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BIOGRAPHIE
Aschot Manutscharjan
Falke der Falken

Greg Grandin präsentiert die dunkle Seite des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger

Bereits als Harvard Professor wusste Chef-Stratege Henry Kissinger verdeckte Operation geschickt zu nutzen: Im Herbst 1968 rief er aus einer Pariser Telefonzelle zu nachtschlafender Zeit mehrmals Richard Nixons Wahlkampfteam an, um es über den Stand der Geheimverhandlungen zwischen Washington und Hanoi ins Bild zu setzen. Kissingers unfreiwillige "Informanten" nahmen an den Gesprächen teil und erzähltem ihrem vermeintlichen Vertrauten brühwarm von der Möglichkeit, den amerikanischen Luftkrieg gegen Nordvietnam einzustellen. Daraufhin drängten Nixons Leute die Südvietnamesen, die Friedensgespräche zu torpedieren und versprachen ihnen im Gegenzug bessere Konditionen, sollte Nixon Präsident werden. Dass Kissinger an dieser Intrige beteiligt war, ist unstrittig. Der Vietnam-Krieg dauerte dadurch fünf sinnlose Jahre länger; tatsächlich waren es sogar sieben Jahre, zählt man die Kämpfe nach dem Friedensabkommen von Paris 1973 und dem Fall Saigons 1975 hinzu.

"Nixon gewann und der Krieg ging weiter", notiert der New Yorker Historiker Greg Grandin in seinem quellenreichen Meisterwerk über das Leben und die Taten des heute 94-jährigen Politikers, Wissenschaftlers und Geschäftsmanns Henry Kissinger. Er ist nicht der erste US-Autor, der sich mit Kissingers Rolle als Kriegstreiber auseinandersetzt. In einer ungeheuren Fleißarbeit wertete Grandin jedoch alle über Kissinger bekannten Veröffentlichungen und Quellen aus, darunter neue Archivmaterialien.

Grandin präsentiert einen Menschen, der seit Jahrzehnten eine dunkle und eine helle Seite lebt: Einerseits gibt es den knallharten Militaristen im Inneren Kreis der Macht, andererseits den freundlichen, intellektuellen Liberalen. "Für uns war Henry der 'Falke der Falken' im Oval Office", betonte ein Spitzenbeamter. "Abends vollzog sich eine magische Verwandlung. Wenn er auf einer Party mit seinen liberalen Freunden anstieß, wurde der kriegslüsterne Kissinger plötzlich zur Taube. Und die Presse, betört von Henrys Charme und Humor, nahm ihm das ab. Sie konnten es einfach nicht fassen, dass der intellektuelle, lächelnde, humorvolle 'Henry the K' ein Falke wie 'dieser Dreckskerl' Nixon war."

Ungeachtet der ambivalenten Persönlichkeit Kissingers konzentriert sich die Biographie vor allem auf seine Rolle bei der Erschaffung der Welt, in der wir heute leben. Laut Grandin ist er für die "endlosen Kriege" verantwortlich, die der "nationale Sicherheitsstaat" USA mit seiner "imperialen Präsidentschaft" in den letzten Jahrzehnten führte. "Kissinger spielte dabei seine Rolle, indem er das große Rad des amerikanischen Militarismus immer weiter am Laufen hielt." Der Historiker belegt diese These in jedem Kapitel seines spannenden Buches.

Kambodscha-Krieg Am Anfang der politischen Karriere Kissingers stand die Operation in Paris; seinen Lohn erhielt der Harvard Professor im November 1968, als er zum Nationalen Sicherheitsberater des neuen Präsidenten Nixon aufstieg. Im Februar 1969 überzeugte Kissinger Nixon zusammen mit seinem militärischen Berater, Colonel Alexander Haig, mit der "streng geheimen Bombardierung" Kambodschas zu beginnen. Sie sollte verhindern, dass die Nordvietnamesen über Kambodscha Angriffe gegen das Regime in Saigon starten. Um die Bombardierungen zu vertuschen, wurde eine "doppelte Buchführung" eingeführt: Die Verwaltungsbeamten im Kongress und im Pentagon bekamen nur gefälschte Karten, Flugrouten sowie Abrechnungen über Flugbenzin und Bomben zu sehen. "Auf diese Weise wurde ein illegaler, verdeckter Krieg gegen ein neutrales Land angezettelt, ein Krieg, der von einem Beauftragten des Präsidenten, der noch wenige Monate zuvor Professor in Harvard gewesen war, aus einem Westkeller des Weißen Hauses heraus geleitet wurde."

Kissinger persönlich wählte die Ziele für die Bombardierungen aus. Der Einmarsch von 17.000 südvietnamesischen Soldaten in Laos 1971, der von massiven US-Luftangriffen begleitet wurde, wuchs sich zu einer Katastrophe aus. Die USA warfen 790.000 Streubomben über dem Land ab. Insgesamt wurden allein auf Kambodscha mehr Bomben abgeworfen als auf Japan und Deutschland im Zweiten Weltkrieg zusammen. Laos traf es noch schlimmer: In 600.000 Einsätzen warf die US-Air Force 2,5 Millionen Tonnen Bomben ab.

Ironie der Geschichte: Für die Beendigung eines Krieges, zu dessen Entstehung und Verlängerung Kissinger persönlich beigetragen hatte, wurde er ausgerechnet mit dem Friedensnobelpreis belohnt. Seine damalige Politik versucht Kissinger heute zu relativieren, indem er behauptet, die Drohnenangriffe unter der Präsidentschaft Barack Obamas hätten mehr Zivilisten getötet als seine damalige Kambodscha-Offensive.

Bislang wurden Henry Kissingers strategische Fehler nur von wenigen Autoren klar benannt, zu stark ist der internationale Einfluss des Ex-Außenministers. Doch Greg Grandin zerstört das Bild des weisen "elder statesman". Sein Fazit: Kissingers Diplomatie hat nirgendwo zum Frieden geführt - im Gegenteil.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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