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SMARTPHONES Nation im digitalen Wettlauf

Vertrauen wir ihnen zu sehr? Was geschieht mit unseren Fähigkeiten, wenn wir immer mehr Aufgaben an sie delegieren?

29.08.2016
2023-08-30T12:30:06.7200Z
5 Min

Florian Schumacher ist ein Pionier der so genannten Selftracking-Bewegung. Schon vor Jahren hat der Münchner begonnen, seine Gesundheitswerte mit Hilfe von tragbaren digitalen Geräten, Fitnessarmbändern oder Smartwatches zu erheben. "Ich möchte meine Leistungsfähigkeit optimieren, also die Voraussetzungen für das schaffen, was ich in meinen Leben erreichen möchte", erklärt Schumacher. "Das tue ich, indem ich mich um körperliche Gesundheit, also um Fitness bemühe. Durch Bewegung, Ernährung und durch Schlaf."

Laut Umfrage des Digitalverbands Bitkom nutzen etwa 30 Prozent aller Smartphone-Besitzer ihr Gerät, um ihre Gesundheitswerte zu überwachen. Auch andere tragbare Geräte, so genannte "Wearables", liegen schwer im Trend. Sie messen Körpertemperatur, Bewegung, Puls, den Blutdruck und laden die Daten je nach Bedarf ins Internet, damit sie mit Daten anderer oder mit Empfehlungen von Medizinern verglichen werden können. Für Florian Schumacher sind solche Statistiken eine wertvolle Hilfe: "Ich habe mit dem Feedback der Geräte gelernt, was es bedeutet, mich im Alltag gesund zu bewegen." Der Ingenieur hat den deutschen Ableger von "Quantified Self" gegründet, eine Bewegung von Menschen, die sich mit digitalen Hilfsmitteln vermessen und optimieren.

Wir nutzen das Smartphone, um zu kommunizieren, zu lernen, unsere Welt zu vermessen, sie zu organisieren und zu optimieren. Information, Kommunikation und Terminplanung - alles läuft über Apps. Digitale Anwendungen überweisen Geld, sie zeigen an, ob ein Regenschauer das geplante Picknick vermiesen wird, ob man zu einem bestimmten Partner passt.

Sie übernehmen immer mehr Aufgaben. Aber verlernen wir damit nicht auch grundlegende Fähigkeiten? Geht unsere Phantasie, unsere Intuition, unser Körpergefühl verloren? So wie in dem Blondinen-Witz, in dem der Arzt die Patientin auffordert, gefälligst den Kopfhörer abzunehmen, ihn am Ende herunterzieht und die Patientin zusammensackt? Aus dem Kopfhörer wispert die Aufforderung: "Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen." Wer die App "Deep Sleep" herunterlädt, fühlt sich frappierend an den Witz erinnert. "Einatmen, ausatmen", spricht eine sonore Männerstimme. Sie soll beim Entspannen helfen.

Medienkompetenz bei Kindern Entspannen mit dem Smartphone - das gilt längst als unauflösbarer Widerspruch. Psychologen, Mediziner, Eltern, Lehrer, Gewerkschaften - sie alle warnen vor zu viel Stress durch das Smartphone. Der Medizin-Nobelpreisträger und Hirnforscher Thomas Südhof erklärte kürzlich, die ständige Kommunikation und Erreichbarkeit führe zum Burn-out. Bei Kindern müsse eine besondere Vorsicht beim Umgang mit dem Smartphone gelten.

Für mehr Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen setzt sich Stefanie Rack von der EU-Initiative Klicksafe ein. "Wenn Schüler das Gefühl haben, immer online sein zu müssen, kann das zu enormem Stress führen", sagt Rack. "Wir alle sollten uns fragen, wie abhängig wir bereits von unserem Handy sind." Klicksafe entwickelt Unterrichtsmaterial, das Jugendliche anleiten soll, ihren Smartphone-Gebrauch besser zu kontrollieren und ihre Handys sinnvoller zu nutzen. Darin wird beispielsweise zum "Handyfasten" aufgerufen. Das Smartphone darf hierbei eine Woche lang nur in absoluten Ausnahmefällen benutzt werden, anschließend sollen die Schüler ihre Erfahrung mit anderen diskutieren.

Warnungen und nochmals Warnungen - wo aber bleiben die Vorteile der Digitalisierung? Haben wir vor lauter Skepsis vergessen, wie nützlich die Smartphone-Apps sind? Sie gewähren Zugriff auf Informationen sekundenschnell. Sie ermöglichen, Dienstleistungen jederzeit und an jedem Ort in Anspruch zu nehmen. Bahnreisende verfügen über einen mobilen Fahrplan, der stets auf dem aktuellen Stand ist, sie laden ihr Ticket einfach auf das Smartphone. Autofahrer, Radler und Wanderer planen ihre Routen per Navi-App und wissen jederzeit, wo sie sich befinden. Dies dient nicht nur der Orientierung, sondern auch der persönlichen Sicherheit. Geschäftsreisende stehen über das Smartphone in stetigem Kontakt mit ihrem Unternehmen und der Familie zu Hause. Sie buchen ihr Hotel mit dem Smartphone und lassen sich von einer App das nächstgelegene Restaurant empfehlen. Patienten, die auf dem Land leben, lassen ihre Gesundheitswerte von einem Arzt in der Stadt kontrollieren. Im Notfall ruft die App um Hilfe.

Kein Zweifel: Apps verbessern das Leben - wenn man sie richtig nutzt. Voraussetzung dafür ist das Wissen darüber, wie sie technisch funktionieren und welche mentalen Mechanismen am Werk sind. Wer etwa seine persönlichen Daten besinnungslos ins Internet hochlädt, beweist Vertrauen nicht nur in die Geräte, sondern in die Verschwiegenheit der IT-Konzerne. Seit kurzem belohnt die Versicherung Generali ihre Kunden, wenn sie ihre Gesundheitsdaten übermitteln. Wer einen gesunden Lebensstil pflegt, erhält Prämien und einen günstigeren Tarif. Während die einen die Individualisierung des Risikos begrüßen, sehen andere darin einen Angriff auf das solidarische Gesundheitssystem.

Wie in einer Spielbank Ebenso kontrovers wird derzeit die Frage diskutiert, wie Apps unser soziales Leben verändern und wie sie unsere Wahrnehmung beeinflussen. Die Erwartungen sind riesig: Beauty-Apps sollen uns schöner machen, Sport-Apps gesünder, Kommunikations-Apps interessanter. Der Informatiker Alexander Markowetz hat herausgefunden, dass der durchschnittliche Smartphone-Nutzer sein Gerät zweieinhalb Stunden am Tag nutzt. Sieben Minuten davon telefoniert er. 53 Mal entsperrt er es, um Nachrichten-Apps, Soziale Medien und Spiele zu nutzen. Snapchat, Instagram, Facebook, Twitter - in den sozialen Medien läuft ein Wettrennen um Aufmerksamkeit. Psychologen verweisen darauf, dass der ständige Vergleich mit anderen bis in die Depression führen kann. Oder in die Sucht. Der ehemalige Google-Produktmanager Tristan Harris verglich die sozialen Medien im Magazin "Spiegel" mit einer Spielbank: Die digitale Welt suggeriere, dass es da draußen immer noch etwas Besseres gebe, sagte er.

Doch lässt sich die reale Welt von der digitalen Welt überhaupt trennen? Unbedingt, sagt der Soziologe Hartmut Rosa, der sich in seinem aktuellen Buch "Resonanz" an der Definition des erfüllten Lebens versucht. "Menschen, die ein gelingendes Leben führen, haben eine lebendige Verbindung etwa zu anderen Menschen, zur Natur, zu ihrer Arbeit", sagt Rosa. Soziale Medien aber würden echte Resonanz nur vortäuschen. "Gerade deswegen sind sie so attraktiv", stellt er fest. Die Geräte rauben uns also die Zeit, die wir in der Wirklichkeit zubringen könnten? Was aber ist mit den Möglichkeiten zur Entschleunigung, die Apps auch bieten, etwa Meditations-Apps? Auch sie dienten nur der Optimierung, indem sie einen leichten Zugang zur Muße vorgaukeln. Wirkliche Muße hingegen stelle sich ein, "wenn das Tagwerk vollbracht ist und alle legitimen Erwartungen an einen selbst, und die man an die Welt hat, erfüllt sind", so Rosa.

Alle Erwartungen erfüllt - das wäre der Zeitpunkt, an dem das Smartphone theoretisch auch abschalten könnte. Jetzt müsste man es nur noch tun. Das werden wir User wohl noch lernen müssen: zu unterscheiden, wann und zu welchem Zweck die digitalen Geräte nützlich sind. Und, dass es auch mal ohne sie geht.

Der Autor ist freier Journalist in Berlin.