

Marek Krzakala Polen und Deutsche können wirklich schätzen, was sie seit 1989 gemeinsam erreicht haben, findet der Sejm-Abgeordnete

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang, und die Polen hatten mit den ersten halbfreien Wahlen im Ostblock einen großen Anteil daran. Vor zehn Jahren wurde Polen Mitglied der Europäischen Union. Zugleich erinnert das Jahr 2014 an den deutschen Überfall auf Polen, der vor 75 Jahren den Beginn des Zweiten Weltkrieges markierte. Wie sehr liegen die Schatten dieser Vergangenheit heute noch auf den Beziehungen zwischen Polen und Deutschen?

Nicht so sehr wie das bis zur Wende von 1989 der Fall war. Im damaligen Polen hatte die kommunistische Propaganda vor allem das westliche Deutschland als Feind dargestellt. Das zeigt zum Beispiel die scharfe Reaktion der Warschauer Regierung im Jahre 1965 auf den Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder mit dem berühmt gewordenen Satz: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Meiner Generation wurde eingeimpft, dass wir die Sowjetunion "lieben" müssten, weil im Westen der Feind steht. Unser Blick auf Deutschland hat sich nach 1989 stark geändert und Bildung und gegenseitiger Austausch haben daran einen großen Anteil. Inzwischen gibt es eine Reihe von jungen polnischen Historikern, die offen und unbefangen über die Vergangenheit diskutieren. Für mich persönlich spielt die Vergangenheit keine so große Rolle wie für die Generation meiner Eltern oder Großeltern. Ich bin wie so viele meiner Generation eher auf Europa und die Zukunft orientiert.

Alles bestens also zwischen Deutschen und Polen?

Versöhnung ist ein dauerhafter Prozess. Wir können nicht sagen, dass wir alle Probleme bewältigt haben. Ich kann auch nicht für die Generation meiner Eltern oder Großeltern sprechen. Aber: Die gemeinsame Ausstellungseröffnung der Präsidenten Bronislaw Komorowski und Joachim Gauck anlässlich des Warschauer Aufstandes vor 70 Jahren in der Gedenkstätte "Topografie des Terrors" in Berlin Ende Juli ist doch ein Beispiel gemeinsamer Erinnerung und zeigt, dass der Versöhnungsprozess in eine positive Richtung geht.

Sind Deutschland und Polen heute gute Nachbarn - oder auch echte Partner?

Sowohl als auch. Polen ist seit dem EU-Beitritt vor zehn Jahren ein stabiler, berechenbarer und zuverlässiger Partner. Wir hatten 2011 die Europäische Ratspräsidentschaft inne und sind dieser Verantwortung gerecht geworden. Und was die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen angeht: 2011, also 20 Jahre nach dem "Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit", haben beide Regierungen eine gemeinsame Erklärung aufgesetzt, die ganz konkret eine ganze Reihe von Projekten auflistet, die wir in den nächsten 15 bis 20 Jahren gemeinsam erarbeiten wollen. Aber das ist für mich nicht mal der wichtigste Punkt; entscheidend ist, dass wir gemeinsam die weitere Vertiefung der Europäischen Integration voranbringen, eben weil sie in unserem gemeinsamen Interesse liegt. Genauso wichtig sind die 650 Partnerschaften zwischen polnischen und deutschen Gemeinden und Städten oder die Tatsache, dass inzwischen fast 2,5 Millionen junge Polen und Deutsche am Jugendaustausch teilgenommen haben. Das sind ganz konkrete Schritte der gemeinsamen Annäherung.

Welchen Einfluss hat die Ukraine-Krise und das Verhältnis zu Russland auf die Beziehungen zwischen Berlin und Warschau?

Der Schlüssel, um die Probleme in der Ukraine zu lösen, liegt in Moskau, nicht in der Ukraine. Auch hier gilt, dass wir nur dann stark sind, wenn wir gemeinsam in der EU handeln. Das haben die Außenminister Deutschlands, Polens und Frankreichs, Frank-Walter Steinmeier, Radoslaw Sikorski und Laurent Fabius, mit ihren Initiativen ja auch getan. Und auch die jetzt beschlossenen erweiterten Sanktionen gegenüber Russland sind ein starkes Signal der Geschlossenheit der EU-Mitgliedsländer.

Inwiefern hat die Ukraine-Krise einen älteren Streitpunkt zwischen Deutschland und Polen - die Frage der Abhängigkeit von russischen Öl und Gas - wieder sichtbar gemacht?

Es wird immer deutlicher, dass wir einen gemeinsamen europäischen Energiemarkt schaffen sollten. Dazu gehören gemeinsame Einkäufe von Energie und auch der Ausbau des Energienetzes. Andere Differenzen zwischen Polen und Deutschland sehe ich eher als Chance: Deutschland will aus der Atomkraft aussteigen und die Energiewende schaffen, wir in Polen diskutieren hingegen, ob wir ein neues Atomkraftwerk bauen sollen. Neu ist, dass wir untereinander auch über solche Differenzen offen reden können. Das war vor 25 Jahren oder früher noch gar nicht möglich.

Wie haben sich die parlamentarischen Beziehungen zwischen Bundestag und Sejm entwickelt?

Deutschland ist zunächst einmal eines der wenigen Länder, mit denen Polen regelmäßige Regierungskonsultationen abhält. Der Dialog ist intensiv, das zeigt allein ein Blick in den Kalender dieses Jahres: Im September ist der polnische Präsident Gastredner im Bundestag, kurz darauf treffen sich das deutsche und das polnische Kabinett in Warschau und Ende September gibt es ein Treffen der Präsidien von Bundestag und Sejm in Danzig.

Polen hat als erstes europäisches Land eine Begrenzung der Staatsschulden in die Verfassung geschrieben, das Land sieht sich als "Land der Leistungen" und kann mit einem starken Wirtschaftswachstum aufwarten. Ist Polen reif für den Euro?

Diese Debatte hat bei uns längst begonnen. Mich selbst muss man gar nicht überzeugen, dass mein Land so schnell wie möglich den Euro einführen sollte. Wenn wir in Europa mehr mitreden und mitgestalten wollen, dann sollten wir auch der Euro-Zone beitreten. Allerdings müssten wir dafür unsere Verfassung ändern. Dafür ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament notwendig und die hat die Regierungskoalition aus "Bürgerplattform" und "Polnischer Volkspartei" nun mal nicht. Natürlich gab und gibt es bei uns auch Befürchtungen und es wird ausgiebig in der Öffentlichkeit die Frage diskutiert, ob und wie die Währungseinführung den Bürger belasten würde. Andererseits würde Polen durch den Wegfall des Währungsrisikos und durch Kosteneinsparungen im Im- und Export erheblich vom Euro profitieren.

Obwohl Polen und Deutsche Nachbarn sind, scheinen sie sich oft noch fern. Kann Politik daran etwas ändern?

Es gibt bei uns Politiker in der größten Oppositionspartei, die leider immer wieder aufs Neue die "deutsche Karte" ziehen, um Ängste vor dem Nachbarn zu schüren. Ich sehe uns aber als Länder, die sich immer näher kommen. Deutsche und Polen müssen sich nicht in jedem Punkt einig sein. Aber wir akzeptieren die Meinung des anderen, und das ist wichtig. Im Mai 1990 stand ich an den Resten der Berliner Mauer. Hätte mir damals jemand Deutschland und Polen im heutigen Europa geschildert - mit freien Märkten und offenen Grenzen -, ich hätte das niemals für möglich gehalten. Wir können wirklich schätzen, was wir in diesen 25 Jahren erreicht haben.

Das Interview führte Alexander Heinrich.

Marek Krzakala ist Vorsitzender der

polnisch-deutschen Parlamentariergruppe im Sejm, in den er 2007 für den Wahlkreis Rybnik (Woiwodschaft Schlesien) erstmals gewählt wurde. Der 46-Jährige gehört der regierenden liberal-konservativen "Bürgerplattform" an und ist Mitglied im Auswärtigen und im Europa-Ausschuss des Sejm.

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