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HOchSCHULEN
Götz Hausding
Der Bachelor

1999 startete der Bologna-Prozess zur Vereinheitlichung der Studienabschlüsse in Europa

Bologna ist eine italienische Universitätsstadt. Doch ein Abschluss an der dortigen Universität wäre früher in Paris oder Berlin kaum anerkannt worden. Dies sollte sich ändern, als vor 16 Jahren die Bildungsminister aus 29 Ländern begannen, den europäischen Hochschulraum zu harmonisieren. Die Vergleichbarkeit der Abschlüsse sollte verbessert, die innereuropäische Mobilität der Studierenden erhöht und die Chance auf lebenslanges Lernen gestärkt werden. Bachelor und Master statt Diplom und Magister heißt es seitdem an deutschen Hochschulen. Vergangenen Donnerstag zog der Bundestag ein Zwischenfazit des Bologna-Prozesses, an dem inzwischen 47 Staaten teilnehmen.

Während Union und SPD von einem gelungenem Prozess sprachen und als Beleg unter anderem auf gestiegene Zahlen deutscher Studenten im Ausland sowie ausländischer Studierender in Deutschland verwiesen, übten Vertreter von Linksfraktion und Bündnis 90/Die Grünen Kritik an der Hochschulreform. Einen gemeinsamen Antrag von CDU/CSU und SPD (18/4801) verabschiedete der Bundestag gegen das Votum der Oppositionsfraktionen. Die Anträge von Linken (18/4802) und Grünen (18/4815) wurden zur weiteren Beratung in die Ausschüsse überwiesen.

Gehälter Wenige Tage vor Beginn der Achten Bologna-Kultusministerkonferenz im armenischen Jerewan sah Bildungs-Staatssekretär Thomas Rachel (CDU) das Ziel von Transparenz und Vergleichbarkeit der Studienabschlüsse als "weitgehend umgesetzt" an. Gestiegen sei zudem die Mobilität der Studierenden sowie der Prozentsatz der Anerkennung von im Ausland erlangter Studienergebnisse. Der Bachelor-Abschluss biete gute Karriereperspektiven und die Absolventen erhielten fast die gleichen Einstiegsgehälter wie Absolventen mit anderen Abschlüssen, sagte der Staatssekretär.

Dem widersprach Nicole Gohlke. Bachelor-Absolventen erhielten noch immer rund 26 Prozent weniger Gehalt als jene mit traditionellen Abschlüssen. Zudem gingen gerade einmal 17 Prozent der Bachelor-Studenten ins Ausland, "obwohl doch Mobilität das große Ziel der Reform war". Nicht erreicht sei zudem das Ziel, durch die Reform die Chance zum lebenslangen Lernen zu erhöhen. "Das System schafft keine neuen Zugänge sondern neue Hürden", urteilte Gohlke. Diese schlechte Bilanz sei im Jahr 16 nach der Bologna-Reform nicht mehr mit Umsetzungsproblemen zu erklären. Aus ihrer Sicht stellt sich in Sachen Hochschulpolitik ohnehin eine ganz grundsätzliche Frage. "Geht es um eine Bildung, verstanden als Menschenrecht, verstanden als Horizonterweiterung und als Persönlichkeitsbildung, oder geht es um einen Bildungsbegriff, der nur noch das kurzfristige Fitmachen für den Arbeitsmarkt im Blick hat?" Die Antwort der Linksfraktion sei: Entschleunigung statt Verkürzung und Prüfungsstress. Öffnung und Durchlässigkeit statt neuer und alter Hürden.

Erasmus Plus Daniela De Ridder (SPD) ging diese Kritik zu weit. Zwar räumte sie ein, der Bologna-Prozess sei anfangs "sehr sperrig" gewesen. Es sei aber falsch, sämtliche Probleme der Hochschulen, die es auch zuvor schon gegeben habe, auf Bologna zu schieben, sagte sie. Inzwischen sei vieles verbessert worden, wie etwa die Anerkennung der Studienergebnisse. Aber auch bei der Mobilität habe sich einiges getan. "Wir haben das Stipendienprogramm Erasmus Plus ausgebaut und das Aktionsprogramm ,Bologna macht mobil' beim Deutschen Akademischen Auslandsdienst angesiedelt, mit dem Hochschulkooperationen zwischen deutschen und europäischen Hochschulen ausgebaut werden", sagte Ridder. Besonders stolz sei sie auf den Ausbau des Auslands-BAföGs. "Hier kann man die Übernahme von Reisekosten und eine flankierende Finanzierung der besonders teuren Studiengebühren beantragen", sagte sie. Gleichwohl würde sie sich mit dem Erreichten nicht zufrieden geben, stellte die SPD-Abgeordnete klar. Ziel sei es, das jeder zweite Studierende einen Auslandsaufenthalt vorweisen kann. "Das ist ein ehrgeiziges Ziel, auf das wir stolz sein können", befand sie. Auslandsaufenthalte sorgten schließlich für mehr Offenheit und Toleranz.

Zahl der Akademiker Kai Gehring warnte hingegen vor einer "reinen Lobhudelei". Damit riskiere man die Akzeptanz der Bologna-Reform. Die große Koalition tue zu wenig für die Mobilität. "Ob Studierende wirklich mobil sind, hängt sehr stark von der sozialen Herkunft ab", argumentierte Gehring. Angesichts dessen komme die für Herbst 2016 geplante BAföG-Erhöhung zu spät und falle zu zaghaft aus. Der Bildungspolitiker warnte zugleich davor, im Zusammenhang mit dem Anstieg der Studierenden von einem "Akademikerwahn" zu reden. "Freuen wir uns gemeinsam über 2,7 Millionen Studierende in Deutschland! Das ist gut für Bildungschancen und unser Hochtechnologieland", sagte er. Anstatt eine "Phantomdebatte" zu befeuern, sollten Union und SPD lieber den Vorschlägen der Grünen folgen, so sein Rat. "Wir wollen sowohl die duale Ausbildung stärken als auch die Hochschulen sozial öffnen. Durchlässigkeit und Ausbildungsgarantie, um beides geht es", sagte Gehring.

Die CSU-Abgeordnete Katrin Albsteiger erinnerte daran, dass gemeinsame europäische Studienabschlüsse vor 20 Jahren noch eine kaum zu glaubende Zukunftsvision gewesen seien. Allerdings räumte sie ein, dass ihr Herz "ab und zu noch für den Diplom-Abschluss schlägt". Wichtig sei jedoch, dass es international vergleichbare Abschlüsse gebe. "Wo ,Bachelor' draufsteht, ist auch ,Bachelor' drin, und zwar völlig egal, ob man diesen Abschluss in Athen oder in München erwirbt", sagte die Christsoziale.

Ernst-Dieter Rossmann (SPD) forderte, Weißrussland auf der bevorstehenden Kultusministerkonferenz in Jerewan als
48. Bologna-Mitglied aufzunehmen. Auch Studierende aus dem autoritär regierten Land sollten vom europäischen Hochschulraum profitieren. Bei der Schaffung einer Demokratie sei "nichts subversiver als ein aufgeklärter Student, der in einem anderen europäischen Land studiert hat", argumentierte Rossmann.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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