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TSCHERNOBYL
Alexander Heinrich
Strahlend wird die Zukunft sein

Der Super-Gau offenbarte 1986 die Risiken der zivilen Atomkraft und beschleunigte den Untergang der Sowjetunion

Sie ist der ganzen Stolz der sowjetischen Atomingenieure: Eine Lademaschine, die wie eine Fee über den Hallenboden schwebt, um die Brennstäbe im Reaktor auszutauschen. Die haushohe Anlage setzt sich dabei auf die Decksteine der Reaktordruckröhren, saugt sich dort fest, öffnet die Deckel, entfernt das alte Brennelement, versiegelt es, inspiziert die Druckröhre auf Verschleißspuren und Risse, setzt ein neues Brennelement ein und säubert sich am Ende auch noch wie von Zauberhand von möglichen radioaktiven Verschmutzungen in ihrem Bauch. Ist eine solche Anlage nicht ein weiterer Beweis dafür, dass die Sowjetunion keinesfalls nur jenes "Obervolta mit Atomraketen" ist, als die sie westliche Führer wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) provozierend einmal bezeichnet hat?

Eine Lademaschine dieser Art steht 1986 auch im Block IV des Atomkraftwerks Tschernobyl, das seit den 1970er Jahren am Ufer des Prypjat-Flusses rund 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew entstanden ist. Alle vier Tschernobyl-Reaktoren sind Hochleistungsanlagen vom Typ RBMK, ein seit den 1950er Jahren entwickelter graphitmoderierter Reaktor, der ohne Druckbehälter auskommt, mehr Energie liefern kann als die im Westen gebräuchlichen Leichtwasserreaktoren, vor allem aber die Möglichkeit bietet, Brennelemente bei laufenden Betrieb auszutauschen. Und so lässt sich im RBMK bei Bedarf auch waffenfähiges Plutonium gewinnen. Der Reaktortyp steht in den Atomkraftwerken in Kursk und Smolensk, bei Leningrad und im litauischen Ignalina. In all diesen Anlagen kann Moskau unter ziviler Tarnkappe Plutonium herstellen lassen. Unter den Bedingungen des Kalten Krieges sind solche strategische Zweideutigkeiten durchaus ein Plus. In Tschernobyl kommt eine Besonderheit hinzu, die sich noch heute auf den Luftbildern in Sichtweite finden lässt: Das Kraftwerk speiste eine 150 Meter hohe und mehrere Hundert Meter lange Antennenanlage ("Duga"), damals Herzstück des Raketenspähsystems an der sowjetischen Westgrenze, mit dem die Sowjetunion den gesamten amerikanischen Luftraum beobachten kann.

Doch Tschernobyl steht heute kaum noch dafür, wie eng die zivile und die militärische Nutzung der Atomkraft stets verbunden sind. Es ist vielmehr seit dem Unfall im April 1986 ein bleibendes Symbol geworden, wie sich der Mensch im Umgang mit den Naturgewalten verheben kann. Bei allen Vorzügen des graphitmoderierten Reaktors: Ihm fehlt ein druckfester und dichter Sicherheitsbehälter ("Containment"). Seine Instandhaltung braucht mehr Aufmerksamkeit als die heute bevorzugten Leichtwasserreaktoren, seine Steuerung ist komplexer, das gesamte technische Grunddesign gilt als störanfälliger. Fachleute sprechen vom "positiven Dampfblasenkoeffizienten", an dem aus sicherheitstechnischer Sicht eigentlich nichts positiv ist. Eine Leistungs- und Temperatursteigerung bewirkt in solchen Reaktoren eine schnell zunehmende Kettenreaktionsrate, die ihrerseits weitere Leistungs- und Temperaturerhöhungen zur Folge hat.

Die Katastrophe von Tschernobyl beginnt in den Nachmittagsstunden des 25. April 1986. Auf dem Plan steht ein Testlauf im Block IV - es soll ein Stromausfall simuliert und geprüft werden, ob bei einer Abschaltung der Schwung der Turbinen reichen würde, den zur Steuerung des Reaktors nötigen Reststrom zu produzieren bis die Notstromaggregate anspringen. Die Simulation wird jedoch um einige Stunden verschoben, es gibt noch Strombedarf an diesem Freitag. Über Stunden läuft der Reaktor nun aber bereits mit verminderter Leistung, wodurch sich das Koordinatensystem aus Reaktivität, Leistung, Druck und Temperatur verschiebt. Als in den Abendstunden der Test schließlich anläuft, liegt die Leistung des Reaktors zwischenzeitlich bei nur einem Prozent der Nennleistung. Wirklich gut steuerbar ist die Anlage unter solchen Bedingungen nicht. Die Vorschriften sehen vor, sie in solch einem Fall abzuschalten. Der stellvertretende Chefingenieur des Kraftwerks, Anatoli Djatlow, wischt die Bedenken seiner Techniker in dieser Nacht jedoch beiseite und pocht darauf, den Test fortzusetzen.

Kettenreaktion Die Bedienmannschaft enfernt in größerer Zahl die Steuerstäbe. Als kurz darauf die Ventile mit dem Kühlmittel geschlossen werden und die Temperatur im Reaktor weiter steigt, sind die Kettenreaktionen nicht mehr beherrschbar: Die Reaktivität und die Reaktorleistung schießen in die Höhe, es bilden sich immer mehr Dampfblasen, die ihrerseits wieder die Leistung erhöhen: Die Effekte schaukeln sich gegenseitig hoch. Um 1.23 Uhr und 40 Sekunden Uhr setzt der 33-jährige Schichtleiter Alexander Akimow die Notabschaltung in Gang. Bei einem Reaktor anderer Bauart könnte das womöglich eine Kernschmelze noch verhindern. In Tschernobyl aber kommen nun konstruktionsbedingte Eigenheiten des RBMK ins Spiel, die den letzten Ausschlag für die Katastrophe geben: Die Steuerstäbe, die die Kettenreaktionen eigentlichen bremsen sollen, benötigen nicht nur einige Sekunden, um vollständig einzufahren. Sie vergrößern beim Einfahren auch noch die Reaktivität für den Bruchteil einer Sekunde. Bildlich gesprochen drücken die Techniker im Leitstand auf die Notbremse, doch die Maschine gibt für einen kurzen Moment nochmal richtig Gas. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erreicht der Reaktor nun das Hundertfache seiner Nennleistung: Druckröhren bersten, Steuerstäbe bleiben stecken, die Mäntel der Brennstäbe wie auch der Graphitmoderator reagieren mit dem Dampf, explosive Gase entstehen. Augenzeugen berichten später von zwei Explosionen. Aufnahmen zeigen, dass die mehrere tausend Tonnen schwere Reaktorabdeckplatte wie eine Münze in die Vertikale gehoben worden sein muss. Der Reaktor liegt nun offen und frei unter dem Nachthimmel. Das glühende Graphit im Reaktorkern fängt Feuer und brennt tagelang. Es ist dieser Graphitbrand, der die sowjetische zu einer globalen Katastrophe macht. Durch die enorme Hitze gelangen leichtflüchtige Radionuklide wie Iod 131 und Cäsium 137 in eine Höhe von 1.500 Metern: Die "Wolke" entsteht. Sie verteilt sich in den folgenden Stunden, Tagen, Wochen über Europa und die gesamte Nordhalbkugel. Dort, wo es regnet, geht der gefürchtete Fall Out nieder, das ist an diesen Frühlingstagen 1986 vor allem in Südosteuropa, Skandinavien, in Süddeutschland und Österreich der Fall.

Am stärksten betroffen sind jedoch Gebiete in der nördlichen Ukraine, in Weißrussland in den Gebieten um die Stadt Gomel sowie in Westrussland zwischen Tula und Orjol: Hier werden 150.000 Quadratkilometer kontaminiert, betroffen ist damit die Heimat von mehreren Millionen Menschen. Die rund 50.000 Einwohner der drei Kilometer vom Reaktor entfernten Stadt Prypjat werden noch innerhalb der ersten 40 Stunden evakuiert - das ist spät, aber für die Betroffenen noch nicht zu spät. Ein Gebiet im Radius von 30 Kilometern um den Unfallmeiler wird erst in den folgenden Tagen geräumt, 135.000 Menschen sind betroffen. Viele dieser erst später evakuierten Einwohner trinken auch noch kontaminierte Milch, deren Konsum die Behörden erst mehrere Tage nach dem Unfall eingeschränkt werden.

An der gefürchteten Strahlenkrankheit mit Hautverbrennungen, Schädigung des Knochenmarkes und des Magen-Darm-Traktes erkranken 134 Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Unfalls und danach unmittelbar in der Nähe des Reaktors aufhalten. 28 von ihnen, vor allem die Werksfeuerwehrleute und Helfer der ersten Stunden, sterben wenig später, nachdem man sie ohne Hoffnung auf Heilung als "Walking Ghosts" in einem Moskauer Spezialkrankenhaus abgeschirmt hat. Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat diesen Männern und ihren Angehörigen mit einer "Chronik der Zukunft" ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

In der Unglücksnacht speisen die Betriebsmannschaften und die Werksfeuerwehr mit Notpumpen Wasser in den zerstörten Reaktorkern, mit bloßen Händen, als handle es sich um einen Dachstuhlbrand. Dadurch droht jedoch kontaminiertes Löschwasser aus der Anlage zu fließen. Eine Verseuchung des Prypjat-Flusses, Trinkwassereinzugsgebiet der Millionenmetropole Kiew, würde alles noch verschlimmern.

In Moskau hat man zu diesem Zeitpunkt kein klares Bild der Lage. Zwar tagt bereits am Morgen nach der Unglücksnacht das Politbüro, es stellt eine Regierungskommission zusammen und schickte sie an den Unglücksort. Das wahre Ausmaß der Katastrophe sei den Beteiligten allerdings noch nicht klar gewesen, auch weil dem mächtigen Gremium Informationen vorenthalten worden seien - so stellt es Michael Gorbatschow später dar. Dem 1985 mit dem Versprechen von Glasnost (Offenheit) und Perestrojka (Umbau) angetretenen jungen Generalsekretär der KPdSU dürfte das Unglück verdeutlicht haben, dass die Führung auch Informationsfreiheit zulassen musste, schon allein, um selbst am Apparat vorbei an Informationen zu kommen. Das Unglück und der Umgang damit, die verschleppte Informationspolitik, bürokratische Reflexe, Heimlichtuerei, Vorhaltungen gegenüber dem Westen - all dies zeigt die Überforderung der alten Eliten. Gorbatschow glaubte zu diesem Zeitpunkt noch, das System lasse sich mit jüngeren Parteikadern reformieren. "Gorbatschow war damals ein Mensch, der vieles wusste, aber noch wenig begriff", so hat das der Historiker György Dalos einmal zusammengefasst. Tschernobyl erschütterte das Restvertrauen in die sowjetische Staatsmacht, deren Mantra es während der langen Breschnew-Jahre doch eigentlich war, für Stabilität zu sorgen und die Dinge im Griff zu haben.

Hinzu tritt ein aus heutiger Sicht "robustes" Verhältnis zu Risiken und technischen Gefahren (welches damals durchaus auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zu finden ist), das die Lage der Betroffenen vollkommen ausblendet. Als westliche Journalisten den Chef des "Staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz" der DDR, Georg Sitzlack, im Mai 1986 zu Tschernobyl und zur weiteren Nutzung von Kernenergie befragen, antwortet dieser kühl: "Jeder Schuster kloppt sich mal auf den Daumen. Wenn das der Maßstab wäre, hätten wir keine Schuhe."

Die Funktionäre klopfen die Sprüche, aufräumen müssen andere. Unter dem Befehl von General Nikolai Tarakanow beginnen Ende April und Anfang Mai Tausende "Liquidatoren" - Freiwillige und Soldaten -, den Graphitbrand in Tschernobyl zu ersticken: Hubschrauberstaffeln, teilweise eigens aus dem Afghanistankrieg eingeflogen, werfen tonnenweise Borcarbid und mehrere Tausend Tonnen Blei über dem Reaktor ab, um eine neue Kettenreaktion zu verhindern und die Gammastrahlung abzuschirmen. In Tausenden Flügen schütten sie Dolomitgestein, Beton, Kies sowie jede Menge Sand und Lehm als Filtermaterial ab. Ferngesteuerte Roboter und Raupen sollen hoch radioaktive Graphitbrocken in der Umgebung einsammeln, doch unter den extremen Bedingungen versagt die feindgliedrige japanische Elektronik den Dienst. Zum Einsatz kommen auch hier "Liquidatoren", die - notdürftig durch Bleiwesten und Schutzanzug geschützt und jeder jeweils nur für ein kurzes Intervall von wenigen Sekunden - strahlenden Müll mit Schippen und Schubkarre vom Dach des Maschinenhauses in den Reaktorkrater schaufeln. Den Durchbruch schaffen die Liquidatoren mit dem Kunststück, unter dem schwelenden Reaktor einen Tunnel zu graben und dort ein Stickstoffkühlsystem zu installieren. Dadurch stabilisierte sich die Temperatur, die Freisetzung von Radioaktivität geht zurück.

Wunde Weitere Hundertausende Aufräumarbeiter sind aber noch Wochen, Monate und Jahre mit den Folgen der Katastrophe beschäftigt: Sie waschen Dächer, Anlagen, Straßen und ganze Ortschaften, sie pflügen Boden um und tragen kontaminierte Erde ab, sie erschießen verstrahlte Wildtiere und ziehen einen Zaun um die 30-Kilometer-Zone. Über dem Reaktor errichten sie einen Sarkophag aus Beton und Stahl, der die geschätzten 180 Tonnen radioaktiven Material, die lavaartig erstarten Klumpen ("Elefantenfüße") provisorisch abdeckt. Die Wunde Tschernobyl wird bleiben und wohl noch Generationen beschäftigen. Auch die neue bogenförmige Schutzhülle ("New Safe Confinement"), die Sarkophag und Reaktor ab kommenden Jahr überwölben und hermetisch abschließen soll, ist nicht für die Ewigkeit gebaut. Geplant ist, dass Kräne unter ihrem Dach zunächst die einsturzgefährdeten Teile des Sarkophags entfernen, um ihn später ihn komplett zu demontieren und die radioaktiven Materialien zu bergen. Mit internationaler Hilfe soll dann von einem Menetekel des Atomzeitalters eine grüne Wiese übrig bleiben. Die Arbeiten könnten bereits 2117 abgeschlossen sein. 131 Jahre nach dem Unglück.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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