Inhalt

KULTUR UND MEDIEN
Alexander Weinlein
Männerbastion

Grüne und Expertinnen fordern die Frauenquote für staatliche Förderungen und Einrichtungen

Sie gilt seit jeher als besonders progressiv, wenn es um die großen gesellschaftlichen Fragen geht. Und doch beweist die Kulturszene sich in einer Frage als ebenso rückständig, mitunter sogar widerspenstig, wenn es um die Frage geht, ob ein Mann oder eine Frau den Ton angeben oder die Regie führen soll. Frauen sind in den Führungs- und Schlüsselpositionen der Kulturbranche mitunter noch seltener anzutreffen als in den Vorstandsetagen großer Industriekonzerne. "Ein erstaunlicher Widerspruch", wie Siegmund Ehrmann (SPD), der Vorsitzende des Kulturausschusses, gleich zum Auftakt einer öffentlichen Anhörung des Ausschusses in der vergangenen Woche befand.

Um sich ein konkretes Bild von der Situation von Frauen in der Kulturbranche zu machen und um zu erörtern, ob staatliche Eingriffe helfen können, der Gleichstellung der Geschlechter auf die Sprünge zu helfen, wie dies die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in einem Antrag fordert, hatte der Ausschuss sechs Expertinnen geladen.

Geld und alte Männer Die freie Publizistin und Kuratorin Adrienne Goehler, vom Sommer 2001 bis zum Januar 2002 war sie Berliner Kultursenatorin in der rot-grünen Übergangsregierung, präsentierte dem Ausschuss zwei knackige Thesen, warum Frauen so selten an den Schlüsselstellen der Kulturbranche anzutreffen sind. Die Leitung eines Museums oder eines Theaters würde Frauen immer dann angeboten werden, wenn das Geld knapp wird und der Glamour schwindet. Und an den entscheidenden Stellen säßen all zu oft "alte Männer", die Stellenbesetzungen auskungelten, stellte Goehler fest.

Die Filmemacherin Maria Mohr, Vorstandsmitglied im Verein Pro Quote Regie, bestätigte Goehlers These. Je größer das Budget eines Films, desto geringer sei die Chance, dass eine Frau auf dem Regie-Stuhl oder an einer anderen entscheidenden Position der Produktion sitze. Bei lediglich einem von fünf deutschen Filmen führe eine Frau Regie. Dies liege aber mitnichten am mangelnden weiblichen Nachwuchs, befand Mohr. Immerhin seien 40 Prozent der Absolventen des Fachs Regie an den Filmhochschulen Frauen. Auch bei staatlich geförderten Filmproduktionen sieht es nach Angaben Mohrs nicht besser aus. Von 115 Filmprojekten im Jahr 2013, die Bundesmittel aus dem Filmförderfonds erhielten, hätten nur bei 13 Filmen Frauen Regie geführt. Auch das öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat offenbar Nachholbedarf in Sachen Gleichberechtigung. Lediglich elf Prozent der Regie-Aufträge ginge an Frauen, führte Mohr an.

Für die Filmemacherin ist die Sache klar: Quoten müssen her. Und zwar überall dort, wo öffentliche Gelder in die Filmförderung fließen. Die geplante Novelle des Filmförderungsgesetzes müsse genutzt werden, um die Vergabe von Fördermitteln mit der Auflage zu verbinden, Regisseurinnen und Filmemacherinnen gleichberechtigt zu fördern. Die Einführung solcher Quoten sei keine Wettbewerbsverzerrung, wie immer wieder behauptet werde, sondern die Bereinigung eines verzerrten Wettbewerbs. Goehler pflichtete bei: Quoten seien zwar "fies und antidemokratisch", aber dies sei die Realität für Frauen im Kulturbereich auch.

Forderung an den Bund Diese Forderung deckt sich mit dem Antrag der Grünen. Sie machen sich dafür stark, dass der Bund bei den durch ihn finanzierten oder bezuschussten Institutionen und Projektträgern eine geschlechterparitätische Vergabe von Führungspositionen, Intendanzen, Stipendien und Werksverträgen sowie bei der Besetzung von Orchestern und bei Ausstellungen von Werken zeitgenössischer Künstler festlegt - soweit dem keine künstlerischen Vorgaben entgegenstehen. Dies müsse auch bei der Besetzung von Jurys zur Auswahl von Preisen, Förderprogrammen und Projekten gelten. Zudem soll die Bundesregierung nach dem Willen der Grünen auf die Bundesländer einwirken, ebenfalls entsprechende Förderkriterien festzulegen.

Für eine paritätische Besetzung etwa von Gremien und Jurys im Kulturbetrieb sprach sich auch die Geschäftsführerin des Frauenkulturbüros Nordrhein-Westfalen aus. Ebenso müssten bei staatlichen Museen darauf geachtet werden, dass die Werke von Künstlerinnen bei Ankäufen und Ausstellungen gleichberechtigt berücksichtigt werden.

Besonders abhängig von Ankäufen und Ausstellungen sind vor allem freischaffende Künstler. Und auch unter ihnen steht es um die Frauen nicht zum besten. Die stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Kulturrates, Gabriele Schulz, verwies darauf, dass der Anteil von freiberuflichen Künstlerinnen, die in der Künstlersozialkasse versichert sind, von 1995 bis 2010 deutlich gestiegen sei und sich mit Ausnahme der Musikbranche dem Anteil der Männer angepasst habe. Allerdings liege ihr durchschnittliches Jahreseinkommen weiterhin deutlich unter dem ihrer männlichen Kollegen. Die Situation freiberuflicher Künstler sei in vielen Fällen prekär, die von Frauen aber deutlich öfter.

Buchbranche Wie groß das Missverhältnis zwischen der Präsenz von Frauen in der Kulturszene und ihrer Vertretung in Schlüsselpositionen sein kann, machte Valeska Henze am Beispiel der Buchbranche vor dem Ausschuss deutlich. Die Vorsitzende des Vereins BücherFrauen rechnete vor, dass zwar rund 80 Prozent aller Festangestellten in der Branche Frauen seien, aber nur 16 Prozent der Führungspositionen in weiblicher Hand sind. Auch der sogenannte "Gender Pay Gap" sei in der Branche größer als in anderen Berufen. So liege das Durchschnittseinkommen von Frauen in der Buchbranche um 28 Prozent unter dem der Männer, sagte Henze. Im Bundesdurchschnitt aller Berufe beträgt der Unterschied 21 Prozent.

Es sind vor allem die großen Verlagshäuser, die nach Aussage von Valeska Henze den Frauen sowohl das Berufs- wie auch das Familienleben schwer machen. Gegen die Einführung von Teilzeitarbeitsplätzen würden diese sich immer noch mit Händen und Füßen wehren. "Mit dem ersten Kind ist die Karriere für eine Frau praktisch am Ende."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2020 Deutscher Bundestag